Archivierter Artikel vom 27.08.2012, 08:00 Uhr

Armstrongs letzter Schritt

Er war 82 Jahre alt, der erste Mann auf dem Mond, und doch kam sein Tod überraschend. Am 7. August, nur zwei Tage nach seinem Geburtstag, hatte sich Neil Armstrong in einer Klinik in Cincinnati einer Bypass-Operation unterzogen. Zunächst schien er sie gut verkraftet zu haben, er sei auf dem Weg der Genesung gewesen, hieß es aus dem Kreis seiner Familie. Am Samstagnachmittag Ortszeit folgte die traurige Nachricht: „Wir sind untröstlich, mitteilen zu müssen, dass Neil Armstrong an den Folgen eines Herzeingriffs verstorben ist.“

In der Öffentlichkeit hatte man den Astronauten sowieso nur selten gesehen. Aber das lag weniger an körperlicher Schwäche, sondern vielmehr an seiner reservierten, bescheidenen Art, die so gar nicht zum amerikanischen Zeitgeist passen wollte. Hin und wieder hielt er vor Akademikern einen Vortrag, mit Reportern dagegen sprach er so gut wie nie, weshalb ihn die Presse den Eremiten von Cincinnati nannte. Er muss es förmlich gehasst haben, das Scheinwerferlicht eines Medienauftritts. Man konnte es sehen, als die Raumfahrtbehörde Nasa 2009 40 Jahre Mondlandung feierte und Armstrong über weite Strecken durch Abwesenheit glänzte, während sein Kollege Edwin „Buzz“ Aldrin das Erinnerungsprogramm fast allein bestritt. Neil sei einer der scheuesten Menschen, die er kenne, sagte Aldrin. Janet Armstrong, die erste Ehefrau des unfreiwilligen Helden, hat die Einsilbigkeit einmal mit ausgeprägtem Teamgeist begründet. „Er fühlt sich schuldig, dass er all den Beifall bekommt für eine Leistung, an der Zehntausende beteiligt waren“, sagte sie.

Seine Füße berührten den weichen Mondboden

Es war am 20. Juli 1969, als Armstrong Geschichte schrieb, um 21.56 Uhr nach der bei der Nasa in Houston geltenden Zeit, Central Standard Time (CST). In Europa dämmert bereits der nächste Morgen, Armstrong klettert auf der schmalen Leiter einer Raumfähre hinab, bevor Aldrin ihm folgt. Seine Füße berühren den pulverweichen Mondboden, dessen Konsistenz er mit Holzkohlenasche vergleicht, als Nächstes sagt er einen Satz für die Ewigkeit. „That’s one small step for man, one giant leap for mankind.“ „Das ist nur ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit.“ Auf der Erde sind sie überrascht, wie poetisch der große Schweiger auf einmal sein kann. „Sonst ist ein Ja oder ein Nein für ihn schon eine große Unterhaltung“, wird der Buchautor Craig Nelson später einen Nasa-Techniker zitieren. Armstrongs Sohn Rick sagt es noch flapsiger. „Normalerweise antwortet Dad gar nicht, wenn du ihn etwas fragst.“

„Der Adler ist gelandet.“

Am 16. Juli war die 110 Meter hohe „Saturn V“ – konstruiert von Wernher von Braun, dem einstigen Raketenbauer Adolf Hitlers – in Cape Kennedy in Florida gestartet, um das Raumschiff „Apollo 11“ ins All zu bringen. Am 20. Juli um 13.47 Uhr CST meldete die Besatzung ans texanische Hauptquartier: „Der Adler hat Flügel.“ Bald folgten die entscheidenden, befreienden Worte: „Der Adler ist gelandet.“ Gemeint war die spinnenbeinige Raumfähre, die das letzte Stück zurücklegte, von der „Apollo“-Kapsel im Orbit zur Mondoberfläche. Die legendären Worte verrieten freilich nichts von den Dramen, die sich hinter den Kulissen abspielten.

Während des kurzen Anflugs meldete ein Computer Alarm; Armstrong beschloss, es zu ignorieren. Nach dem ursprünglichen Plan sollte er auf dem ebenen Terrain des Meeres der Ruhe landen, doch der Autopilot ließ ihn übers Ziel hinausschießen. Er musste improvisieren, länger dahinschweben als geplant, wollte er nicht inmitten gefährlicher Felsbrocken Schaden riskieren. Der Sprit ging zur Neige, in Houston raunte Chefkontrolleur Gene Kranz einem Assistenten nervös zu: „Erinnere ihn daran, dass es auf dem Mond keine verdammten Tankstellen gibt.“ 16 Sekunden bevor der Treibstoff für die Landephase ausging, berührte die Fähre endlich den Boden.

Zurück auf Erden, wurden die Helden im kollektiven Gefühl des Stolzes herumgereicht, „Giant Step“ hieß die Tournee, zu der sie aufbrachen. In den Straßenschluchten Manhattans regnete es nicht nur Konfetti, sondern auch Computerlochkarten. Übermütige Angestellte warfen sie packenweise aus den Bürofenstern der Wolkenkratzer. Manchmal passierte es, dass so ein Packen nicht rechtzeitig in seine Einzelblätter zerfiel und mit der Wucht eines Ziegelsteins unten aufschlug. „Wir hatten zwei Beulen in unserem Auto“, beschrieb es Armstrong in lakonischer Kürze.

Genug vom Rummel

Bereits 1976 wollte der Mondpionier entnervt wissen, wie lange es denn noch dauere, „bis ich aufhöre, der Weltraummann zu sein“. Der schüchterne Beamtensohn aus Wapakoneta in Ohio, im Koreakrieg Kampfflieger, danach Testpilot superschneller Flugzeuge, hatte längst genug von dem Rummel. Um seine Ruhe zu haben, kaufte er eine Farm in ländlicher Idylle. Autogramme gab er keine mehr, überhaupt, er mied Souvenirjäger, seit er entdeckt hatte, dass sein Friseur Armstrong-Haarsträhnen für 3000 Dollar an Sammler verhökerte (den Friseur hat er danach auch gewechselt).

Schließlich war es die Sorge um die Zukunft amerikanischen Forscherdrangs, die den Abgeschiedenen seine Zurückhaltung für kurze Zeit aufgeben ließ, wenige Monate nach der Wahl Barack Obamas. Die Finanzkrise, gepaart mit exorbitanter Staatsverschuldung, ließ kaum Spielraum für neue Riesensprünge ins All. Ergo ließ Obama kurzerhand streichen, was sein Vorgänger George W. Bush noch angepeilt hatte: bis 2020 auf den Mond zurückzukehren, um von dort neue Missionen in die kosmische Ferne zu starten. Auf dem Mond, so das Argument, sei man ja bereits gewesen. Armstrong protestierte untypisch laut im US-Senat. Dort äußerte er profunde Skepsis angesichts der neuen Regierungspolitik, bei der staatlichen Raumfahrtbehörde zu sparen und stattdessen auf billigere private Anbieter zu setzen, etwa auf Elon Musk, einen Unternehmer aus Südafrika, der mit Software ein Vermögen gescheffelt hatte. „Die Nasa muss Wege finden, um das Vertrauen ihrer verwirrten und deprimierten Angestellten wiederherzustellen“, forderte er – vor elf Monaten – vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses.

Sein Tod lässt das alles in den Hintergrund treten, den Streit der vergangenen Jahre zur Fußnote werden. „Neil war einer der größten amerikanischen Helden, nicht nur zu seiner Zeit, sondern für alle Zeiten“, sagte Obama. „Als Neil seinen Fuß auf den Mond setzte, war es ein Moment menschlicher Errungenschaften, der niemals vergessen wird.“ Armstrongs Angehörige richten ihrerseits an alle, die den Verstorbenen ehren wollen, eine einfache Bitte. „Wenn Sie das nächste Mal in einer klaren Nacht nach draußen gehen und der Mond zu Ihnen herunterlacht, denken Sie an Neil Armstrong und zwinkern Sie ihm zu.“

Von unserem Korrespondenten Frank Hermann