Archivierter Artikel vom 25.07.2016, 12:32 Uhr

Ida im Weinberg

Die kleine Ida lebte mit ihren Eltern am Rande des lieblichen Ahrgebirges. Besonders von den roten Trauben reiften hier die köstlichsten Weine. Hier wuchs die kleine Ida auf und führte ein glückliches Zwergenleben. Sie war ein winziges Weinbergszwergenkind. Auch Ihre Eltern waren Weinbergszwerge. Sie waren die guten Geister der Schieferlagen. Die Menschen liebten sie, obwohl sie noch niemals einer gesehen hatte.

Trotzdem war es üblich, dass die Winzer bei der Lese im Herbst immer die eine oder andere Traube am Rebstock ließen, um die Zwerge gut zu stimmen und nicht abwandern zu lassen. Den kleinen Geistern schrieb man zu, dass die Weinbauern jedes Jahr gute Ernten einbrachten, wenn sie den Weinberggeistern ein paar Früchte überließen.

Die kleine Ida tollte gern zwischen den Rebstöcken herum. Wenn sie müde war, legte sie sich unter ein Weinblatt und ruhte hier aus. So lag sie auch an jenem Sommertag im Schatten und döste vor sich hin. Plötzlich hörte sie Hufgetrappel, das schnell näher kam. Ehe sie sich's versah, kam Anna, ein kleines Mädchen, auf ihrem Pony um die Wegbiegung getrabt. Die Mähne des Pferdchens und die langen, blonden Haare der jungen Reiterin flatterten im Wind. Die Sonnenstrahlen zauberten tausend goldene Blitze hinein. Ida fand Gefallen an dem Anblick, den sie sich ganz fest einprägen wollte. Ihr Zwergenherzchen klopfte ganz laut, dass sie glaubte, es müsse zerspringen.

Von diesem Tag an beobachtete Ida den Weinbergsweg etwas genauer, in der Hoffnung, das Reiterpaar einmal wiederzusehen. Aber Wochen zogen ins Land, und kein Pony zeigte sich.

Bis endlich, endlich an einem ganz heißen Tag das ersehnte Klack-Klack-Klack der Hufe ertönte. Aber was war das? Das kleine Pferd ging ganz langsam, den Kopf hatte es weit nach vorn gebeugt, und die Reiterin saß schwankend auf dem Pferderücken. Nun blieb das Pony stehen. Das Mädchen war kraftlos aus dem Sattel geglitten und legte sich mit letzter Kraft am Wegrand unter die erste Rebe. Sein Kopf war hochrot, und es sprach wirre Worte, welche niemand verstehen konnte.

Ida war sofort klar, die Kleine war zu lange durch die sengende Hitze geritten und hatte einen schlimmen Sonnenstich. Sie musste jetzt ganz schnell handeln und dem Mädchen helfen.

Glücklicherweise wusste sie, dass ganz in der Nähe im Walporzheimer Fels die Eifelquelle war. Hier labten sich in lauen Nächten bei rauschenden Sommernachtsfesten die Elfen, Gnome und Zwergengeister vom Ahrtal. Aber jetzt, am helllichten Tag, war es schon gefährlich für Ida, dorthin zu laufen. Am Tage bedienten sich die Menschen oft mit diesem Wasser, weil es besonders gesund und mineralhaltig war. Aber sie waren häufig unachtsam und hätten ein Zwergenkind unbemerkt zertreten können.

„Hoffentlich geht alles gut“, dachte Ida unterwegs. Ihre Sorgen waren unnötig. Weit und breit war kein Mensch. Sie nahm sich rasch ein Blatt der Pestwurz, drehte es zusammen wie eine Tüte und ließ das wertvolle Nass hineinlaufen. Mit dem gefüllten Blatt war sie schnell wieder bei dem Mädchen, das Anna hieß, wie sie bald erfuhr, angelangt. Zuerst feuchtete sie ihr die spröden Lippen an, verteilte Wasser auf Stirn und Schläfen und kühlte so ihr Gesicht.

Als Anna allmählich wieder erwachte, war sogar noch ein wenig Wasser übrig, das sie trinken konnte. Wie im Traum sah sie Ida an und fragte: „Wer bist du? Wo kommst du her?“ „Psst“, sagte Ida, „bleib ganz ruhig noch etwas hier und erhole dich. Ich heiße Ida aus dem Weinberg. Wir Weinbergzwerge sind die guten Geister hier und helfen den Menschen.“

„So, wie du mir geholfen hast“, erwidert Anna. „Wie kann ich dir dafür danken?“ „Oh, da wüsste ich schon etwas ganz Großartiges! Wenn du mich nur ein ganz kurzes Stück auf deinem Pony mitreiten ließest, das wäre schön.“

Sofort hob Anna das Zwergenkind zu sich herauf, setzte sie in die Ponymähne und ermahnte sie, sich gut festzuhalten. Ab ging's in lustigem Trab, bis Ida ganz atemlos war und Anna bat, sie wieder auf die Erde abzusetzen. Sie war unendlich glücklich. Aber auch die kleine Anna ritt fröhlich nach Hause. Bei späteren Ausritten hielt sie noch oft Ausschau nach ihrer Zwergenfreundin, aber sie sah Ida nie mehr wieder.

Dorle Schweiss-Burgund aus Böllingen hat die Geschichte für ihre Enkelin Janna Ida 
(damals 5 Jahre) geschrieben.