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Rheinland-Pfalz

„Wie gut, dass es Sie gibt“ – Modellprojekt Gemeindeschwester plus für Senioren soll fortgesetzt werden

Gisela Kirschstein

Sie sollten als Kümmerer hochbetagten Senioren im Alltag zur Seite stehen, Tipps für Treffpunkte oder zum barrierefreien Wohnen geben – und sie wurden zum Mittel gegen die Einsamkeit im Alter: Seit Juli 2015 erprobt das Land Rheinland-Pfalz den Einsatz von Gemeindeschwestern in neun Modellkommunen. „Wir haben eine Lücke geschlossen“, bilanzierte nun Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD): „Der Ansatz des Kümmerers hat sich voll bestätigt.“

Maria Di Geraci-Dreier,
Maria Di Geraci-Dreier,
Foto: dpa

Es ist eine Lücke im Versorgungsnetz: Hochbetagte Menschen jenseits der 80 Jahre, die noch in ihrer gewohnten Umgebung leben und keine Pflege benötigen – aber dennoch hin und wieder Hilfe brauchen. „Die Zielgruppe über 80 Jahre ist eine sehr gefährdete Gruppe“, sagt der Kölner Sozialpolitikprofessor Frank Schulz-Nieswandt, der das Projekt Gemeindeschwester plus wissenschaftlich evaluiert hat. Viele dieser Hochbetagten hätten ihre Ehepartner überlebt, die Kinder lebten vielleicht weit weg.

„10, 12, 14 Stunden verbringen solche alten Menschen vor dem Fernseher“, sagt Schulz-Nieswandt. „Das Einzige, was Sie da kriegen, ist Arthrose.“ Schlimmer noch: Dauerhafte Einsamkeit kann zu einer depressiven Stimmung führen, was wiederum sogar im Selbstmord enden kann. „Wir wissen, dass die Suizidrate unter den Hochbetagten stark ansteigt“, sagt Frank Schulz-Nieswandt. Die Gemeindeschwester plus schaffe es tatsächlich, „diese hochvulnerable Gruppe in ihrem Alltagszusammenhang zu erreichen“.

„Es sind oft ganz einfache Interventionen, die die Menschen aus ihrer Einsamkeit holen“, sagt Bätzing-Lichtenthäler: Wieder zum Stammtisch oder Tanzen gehen zu können, Gemeinschaft erleben, all das bringe Lebensqualität zurück. „Das hat die Menschen gestärkt, auch gesundheitlich“, betont die Ministerin, damit würden auch Pflegekosten gespart.

„Ich stelle Kontakte zu Nachbarschaftshilfen oder dem Spielekreis her, frage gezielt nach Barrieren in der Wohnung oder recherchiere auch schon mal Angebote zu betreutem Reisen“, erzählt Gemeindeschwester Renate Varoquier. 60 bis 70 Senioren betreut sie im Koblenzer Stadtteil Karthause, eine Rollator-Spaziergehgruppe hat sie initiiert, „um die Sozialkontakte noch mal aufkeimen zu lassen“. Häufig fällt dabei der Satz: „Wie gut, dass es Sie gibt.“ „Wir machen von allem ein bisschen“, sagt auch Maria Di Geraci-Dreier, Gemeindeschwester im Landkreis Alzey-Worms: Zuhören, nachfragen, hingucken. Das hilft den Menschen, ihre Selbstständigkeit zu behalten. „Es ist faktisch einfach falsch, dass Altern immer im Heim enden muss“, betont Geraci-Dreier. Wird Pflege benötigt, stellen die Schwestern den Kontakt zu Pflegestützpunkten her, sie selbst pflegen nicht, sind Ansprechpartner und Netzwerker.

„Die Akzeptanz in der Bevölkerung war sehr schnell sehr hoch“, sagt Schulz-Nieswandt. Das Gefühl „von Sicherheit und Heimat“ ist seiner Erfahrung nach bei den alten Menschen gestiegen – „allein durch das Angebot“. Der Wissenschaftler empfahl denn auch dringend die Fortsetzung. „Wir werden das Projekt fortsetzen und weiterentwickeln“, versprach Bätzing-Lichtenthäler. Für den Doppelhaushalt 2019/2020 seien bereits „entsprechende Mittel“ eingeplant. 2,9 Millionen Euro kostete das Projekt das Land bisher, für die Fortsetzung und eine gewünschte Ausweitung will die Ministerin nun Kommunen und Pflegekassen mit in die Pflicht nehmen: Denn Daseinsvorsorge ist Aufgabe der Kommunen und Prävention „auch im Sinne der Pflegekassen“, betonte Bätzing-Lichtenthäler: „Wenn Menschen wieder teilhaben an Gemeinschaft und Depressionen verhindert werden konnten, dann ist es das doch wert.“

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

Gemeindeschwester plus

18 Gemeindeschwestern plus an 13 Standorten gibt es seit Juli 2015 in neun rheinland-pfälzischen Landkreisen und Kommunen, darunter die Landkreise Neuwied und Bitburg-Prüm, Birkenfeld und Alzey-Worms sowie die Stadt Koblenz. 60.000 Menschen über 80 Jahre waren die Zielgruppe, insgesamt wurden 2343 Personen beraten, mehr als 3300 Hausbesuche absolviert. In mehr als 500 Fällen stellten die Gemeindeschwestern eine Pflegebedürftigkeit fest und leiteten zu Pflegeeinrichtungen über.

Die Gemeindeschwester muss deshalb unbedingt Fachkompetenz in Sachen Krankenpflege haben, betonten die Wissenschaftler, selbst pflegen soll sie nicht. Der Abschlussbericht soll im Dezember 2018 vorliegen. gik

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