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Vorbehalte, Vorwürfe und Vorurteile: Bühne frei für die Nebensache Fußball

Stefan Kieffer

Es soll tatsächlich Menschen geben, die sich uneingeschränkt freuen auf diese Weltmeisterschaft, auf den sportlichen Vergleich der besten Nationalmannschaften und das Schaulaufen der begabtesten Fußballspieler des Planeten. Bisweilen entsteht allerdings der Eindruck, der Fußball sei nur Nebensache in den kommenden vier WM-Wochen.

Der russische Staatschef Wladimir Putin (rechts) hat es nun in der Hand: Die Fußball-Weltmeisterschaft soll Russland nach seinem Willen ins rechte Licht rücken. Gianni Infantino, der Präsident des Weltverbandes Fifa, erwartet nichts weniger als die beste WM aller Zeiten. Foto: Imago
Der russische Staatschef Wladimir Putin (rechts) hat es nun in der Hand: Die Fußball-Weltmeisterschaft soll Russland nach seinem Willen ins rechte Licht rücken. Gianni Infantino, der Präsident des Weltverbandes Fifa, erwartet nichts weniger als die beste WM aller Zeiten.
Foto: Imago

Noch nie war eine Weltmeisterschaft schon im Vorfeld so sehr von politischen Diskussionen be- und überlastet, nicht das 1934er-Turnier in Mussolinis faschistischem Italien und auch nicht die WM 1978 unter Regie der argentinischen Militärdiktatur. Beide Male gewannen übrigens die Gastgeber. Das wird im Jahr 2018 nicht mal der scheinbar allmächtige Staatspräsident Wladimir Wladimirowitsch Putin hinbekommen.

Das mediale Trommelfeuer zu Themen wie Staatsdoping, Homophobie, fehlender Meinungsfreiheit, Unterdrückung der Minderheiten, Krim-Besetzung, Kriege in der Ukraine und in Syrien und vielem anderen, womit sich Putins Staat als Schmuddelkind im Sandkasten der Weltordnung empfiehlt, beweist unter anderem die traurige Tatsache, dass der Fußball heutzutage viel mehr ist als nur ein harmloses Spiel. Staatenlenker und Wirtschaftskapitäne, Gernegroße und Dunkelmänner mischen sich ein in den Lauf des Balles und nutzen die weltweite Begeisterung für ihre persönlichen Profite: Geld, Macht, Einfluss.

Der Weltverband Fifa hat über Jahrzehnte mit unkontrollierter Korruption und intransparentem Gehabe dafür gesorgt, dass seinen Protagonisten von allen Seiten misstrauisch auf die Finger geschaut wird. Strippenzieher Putin unterhält beste Beziehungen zu den Mächtigen des Weltsports und kommt trotz eklatanter Grenzüberschreitungen immer wieder ungeschoren davon.

Dagegen stehen zahlreiche, vor allem westliche Politiker, die sich einer nicht nur verbalen Aufrüstung gegenüber dem russischen Riesenreich und seiner in ihren Augen aggressiven Politik verpflichtet fühlen. Wie schnell Politiker aller Couleur bereit waren, wegen des bis heute nicht aufgeklärten Giftgasanschlags auf einen ehemaligen russischen Agenten ihre eventuellen WM-Besuche abzusagen, zeigt, wie weit der neue „Kalte Krieg“ schon gediehen ist.

Auf der anderen Seite befördern derartige Überreaktionen die Überzeugung vieler Russen, es handele sich bei dieser wie bei jeglicher anderen Kritik um eine Verschwörungskampagne gegen ihr Land und dessen Regierung. In dieser aufgeheizten Lage gibt es diverse Kernthemen, die einer näheren Betrachtung bedürfen:

Thema Doping: Dass im russischen Sport von Staats wegen die Unterstützung durch verbotene Mittel nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist, bezweifelt angesichts der vorgelegten Beweise außerhalb Russlands wohl keiner mehr. Die meisten Russen halten die Vorwürfe für eine Verschwörung; warum schauen die Doping-Forscher anderen Verdächtigen nicht ebenso konsequent über die Schulter? Und warum, wenn alle russischen Sportler dopen, also auch die Fußballer, warum ist dann die „Sbornaja“, die Nationalmannschaft, rechtzeitig zur Heim-Weltmeisterschaft in einem so bemitleidenswerten Zustand? Als wolle sie das Misstrauen bestätigen, hat die russische Staatsmacht dem profunden Doping-Enthüller Hajo Seppelt die Einreise zum großen Fußballspektakel zunächst verweigert und will nun den ARD-Journalisten erst einer peinlichen „Zeugen“-Befragung unterziehen – etwa um den Aufenthaltsort diverser Kronzeugen zu erfahren?

Thema Korruption: Dass es bei der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 an Russland und mehr noch 2022 an Katar nicht mit rechten Dingen zugegangen ist und dass beim Stadionbau Millionen in die Taschen der Oligarchen flossen, erinnert an die seit etlichen Jahren übliche „Folklore“ rund um sportliche Großereignisse. Das macht die Missstände nicht besser, rückt aber auch den Fußballweltverband Fifa ins Zentrum der Kritik, der an Bestechung, Ausbeutung und Sklavenarbeit nichts auszusetzen hat – solange er selbst davon profitiert. Und das macht die Fifa bei einer WM über alle Maßen.

Thema Fangewalt: „Die Engländer haben angefangen, wir mussten uns verteidigen“, heißt die gängige Antwort auf die Frage nach den hässlichen Szenen von der EM 2016, als sich in Marseille russische und englische Hooligans blutig prügelten. Dass damals selbst hochrangige Moskauer Politiker ihre krawalligen Untertanen für deren „Tapferkeit“ belobigten, zeigt, wie weit das russische Bild einer wahren Männlichkeit von hierzulande gängigen Vorstellungen einer Konfliktlösung abweicht.

Bei der WM sollen Prügelorgien wie in Marseille trotzdem nicht vorkommen, das bekräftigen auch Pawel und Roman, Hardcore-Fans des letztjährigen russischen Meisters Spartak Moskau. „Kein einziger Gast unseres Landes muss sich bedroht fühlen“, versichern sie im Gespräch mit unserer Zeitung, „schließlich schaut der ,große Vater' von oben auf uns.“ In der Tat zeigte sich schon beim Confed Cup, dem WM-Testlauf im vergangenen Sommer, dass die Sicherheitskräfte rund um die Stadien mit grimmigen Blicken und martialischer Ausrüstung in großer Zahl auf mögliche Radaubrüder abschreckend wirken – und notfalls auch handeln. Mit der russischen Polizei ist nun mal nicht zu spaßen.

Thema Repression: Die gnadenlose Härte der russischen Sicherheitskräfte gegen alle, die tatsächlich oder vermeintlich aus der Reihe tanzen, mag im Fall der befürchteten Hooligan-Exzesse für eine gewisse Beruhigung sorgen. Außenseiter, Minderheiten, Schwule und Oppositionelle in Wladimir Putins Reich machen regelmäßig Bekanntschaft mit der Brutalität der Staatsmacht – und bleiben vielleicht auch deshalb eine verschwindend kleine Minderheit gegenüber den vielen Millionen überzeugten Putin-Wählern.

Das Gift des dumpfen Nationalismus, der alles Fremde, Andersartige und Normabweichende ausgrenzen will, wird ja nicht nur in Russland massenhaft und erfolgreich verspritzt. Ob der Fußball als traditioneller Motor der Völkerverständigung auch in Zeiten, da Ab- und Ausgrenzung auch in vielen scheinbar demokratischen Ländern neue Popularität genießen, ein Zeichen dagegen setzen kann?

Thema Vergangenheit: Noch heute, zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende der Sowjetunion, schmückt sich jede größere Stadt in Russland mit einem repräsentativen Lenin-Standbild und einer breit angelegten Karl-Marx-Allee. Doch der aufmerksame Besucher findet auch eindrucksvoll gestaltete Gedenkstätten an die Opfer des Stalinismus. Ganz zu schweigen von den Erinnerungen an den deutschen Überfall im Zweiten Weltkrieg mit seinen Millionen von direkten und indirekten Opfern in der russischen Bevölkerung. Der viel kritisierte Deutsche Fußball-Bund tut gut daran, dass er sich nicht wie mancher hiesige Politiker mit erhobenem Zeigefinger als Lehrmeister in Sachen Demokratie-Defizite aufspielt, sondern erst mal gemeinsam mit den Gastgebern der Kriegstoten gedenkt. Was nicht heißt, dass die deutschen Funktionäre die Augen verschließen sollen vor offenkundigem Unrecht – kein leichter Spagat für DFB-Präsident Reinhard Grindel und seine Begleiter.

Thema Gastfreundschaft: Wer sich als WM-Tourist mit wachen Sinnen ins „Abenteuer Russland“ stürzt, der wird nicht enttäuscht werden. Sogar die Deutschen werden hier mit offenen Armen und warmen Herzen empfangen und können die Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Freigiebigkeit der Menschen am eigenen Leibe erfahren.

Die russische Form der Geselligkeit lässt sich bestens auf den teils tage- und vor allem nächtelangen Zugreisen studieren und erleben, wenn der Wodka in Wassergläsern gereicht wird und dazu Blinis, Wurst, Käse und Gewürzgurken, damit der Körper den Alkohol besser verarbeiten kann – es funktioniert. Fußballgäste, die eine für alle WM-Besucher obligatorische Fan-ID sowie eine entsprechende Eintrittskarte vorzeigen können, haben freie Fahrt mit der russischen Staatsbahn zu den jeweiligen Spielorten.

Thema Fußball: Wer sich vielleicht am allermeisten freut auf diese WM, das sind die Fußballfans im Ausrichterland. Zwar trauen selbst die eingefleischten russischen Fans der „Sbornaja“ wenig bis nichts zu, schon das Überstehen der Vorrunde würde von vielen als Erfolg oder zumindest als Abwenden einer Blamage gewertet. Schließlich ist die russische Nationalmannschaft, die noch bei der EM 2008 mit geradlinigem Tempofußball begeisterte und nach einem Sieg gegen die Niederlande das Halbfinale erreichte, bei den folgenden Turnieren in der Vorrunde oder gar wie vor der WM 2010 schon in der Qualifikation gescheitert.

So halten die russischen Anhänger den Ball äußerst flach, wenn es um die Erwartungen ans eigene Team geht. Umso mehr fiebern die Fans aus Moskau, St. Petersburg und den anderen WM-Städten dem Auftritt von Weltstars wie Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Neymar entgegen. „Ein solches Ereignis gab es in unserem Land noch nie“, schwärmt Fußballfan Roman, der schon beim Confed Cup mindestens ein Spiel in jedem Stadion gesehen hat.

Und sein Kumpel Pawel erläutert den Plan: „Wir machen Urlaub während der WM und werden von einem Spiel zum nächsten fahren. Solche Spieler, solche Mannschaften bekommt man nur einmal im Leben zu sehen.“ Da ist es gut, dass für einheimische Besucher verbilligte Eintrittskarten für rund 15 Euro zur Verfügung stehen.

Keiner kann den Fans ihre Leidenschaft verbieten, und den Spielern schon gar nicht. So entwickelt sich vielleicht im Schatten aller Polemiken, Hasstiraden und Schuldzuweisungen doch ein russisches Sommermärchen, bei dem auch die auf ihre Kosten kommen, die sich einfach nur erfreuen wollen an dem, was die Brasilianer „o jogo bonito“ nennen: das schöne Spiel. Für viele ist es immer noch das schönste Spiel der Welt.

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