Archivierter Artikel vom 24.11.2011, 06:00 Uhr
Valognes/Paris

Auch in Frankreich wächst der Castor-Protest

„Atommüll – eine Sackgasse“ prangt auf einem der Transparente vor dem Verladebahnhof Valognes. Die kleine nordwestfranzösische Stadt gleicht einer Festung. Die Zufahrten sind abgeriegelt, Schulen geschlossen, Passagierzüge in Richtung Paris gestrichen. Am Himmel kreisen Hubschrauber, Hunderte Sicherheitskräfte sind im Einsatz.

Deutsch-französischer Protest gegen den Castor-Transport: Der Widerstand wächst jetzt auch jenseits der Grenze.
Deutsch-französischer Protest gegen den Castor-Transport: Der Widerstand wächst jetzt auch jenseits der Grenze.
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Ihr Ziel: den Castor-Transport mit hoch radioaktivem deutschen Atommüll abzusichern, damit dieser sein rund 1200 Kilometer entferntes Ziel erreichen kann – das niedersächsische Zwischenlager Gorleben. Bisher liefen solche Transporte, zumindest in Frankreich, stets ohne größere Zwischenfälle ab. Diesmal aber nicht.

In einer Scheune bemalt die Atomkraftgegnerin Susanne Prottengeyer in Lemgrabe (Kreis Lüneburg) Stahlfässer mit gelber Farbe. Nicht nur im Wendland, auch im benachbarten Landkreis Lüneburg laufen die Vorbereitungen der Castor-Gegner auf Hochtouren. Die Behälter mit hoch radioaktivem Abfall aus der Wiederaufarbeitung im nordfranzösischen La Hague werden voraussichtlich am ersten Adventswochenende im niedersächsischen Wendland erwartet.

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Teilnehmer eines Blockadetrainings in Uelzen (Kreis Uelzen) üben das Verhalten während einer Sitzblockade. Atomkraftgegner bereiteten sich mit dem Training auf die geplanten Aktionen gegen den Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben vor.

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Jürgen Fahrenkrug (rechts) erklärt als „Trainer für gewaltfreie Aktionen“ Teilnehmern eines Blockadetrainings das Verhalten bei Sitzblockaden in Uelzen (Kreis Uelzen).

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Ein „Demonstrant“ wird während eines Blockadetrainings in Uelzen (Kreis Uelzen) von weiteren Teilnehmern weggetragen.

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Jens-Peter Finck steht neben Stacheldrahtrollen an der Bahnstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg unweit seines Hauses nahe der Ortschaft Dahlenburg (Kreis Lüneburg). Zusammen mit drei Nachbarn hat er Klage eingereicht, da sie befürchten, dass der Castor-Transport auf der Bahnstrecke, wie im letzten Jahr hinter ihrem Haus hält.

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Die Atomkraftgegnerin Helga Janssen steht am Donnerstag (17.11.2011) auf ihrem Grundstück vor einer Scheune nahe der Ortschaft Dahlenburg (Kreis Lüneburg). Zusammen mit drei Nachbarn hat sie Klage eingereicht, da sie befürchten, dass der Castor-Transport auf der Bahnstrecke wie im letzten Jahr hinter ihrem Haus hält.

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Die Atomkraftgegnerin Helga Janssen blickt am Donnerstag auf eine vorbeifahrende Regionalbahn nahe der Ortschaft Dahlenburg (Kreis Lüneburg). Zusammen mit drei Nachbarn hat sie Klage eingereicht, da sie befürchten, dass der Castor-Transport auf der Bahnstrecke wie im letzten Jahr hinter ihrem Haus hält.

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Der Castor-Transport fährt durch die niedersächsische Ortschaft Oldendorf in der Nähe von Hitzacker. Im französischen La Hague wird bereits der 13. Castortransport ins niedersächsische Gorleben zusammengestellt. Am 24. November soll dann von La Hague aus der Transport von elf Castorbehältern ins Wendland starten.

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Mit der Attrappe eines Castorbehälters demonstrieren Atomkraftgegner am Mittwoch (23.11.2011) in Berlin gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben. Am kommenden Wochenende wird im Wendland der 13. Castor-Transport mit deutschem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitung erwartet.

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Mit der Attrappe eines Castorbehälters demonstrieren Atomkraftgegner in Berlin gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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Das Ortsausgangsschild von Gorleben liegt in Berlin vor dem Brandenburger Tor am Rande einer Demonstration gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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„Jung und schlecht gelaunt“ steht auf dem Jutebeutel einer Atomkraftgegnerin während einer Demonstration gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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Mit einer Sitzblockade auf der Friedrichstraße in Berlin demonstrieren Atomkraftgegner gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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Atomkraftgegner demonstrieren vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen den geplanten Atommülltransport nach Gorleben.

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Ein X aus Lichterketten, Zeichen des Widerstandes gegen das Endlager Gorleben, steht auf einem Privatgrundstück bei Dannenberg (Niedersachsen).

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Mehr als 1500 Atomkraftgegner besetzen im niedersächsischen Harlingen als Protest gegen den Castor-Transport die Gleise der Transportstrecke.

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Mehrere hundert Atomkraftgegner saßen 2010 im niedersächsischen Harlingen auf den Gleisen.

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Mögliche Castor-Strecken.

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Der Präsident der Polizeidirektion Lüneburg, Friedrich Niehörster, hält im Landtag in Hannover während einer Pressekonferenz zum kommenden Castor-Transport eine Grafik in der Hand, auf der die Logistikrouten der Polizei für Transport, Funken und die Wald und Ackerflächen dargestellt sind. Atomkraftgegner hatten diese Informationen gesammelt und vervielfältigt, um so effektiv die Polizei stören zu können. Insgesamt erwartet die Polizei weniger Atomgegner als beim Transport im vergangenen Jahr, gegen den bis zu 50.000 Demonstranten protestierten.

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Mit Schildern demonstrieren Atomkraftgegner in der Innenstadt in Hamburg. Mit der Demonstration wollten die Atomkraftgegner für Protestaktionen gegen den nächsten geplanten Castor-Transport mobilisieren.

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Verkleidet als „Strahlenschutzexperten“ und mit einem Lkw, der einem Castor-Transporter nachempfunden ist, demonstrieren Atomkraftgegner in der Innenstadt in Hamburg.

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Mit einer Taschenlampe leuchtet ein Bundespolizist nahe der Ortschaft Wendisch Evern (Kreis Lüneburg) die Bahnstrecke ab, auf der der Castor von Lüneburg nach Dannenberg gefahren werden soll. Die Behälter mit hoch radioaktivem Abfall aus der Wiederaufarbeitung im nordfranzösischen La Hague werden voraussichtlich am ersten Adventswochenende im niedersächsischen Wendland erwartet.

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Ein solcher Verladekran wird für die Castor-Behälter verwendet.

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Polizeiabsperrungen werden zahlreich vorhanden sein.

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Der Verladekran für die Castor-Behälter.

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Ein Schnittmodell eines Castor-Behälters im Maßstab 1:10.

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Ein Mitarbeiter der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) steht vor dem Messhaus 2 am Atomaren Zwischenlager in Gorleben.

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Messgeräte im Messhaus 2 am Atomaren Zwischenlager in Gorleben.

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Bundespolizisten verladen Stacheldrahtrollen am Bahnhof von Hitzacker (Kreis Lüchow-Dannenberg) in Vorbereitung auf den kommenden Castor-Transport.

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Bundespolizisten kontrollieren mit einem Fernglas die Bahnstrecke nahe der Ortschaft Wendisch Evern (Kreis Lüneburg) in Vorbereitung auf den kommenden Castor-Transport.

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Castor-Gegner bauen ein Camp in Dannenberg auf.

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Die noch leeren Container für den Straßentransport der Castor-Behälter werden auf dem Umladebahnhof in Dannenberg unter Polizeischutz auf den Einsatz vorbereitet.

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Ein gelbes X aus Holz, Zeichen des Widerstandes gegen die Atomtransporte steht am Mittwoch (23.11.2011) auf einem Acker bei Dannenberg.

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Stacheldraht sichert den Umladebahnhof in Dannenberg.

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Die Container für den Straßentransport der Castor-Behälter werden auf dem Umladebahnhof in Dannenberg unter Polizeischutz auf den Einsatz vorbereitet.

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Die Container für den Straßentransport der Castor-Behälter werden auf dem Umladebahnhof in Dannenberg unter Polizeischutz auf den Einsatz vorbereitet.

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Schon wenige Stunden vor dem Start, der schließlich kurz vor 16 Uhr erfolgt, kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Obwohl die Bahnstrecke teilweise mit Eisenstangen abgeriegelt und der Zugang im Umkreis von 500 Metern verboten ist, haben es Kernkraftgegner geschafft, die Gleise zu besetzen, um die Abfahrt des Zugs mit den elf Castor-Behältern zu verzögern. Medienangaben zufolge gelingt es ihnen auch, ein Gleis zu beschädigen. Die Polizei setzt Tränengas ein und nimmt mehrere Menschen fest.

Dass die Widerstandsmusik gegen den strahlenden Müll diesmal nicht nur auf der deutschen Seite, sondern auch jenseits der Grenze spielt, ist neu, herrscht in Frankreich doch seit fast einem halben Jahrhundert eine fast parteiübergreifende Einigkeit über die Atomkraft. Drei Viertel seines Stroms bezieht Frankreich aus seinen 58 Reaktoren. Doch nach der Katastrophe im japanischen Fukushima und dem deutschen Atomausstieg bröckelt auch der französische Konsens. Erstmals wird im Nuklearland öffentlich und lautstark über das Für und Wider des in den 60er-Jahren eingeschlagenen Atomkurses diskutiert.

Zudem hat die französische Linke das Thema wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl auf die Tagesordnung gesetzt. In einem mühsam ausgehandelten Bündnis kamen Sozialisten und Grüne überein, schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen. Sollte der in Umfragen führende Sozialist François Hollande im Mai seinen konservativen Herausforderer Nicolas Sarkozy schlagen und in den Elysée-Palast einziehen, sollen 24 der 58 Reaktoren bis 2025 und das umstrittene AKW Fessenheim an der deutschen Grenze sofort abgeschaltet werden.

Für die französische Atomindustrie wäre dies allerdings ein Super-GAU. Daher hat nun auch Sarkozy das Thema aufgegriffen. Der Präsident will unbeirrt an der Atomkraft festhalten. „Wer Kernkraftwerke schließen will, gefährdet die Zukunft unserer Kinder“, erklärte er und sprach damit der mächtigen Nuklearlobby aus dem Herzen. Der Chef des Energieriesen EDF, der den Großteil der französischen AKW betreibt, warnte bereits, dass ein Ausstieg bis zu eine Million Jobs kosten könnte. Dies halten die Grünen für völlig übertrieben und verweisen auf Hunderttausende neue Stellen, die die Förderung erneuerbarer Energien schaffen könnte.

Allerdings ist der rot-grüne Schulterschluss auch innerhalb der Umweltpartei nicht unumstritten. Ihrer Präsidentschaftskandidatin Eva Joly, die am liebsten komplett aus der Atomkraft ausgestiegen wäre, gehen die Zusagen der Sozialisten nicht weit genug. Sie kritisierte den sozialistischen Bündnispartner trotz des Abkommens nun öffentlich als eine „Marionette“ der Atomlobby. Dies sorgte wiederum im linken Lager für heftigen Aufruhr, während sich die bürgerliche Regierungspartei fröhlich die Hände reibt.

Von unserer Pariser Korrespondentin Sylvie Stephan