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Koblenz

Zu Besuch in der alten Heimat

Die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz hat ehemalige jüdische Mitbürger aus dem Raum Koblenz eingeladen. Dank der Unterstützung vieler Förderer konnte erneut eine Reihe von Veranstaltungen angeboten werden.

Foto: Christoph Simonis

Das Wort „Heimat“ ist derzeit in mancher Munde. Was Heimat ausmacht, wissen am ehesten und schmerzlichsten Menschen, die sie auf der Flucht vor brutaler Verfolgung verloren haben: vertraute Gesichter, wortlos geteilte Grundüberzeugungen, geläufige Sprache, vielfach gegangene Wege, bekannte Alltagsgeräusche, gewohnte Gerüche, das mit den Jahreszeiten wechselnde Licht.

Nicht wenige Menschen aus der Stadt Koblenz und ihrer Umgebung haben in den Zeiten der NS-Gewaltherrschaft ihre Heimat aufgeben müssen, um ihr Leben zu retten. Seit 33 Jahren ist es deshalb Tradition, dass die Christlich-Jüdische Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz ehemalige jüdische Mitbürger aus dem Raum Koblenz zu einem „Heimatbesuch“ einlädt und sie in ihrer alten Heimat willkommen heißt.

Vom 12. August an waren einstige Mitbürger bzw. deren Nachfahren in der Stadt. Oft hoch betagte, meist aus dem Ausland (Israel, USA) kommende Gäste hatten die Möglichkeit, das heutige Koblenz eine Woche lang als eine sich ihrer Geschichte bewusste, freundliche Stadt zu erleben.

Dank der großzügigen Unterstützung zahlreicher Förderer konnte erneut eine Reihe von Veranstaltungen angeboten werden. Nach dem offiziellen Empfang der Gäste durch den 1. Vorsitzenden der Christlich-Jüdischen Gesellschaft am Sonntagabend begann die Woche mit einer Gedenkstunde auf dem jüdischen Friedhof in Koblenz und einem geselligen Beisammensein mit Mitgliedern der Jüdischen Kultusgemeinde im Gemeindesaal der Synagoge. Frauen der Gemeinde sorgten dankeswerterweise für das leibliche Wohl. Ein Vortrag von Lea Sasson (eine der Gäste) entführte in deren zweite Heimat, nach Israel. Gekonnt schlug die Referentin den Bogen von der frühen Bronzezeit über verschiedene geschichtliche Etappen bis hin zur aktuellen politischen Situation in Israel.

Am Dienstag stand ein Schiffsausflug der Gäste, begleitet auch hier von Mitgliedern der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, nach Boppard an. Ein Besuch der ehemaligen dortigen Synagoge, heute in Privatbesitz, machte die Geschichte von Juden in dieser Stadt lebendig. Am Nachmittag erlebte die Gruppe die engagierte Führung eines Ehrenamtlichen, der die Basilika St. Severus mit ihren verschiedenen kulturhistorisch interessanten Besonderheiten vorstellte.

Ein weiterer Höhepunkt des Heimatbesuchs war der Empfang durch die Stadt Koblenz, verbunden mit einem gemeinsamen Mittagessen. Die Kulturdezernentin, PD Dr. Margit Theis-Scholz hieß die Gäste anstelle des kurzfristig verhinderten Oberbürgermeisters willkommen und würdigte in ihrem Grußwort die Arbeit des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz, des Freundschaftskreises Koblenz-Petah Tikwa und der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, die jeweils durch Vorstandsmitglieder vertreten waren.

Nachdem die Gäste am Donnerstag ihre ganz persönlichen Erinnerungsorte in Koblenz und Umgebung aufgesucht hatten, rundete am Freitagvormittag ein Gespräch mit Schülern den „Heimatbesuch“ ab. Junge Menschen aus Koblenz und Mitglieder der Christlich-Jüdischen Gesellschaft erfuhren dabei im Dialog mit den Gästen ganz unmittelbar, was Zeiten bedeuten, in denen Werte wie Toleranz, Freiheit und Demokratie mit Füßen getreten werden.

Bei einem abschließenden Kaffeetrinken, veranstaltet vom Freundschaftskreis Koblenz-Petah Tikva, waren sich Gastgeber und Gäste einig, dass es – wie jedes Jahr – die Begegnungen und Gespräche waren, die dem Heimatbesuch seine besondere Bedeutung geben. Unter dem Vorbehalt „So Gott will und wir leben“ versprach man sich ein Treffen in Koblenz im nächsten Jahr, wohl mit einem dem inzwischen hohen Alter der Gäste geschuldeten etwas anderen Veranstaltungsformat. Dr. Wilma Rademacher-Braick

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