Archivierter Artikel vom 15.08.2011, 10:24 Uhr
Rheinland-Pfalz

Am Lkw-Steuer herrscht Fachkräftemangel

Immer mehr Lkw-Transporte, aber immer weniger qualifiziertes Personal: Diesen gefährlichen Trend auf Deutschlands Straßen beklagen nicht nur Verkehrsexperten, sondern auch die Spediteure selbst. Zwar ist die Zahl der Lkw-Unfälle im ersten Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahr gesunken, doch ein Blick in die Zukunft treibt Experten die Sorgenfalten ins Gesicht. Die Zahl der Fachkräfte kann mit dem rasanten Wachstum des Güterverkehrs nicht mithalten.

Auffahrunfälle gibt es jeden Tag zahlreiche. Doch bei Lastwagen sind sie besonders gefährlich. In diesem Fall hat der Fahrer des Silozugs den Aufprall nicht überlebt.
Auffahrunfälle gibt es jeden Tag zahlreiche. Doch bei Lastwagen sind sie besonders gefährlich. In diesem Fall hat der Fahrer des Silozugs den Aufprall nicht überlebt.
Foto: dpa

Rheinland-Pfalz – Immer mehr Lkw-Transporte, aber immer weniger qualifiziertes Personal: Diesen gefährlichen Trend auf Deutschlands Straßen beklagen nicht nur Verkehrsexperten, sondern auch die Spediteure selbst. Zwar ist die Zahl der Lkw-Unfälle im ersten Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahr gesunken, doch ein Blick in die Zukunft treibt Experten die Sorgenfalten ins Gesicht. Die Zahl der Fachkräfte kann mit dem rasanten Wachstum des Güterverkehrs nicht mithalten.

Dabei sieht ein Blick auf die Statistik zunächst positiv aus. Weniger Lkw-Unfälle als im Vorjahr haben sich im ersten Halbjahr 2011 auf den Straßen in Rheinland-Pfalz ereignet – allerdings immer noch mehr als 2009. Hochgerechnet auf das Jahr, ging auch die Zahl der bei Lkw-Havarien Getöteten deutlich zurück – in den ersten sechs Monaten starben 14 Menschen, während es im gesamten Jahr 2010 noch 41 waren. Einzig die Zahl der Schwerverletzten nahm im ersten Halbjahr 2011 zu, teilte das Mainzer Verkehrsministerium mit.

Die Wahrnehmung vieler Autofahrer geht derweil in eine andere Richtung, denn zuletzt haben zahlreiche Lkw-Unfälle in der Region für Aufsehen gesorgt. Deren Folge: Vollsperrungen, stundenlange Staus, über die Fahrbahn verstreute Ladung und im schlimmsten Fall Todesopfer. Einer der Gründe: Der Güterkraftverkehr ist in den vergangenen Jahren rasant gewachsen – von 2004 bis 2025 rechnet das Bundesverkehrsministerium mit einem Zuwachs von 70 Prozent. Doch zugleich finden die Speditionen auch nach Ansicht der eigenen Zunft immer seltener gut ausgebildete, erfahrene Fernfahrer. Immer öfter finde man Teilzeitkräfte oder Rentner hinter dem Steuer.

Die Politik weiß, dass sie gegensteuern muss, und hat deshalb vor wenigen Jahren die Berufskraftfahrerqualifikation verpflichtend gemacht, um Standards in der Branche zu sichern. Doch zwischen Qualifikation und Praxis klafft oft eine Lücke: „Viele wissen genau, wie sie absolut sicher laden könnten, aber sie machen es nicht, weil sie zu wenig Zeit dafür haben“, erklärt ein Fernfahrer mit Bezug auf den hohen Druck in der Branche. Um Lagerkapazitäten zu sparen, arbeiten viele Firmen nach dem „Just in time“-Prinzip: Statt selbst Lagerkapazität vorzuhalten, verlangen sie eine pünktliche Anlieferung der Waren genau dann, wenn sie gebraucht werden. Das setzt die Spediteure unter zusätzlichen Zeitdruck. Bei derart anstrengenden Touren auf der Autobahn schleichen sich bei vielen automatisch Nachlässigkeiten ein.

Die Kontrollen der Polizei offenbaren deshalb zahlreiche Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten, Beladungsrichtlinien und ebenso technische Mängel. „Bei mehr als 70 Prozent der Fahrzeuge, die wir herauswinken, finden wir auch Verstöße“, erklärt Martin Velten, Leiter der Schwerverkehrskontrollgruppe des Polizeipräsidiums Koblenz. Doch Velten schränkt ein: „Natürlich sieht das erfahrene Polizistenauge, wer ein potenzieller Kandidat ist. Über den Gesamtverkehr sagt diese Zahl deshalb gar nichts aus.“

Die Fahrer indes nennen Ross und Reiter: Rumänien, Bulgarien und Länder außerhalb der EU machen eher Schwierigkeiten. Allerdings könne man nicht sagen: Ostblock gleich unprofessionell. „Gerade die Polen haben mit EU-Subventionen gut aufgeholt.“ Doch schwarze Schafe gibt es genug: „Es kommt immer wieder vor, dass ich beim Vordermann sehe, wie die Plane durch schlecht gesicherte Ladung ausgebeult wird oder die Spanngurte herunterbaumeln“, berichtet ein Fernfahrer. Er geht mit seinem 40-Tonner dann direkt auf Distanz.

Von unserem Redakteur Peter Lausmann