Archivierter Artikel vom 23.07.2018, 19:03 Uhr

„Dieser Eklat wirft den Integrationsprozess um Jahre zurück“

Von einem verheerenden Bild Deutschlands spricht Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, nach der Eskalation zwischen Mesut Özil und dem DFB. Der Integrationsprozess werde um Jahre zurückgeworfen. Vor allem aber warnt Mazyek im Gespräch mit unserer Zeitung davor, Rassismusvorwürfe zu verharmlosen.

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Aiman Mazyek
Aiman Mazyek
Foto: picture alliance

Herr Mazyek, Mesut Özil tritt aus der Nationalmannschaft zurück, weil er das Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspürt. Konsequent oder falsch?

Es ist nicht nur ein Gefühl, es ist real. Die Rassismus-Debatte in Deutschland wird aber leider oft verdrängt und verharmlost. Und wenn sich dann einige dazu äußern, wird ihnen nicht selten von Nicht-Betroffenen entgegengehalten, das seien Totschlagargumente und reines Opfergehabe. Auch jetzt macht man sich nicht die Mühe, der verletzten Seele einmal zuzuhören. Es wird so getan, als gehe es ausschließlich um das Foto.

Warum hat Özil das Foto gemacht?

Özil hatte sich bewusst entschieden, als Deutscher für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen. In der Türkei war er dafür von den Nationalisten oft als Verräter beschimpft worden. Die Erwartungshaltung von allen Seiten an ihn ist also nicht gerade klein. Ich hätte ihm dennoch davon abgeraten, auch wenn er es nicht als politische Botschaft verstanden wissen will, so kurz vor der Wahl in der Türkei und der Weltmeisterschaft das zu tun.

Was bedeutet dieser Eklat für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

Der Umgang mit Minderheiten, religiös oder weltanschaulich, ist immer ein Lackmustest, wie ernst wir es in unserer freien demokratischen Gesellschaft meinen. Rassismus ist eine Geißel der Menschheit. Wir dürfen das aber nicht mehr verharmlosen. Jetzt stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Aber es birgt auch die Chance, dass man das, was man gemeinhin dem Migranten oft vorwirft, zu wenig Selbstkritik zu besitzen, nun als deutsche Gesellschaft wieder einübt: Selbstkritik. Nur so machen wir den Beigeschmack der unsäglichen Debatte der vergangenen Wochen wett, nur so verhelfen wir den Rassisten nicht weiter zum Sieg.

Welche Konsequenzen müsste es Ihrer Ansicht nach geben?

Bisher unterschätzt man die Rassismusvorwürfe, die nun mit Özils Abgang haften bleiben. Vor allem im Ausland ist das Bild verheerend. Denn erstens ist Özil einer der bekanntesten Deutschen im internationalen Sportgeschäft, und zweitens ist er für viele Deutsch-Türken ein Vorbild. Dieser Eklat wird eine Zäsur im gesamten gesellschaftlichen Integrationsprozess sein. Er wirft uns um Jahre zurück. Dass DFB-Chef Reinhard Grindel die Debatte um Özil erst laufen ließ und dann nachtrat, würde auf dem Platz mit Rot bestraft werden. Ein solches Verhalten ist eines Präsidenten nicht würdig – und er sollte deshalb seinen Hut nehmen.

Können sich der DFB und Özil versöhnen?

Özil hat eine Hintertür offengelassen und gesagt, er werde so lange nicht für Deutschland spielen, wie er diesen Rassismus und diese Respektlosigkeit verspüre. Insofern gibt es die Chance.

Die Fragen stellte Kristina Dunz