Archivierter Artikel vom 27.05.2016, 11:45 Uhr
Hattgenstein

Der digitalisierte Hof: Der Bauer, die Technik und das liebe Vieh

Kaum ein Berufszweig ist mit so vielen Klischees behaftet wie die Landwirtschaft. Für viele Verbraucher scheinen nur zwei Extreme zu existieren: Bauernhofromantik und 
Tierquälerei. Der digitalisierte Hof von Matthias Helm in Hattgenstein (Kreis Birkenfeld) zeigt, dass es auch einen Mittelweg gibt.

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Landwirt Matthias Helm aus Hattgenstein im Kreis Birkenfeld – hier am Melkroboter – lässt die Technik für sich arbeiten. Doch untätig ist er deswegen noch lange nicht: Ihm selbst obliegt eine Kontrollfunktion. Fallen die Automaten aus, repariert er diese selbstständig. <br />Foto: Reiner Drumm
Landwirt Matthias Helm aus Hattgenstein im Kreis Birkenfeld – hier am Melkroboter – lässt die Technik für sich arbeiten. Doch untätig ist er deswegen noch lange nicht: Ihm selbst obliegt eine Kontrollfunktion. Fallen die Automaten aus, repariert er diese selbstständig.

Foto: Reiner Drumm

Von unserer Reporterin Silke Bauer

Wenn Juno piepst, steigt die Stimmung im Stall. Die Kühe, die zuvor noch gemächliche Spaziergänge unternommen haben, halten inne und spitzen ihre pelzigen Ohren, und selbst die Faulenzer, die den Nachmittag im Stroh verschlafen haben, öffnen ihre Augen, sortieren ihre schlaksigen Beine und stehen auf, um Junos Ruf zu folgen. Es ist wieder mal Essenszeit auf dem Helmhof in Hattgenstein nahe des Kreisstädtchens Birkenfeld, und Juno, der runde, rote Futterschieberoboter, tut das, wofür ihn seine Schöpfer entwickelt haben: Er räumt die Spuren der letzten Kuhmahlzeit auf und schiebt die Gras- und Maissilage, die von den hungrigen Tieren überall im Stall verteilt wurde, wieder an Ort und Stelle. Alle zwei Stunden tut er das.

Über all dem wacht Landwirt Matthias Helm. Der 31-Jährige hat in dem hoch technisierten Betrieb, den er gemeinsam mit seinen Eltern bewirtschaftet, die Aufsicht über 120 Milchkühe, deren 130 weibliche Nachkommen sowie Junos diverse Roboterkollegen. Helm ist ein moderner Bauer, einer, der die Technik für sich arbeiten lässt. „Meine Eltern und ich haben 2001 den alten Schweinestall komplett entkernt und einen Laufstall für die Kühe daraus gemacht“, erzählt er. Dort laufen die Tiere frei herum, manche kommen näher und blicken die Besucher neugierig an. Der Stall hat flexible Außenwände und Planen, die geöffnet werden können. „Das ist im Sommer praktisch, weil so Hitzestress vermieden wird“, sagt der Landwirt.

Beim Melken geht alles sehr hygienisch zu. Foto: Reiner Drumm

Die Kälbchen sind auf dem Helmhof in speziellen Kälberboxen untergebracht. Foto: Reiner Drumm

Futterschieberoboter Juno weiß, was er zu tun hat. Foto: Reiner Drumm

Foto: Reiner Drumm

Landwirt Matthias Helm hat einen starken Bezug zu seinen Tieren. Hier sitzt er bei Godzilla. Foto: Reiner Drumm

Mahlzeit! Foto: Reiner Drumm

Newyork wird gerade gemolken. Foto: Reiner Drumm

Foto: Reiner Drumm

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Foto: Reiner Drumm

Der Helmhof ist ein Milchviehbetrieb, die Hauptaufgabe ist das Melken. Hier sind die Damen unter sich – die männlichen Kälber werden bereits nach 14 Tagen an andere Höfe weiterverkauft, ein bisschen abseits ist außerdem noch ein Zuchtbulle untergebracht. Die meisten Tiere werden vom Melkroboter gemolken. „Die Herde entwickelt sich langsam so, dass sie komplett robotertauglich ist“, erzählt Helm. „Doch das muss man züchten, das geht nicht von heute auf morgen. 50 meiner Kühe werden noch im alten Melkstand gemolken.“ Robotertauglich bedeutet, dass die Euter der Tiere zum Melkroboter passen. Nicht alle Euterformen sind dafür geeignet. „Die Kühe müssen auch ein passendes Wesen haben, denn sie sollen ja selbst entscheiden, wann sie gemolken werden“, sagt Helm.

Jetzt gerade benutzt keines der Tiere den Melkroboter, doch nach einigem Warten macht sich schließlich doch noch eine Kuh auf den Weg dorthin. Sie tut das nicht nur, weil das Euter ziept, sondern auch, weil zur Belohnung Futter lockt. „Die Kühe sind nicht blöd, wenn nicht genug nachgefüllt wird, dann lassen sie das mit dem Melken lieber sein“, sagt Helm und lacht. Bei der schwarz-weißen Kuh, die jetzt auf der Waage im Melkstand steht, handelt es sich um Newyork, 700 Kilo ist sie schwer. All das ist auf einem Computerbildschirm zu lesen, dort sind auch die Körpertemperatur, die Konsistenz der Milch und die Eutergesundheit dokumentiert.

„Das ist ein richtiges kleines Labor“, sagt Helm. „Wenn etwas nicht stimmt, bemerkt man das frühzeitig und kann die Kuh dementsprechend behandeln.“ Für Newyork wird es nun ernst, sie wird vom Roboter auf den Melkvorgang vorbereitet. Die Euterbürste, die zuvor mit Essigsäure gereinigt wurde, rotiert sanft über den Euterunterboden, um ihn von Schmutz und Keimen zu befreien. Über Newyork hängt eine Kamera, die dem Roboter zeigt, wo genau die Kuh steht. „Die Position merkt er sich jetzt“, sagt Helm. Mithilfe von Laserstrahlen beginnt der Roboter dann, die Euterzitzen anzuvisieren. Mehrmals korrigiert er die Position der Melkbecher, dann schieben sich diese auf die Zitzen, und das Melken beginnt.

„Das ist viel schonender, als die Tiere mit einer konventionellen Maschine zu melken“, weiß Helm. „Das Euter besteht ja aus vier Kammern. Der Roboter melkt jedes Viertel für sich aus und hängt den jeweiligen Melkbecher sofort ab, wenn die Kammer leer ist. Bei den alten Maschinen wird an allen Zitzen so lange weitergemolken, bis das ganze Euter leer ist.“ Während die friedlich kauende Newyork gemolken wird, zählt der Computer die Milchmenge mit. Die Modernisierung lohnt sich für den Landwirt: Durch den Melkroboter hat sich der Milchertrag im Vergleich zu Helms altem Melkstall um bis zu 10 Prozent steigern lassen. „Manche Kühe gehen vier-, fünfmal am Tag zum Melken“, sagt er. Schummeln gilt nicht: Wer länger nicht geht, fliegt direkt auf und wird vom Roboter beim Landwirt verpetzt, der sofort Ursachenforschung betreibt.

Auch eine Kuhmassagerolle gibt es auf dem Helmhof. Die wird von den Tieren gern genutzt, denn sie hilft gegen Juckreiz und regt die Durchblutung an. Foto: Rainer Drumm
Auch eine Kuhmassagerolle gibt es auf dem Helmhof. Die wird von den Tieren gern genutzt, denn sie hilft gegen Juckreiz und regt die Durchblutung an.
Foto: Rainer Drumm

Nach einigen Minuten ist Newyorks Euter zwar leer, doch der Vorgang noch lange nicht abgeschlossen. Zeit für Pflege: Der Melkautomat sprüht ein Mittel auf jede Zitze. „Das hilft, das Euter geschmeidig zu halten, und verhindert, dass beim Hinlegen Keime in die Zitzenkanäle gelangen und dort Entzündungen auslösen“, erklärt Helm. Erst danach öffnet sich die Box, und Newyork – inzwischen mehrere Kilos leichter – mischt sich wieder unter ihre Artgenossinnen. Damit die nächste Kuh ebenfalls gesund bleibt, werden die Melkbecher automatisch mit 90 Grad heißem Dampf gereinigt und zum Schluss mit heißem Wasser durchgespült.

Zwar wird Helms Hof von Maschinen dominiert – es gibt auch noch einen Entmistungsschieber, der die Boxen sauber hält, und eine Beleuchtungsanlage, die an trüben Tagen den Kuhstall erhellt. Doch der Bezug zu seinen Tieren ist ihm wichtig. Anders als in anderen Betrieben, wo die Rinder Nummern haben, haben Helms Kuhdamen alle einen Namen. Um nicht den Überblick zu verlieren, stellt der Bauer Bezüge her. „Wenn Newyork irgendwann Nachwuchs bekommt, könnte ihr Kalb zum Beispiel California heißen“, sagt er. Eine seiner Milchkühe heißt Fanta, erzählt er lächelnd. Ihre Nachkommen hören auf die Namen Sprite und Cola. Helms Ziel sind langlebige Tiere. Im Schnitt bleiben sie fünf bis sieben Jahre lang in seiner Herde, bis sie zum Schlachten verkauft werden. „Jedes Tier, das den Hof verlässt, ist ein Verlust.“

Am Tag erwirtschaftet der Landwirt rund 30 Liter Milch pro Kuh, das sind im Jahr rund 9100 Liter pro Tier. Doch die Milchpreise sinken immer weiter. Ab Juni soll es nur noch 21 Cent pro Liter geben. „Das geht an die Reserven“, sagt der Vater eines neun Wochen alten Jungen. „Wir produzieren zwar auch Getreide, aber selbst da sieht es schlecht aus. Die Politik lässt uns Landwirte hängen. Man kann wirklich Angst bekommen.“ Ein Azubi und ein Geselle arbeiten momentan noch auf dem Helmhof. „Ich weiß nicht, ob ich es mir leisten kann, im August einen neuen Auszubildenden einzustellen“, sagt Helm. Er sieht den Einzelhandel in der Verantwortung. „Die Wertschätzung für das Produkt ist nicht da“, kritisiert er. „Die Geschäfte verkaufen die Lebensmittel zu Ramschpreisen.“

Selbstverständlich wäre er stolz, wenn sein Sohn eines Tages den Helmhof übernehmen würde. „Doch nur, wenn sich die Bedingungen irgendwann zum Besseren ändern.“ Er selbst macht weiter, einen Plan B gibt es für ihn nicht. „Wir haben ja alles modernisiert und sind voll und ganz auf Milchwirtschaft und Ackerbau ausgerichtet“, sagt er. Da ist es schwer, von heute auf morgen eine neue Richtung einzuschlagen. Doch Zeit zum Grübeln hat Helm nicht, denn es gibt einfach zu viel zu tun. Dafür sorgen Newyork und ihre Gefährtinnen jeden Tag aufs Neue.

Zahlen und Fakten

In Rheinland-Pfalz gibt es laut dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter rund 2000 Milchbauern (Stand 2015). 2007 waren es noch etwa 2700, im Jahr 1996 sogar noch rund 5290. Bundesweit produzieren rund 75 000 landwirtschaftliche Betriebe Milch. Vor 20 Jahren wurden fast 186 000 Betriebe erfasst.
Zwei Molkereien, beides Genossenschaften, gibt es in unserem Bundesland: die MUH Arla eG in Pronsfeld in der Eifel und die Hochwald Food GmbH in Thalfang im Hunsrück. Beide zahlen schlecht, doch ein wenig mehr als andere deutsche Molkereien, sagt Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau. Milchbauern bekommen von Arla pro Liter zwischen 24 und 25 Cent, Hochwald zahlt zwischen 22 und 23 Cent.