Archivierter Artikel vom 15.12.2017, 14:47 Uhr
Bonn

Leicht gesagt: Dolmetschen in Leichter Sprache

Wer sich im Sitzungssaal des Bundestages oder des EU-Parlaments umschaut, kann sie kaum übersehen: die vielen Dolmetscherkabinen. In ihnen sitzen kundige Übersetzer, die den Anwesenden im Saal die laufenden Reden verständlich machen – in Dutzenden Sprachen der Welt. Auch ein Gebärdensprachler ist stets mit dabei. Gesprochenes für Gehörlose verständlich zu machen, ist heute Normalität. Es gehört selbstverständlich dazu, um sprachliche Barrieren abzubauen.

Marta FröhlichLesezeit: 4 Minuten

Dolmetschen in Fremdsprachen ist keine Seltenheit mehr – ganz im Gegensatz zu Leichter Sprache. Anne Leichtfuß ist die erste Simultanübersetzerin für diese besondere Sprache in Deutschland. Und ihre Klientel braucht sie mehr denn je.
Dolmetschen in Fremdsprachen ist keine Seltenheit mehr – ganz im Gegensatz zu Leichter Sprache. Anne Leichtfuß ist die erste Simultanübersetzerin für diese besondere Sprache in Deutschland. Und ihre Klientel braucht sie mehr denn je.
Foto: Sandra Stein
Doch Anne Leichtfuß reicht das nicht. „Es gibt immer noch so viele Situationen, in denen ich nicht verstanden werde. Das liegt nicht daran, dass mich jemand nicht hören kann, sondern dass er den Inhalt schlicht nicht versteht“, betont die Bonnerin. „Das muss sich ändern“, beschloss sie einst und ist heute die erste deutsche Simultanübersetzerin für Leichte Sprache. Darunter versteht man eine Sprache, die deutlich einfacher ist als unsere Umgangssprache. Sie folgt klaren Regeln. Dazu gehört, dass die Sätze recht kurz sind und nur eine Aussage enthalten. Auch auf übermäßige Ausschmückungen sowie Verschachtelungen in viele Nebensätze wird verzichtet. Fachwörter werden vermieden oder zusätzlich erklärt. So verstehen auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder solche, die gerade erst beginnen, Deutsch zu lernen, das Gesprochene deutlich besser.

Anne Leichtfuß' Klientel ist so bunt wie ihre Einsatzorte. An sie wenden sich vorwiegend Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geistigen Behinderungen, die an Tagungen, Kongressen oder Sitzungen teilnehmen möchten. Sie buchen die Übersetzerin für Termine, zu denen die sie begleitet. „Ich sitze dann meist direkt daneben oder bin über ein Mikro und Kopfhörer mit meinem Klienten verbunden“, erklärt die Dolmetscherin. Seit einiger Zeit sitzt Leichtfuß, die im Rahmen ihrer Ausbildung auf die bestehenden Schwierigkeiten aufmerksam geworden ist, auch regelmäßig in einer jener Dolmetscherkabinen im Deutschen Bundestag, um bei Bedarf die Sitzungen in Leichte Sprache zu übersetzen.

Während ihres Studiums des Onlinejournalismus machte sie in Bonn ein Praktikum in der Zentrale von „Ohrenkuss“, einem Magazin von Menschen mit Down-Syndrom. „Da habe ich mich das erste Mal so richtig gefragt, warum niemand darauf achtet, dass diese Menschen den Anschluss nicht verlieren“, erinnert sich Leichtfuß. Für sie selbst war der Umgang mit Menschen mit Behinderungen Normalität. Schon im Kindergarten, der mit einer Kita für körperbehinderte Kinder kooperierte, hatte sie gelernt, dass die Menschen unterschiedlich sind.

Doch erst bei „Ohrenkuss“ fiel ihr auf, wie häufig gerade behinderte Menschen mit Verständnisschwierigkeiten zu kämpfen haben. „Unsere Welt ist geprägt von Sprache und Schrift. Das hat zur Folge, dass nicht immer jeder mitkommt. Deshalb kam bei mir die Frage auf, was es braucht, um besser verstanden zu werden. Wie müssen zum Beispiel Internetseiten aufgebaut sein, damit sie auch Menschen mit Lernschwierigkeiten verstehen?“, erklärt sie das Thema ihrer Bachelor-Arbeit. Für Sprachverständlichkeit auf Internetseiten gibt es im Gegensatz zu Schriftgrößen und rechtlichen Angaben bisher keine gesetzliche Regelung. Das hat zur Folge, dass kaum eine Behörde oder Kommune ihre Inhalte auch bezüglich der Verständlichkeit barrierefrei gestaltet. „Daraufhin habe ich eine Befragung durchgeführt, ob eine Assistenz, wie wir sie bei Körperbehinderten haben, auch im Bezug auf Sprache gebraucht wird.“

Und der Bedarf war größer, als die Dolmetscherin dachte. Sie bildete sich an verschiedenen Instituten fort, lernte das Übersetzen in Leichte Sprache. Erste Gehversuche als Simultanübersetzerin machte Leichtfuß bereits 2013, als ein inklusives Theatertreffen Dolmetscher für Leichte Sprache suchte. „Das war irre anstrengend, aber auch so eine tolle Erfahrung“, erinnert sie sich. Als sich herumsprach, dass die Bonnerin diesen speziellen Dolmetscherdienst anbietet, klingelte immer häufiger das Telefon. „Immer mehr Menschen fragten an, ob ich sie zu Veranstaltungen begleiten kann“, erzählt sie.

Heute dolmetscht sie Fachvorträge aus den unterschiedlichsten Themengebieten – meistens im inklusionspolitischen Kontext, aber auch Fachveranstaltungen wie medizinische Kongresse. „Dabei ist wichtig, dass ich vorab so viele Infos wie möglich zu den Inhalten bekomme. Dann habe ich Zeit, mich vorzubereiten. Ich stelle mir zum Beispiel eine Liste mit den wichtigsten Begriffen und den Erklärungen in Leichter Sprache zusammen – schließlich bin ich kein Wissenschaftler, der die Fachwörter auf Abruf kennt“, räumt Leichtfuß lächelnd ein.

Gute Vorbereitung ist für die Einsätze als Simulatanübersetzerin die halbe Miete. Denn das Dolmetschen in Leichte Sprache unterscheidet sich grundlegend von dem in gewöhnliche Fremdsprachen. „Ich muss im Grunde die Struktur des Textes verändern. Häufig muss ich Informationen anders positionieren, sie nach hinten schieben oder in einem eigenen Absatz erklären, sodass alles verständlich wird“, berichtet Leichtfuß aus ihrer Praxis. „Manchmal dauert meine Übersetzung auch etwas länger als der Vortrag selbst, weil ich mehr Informationen liefern muss. Aber ich versuche, nicht allzu sehr zu überziehen“, sagt sie augenzwinkernd.

Der Aufwand lohnt sich, ist Leichtfuß überzeugt. Mit ihrer Arbeit verhilft sie Menschen zur Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben. Sie baut Hürden ab und animiert Bürger, die sich bisher ausgegrenzt fühlten, den Schritt zu mehr Beteiligung zu wagen. „Doch im Grunde fehlt die Leichte Sprache noch überall“, bekräftigt sie. Noch immer ist die Nachrichtenlandschaft nicht barrierefrei genug, und Leichtfuß würde sich auch mehr Spaßliteratur für ihre Klientel wünschen. „Schließlich gibt es so viele Leser, die mehr wollen als reine Informationsvermittlung“, sagt sie. Literatur, Unterhaltung, sprachliche Vielfalt – auch das ist Inklusion. Davon ist Anne Leichtfuß überzeugt. Marta Fröhlich

In leichter Sprache: Leicht gesagt

Hier finden Sie den Text in Leichter Sprache, lange Wörter sind deshalb getrennt:

Anne Leicht-Fuß hat einen besonderen Job.
Sie über-setzt Schwere Sprache in Leichte Sprache.

Menschen, die Schwere Sprache nicht gut verstehen, können Anne Leicht-Fuß buchen.

Dann kommt Anne Leicht-Fuß
mit zu Terminen.
Zum Beispiel zu Vorträgen.

Dann kann sie direkt die Reden über-setzen.

So kann jeder die Reden verstehen.
Und kann so besser teil-haben

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