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    Entspannte Miene: Klöckner bleibt leise in der Stunde des Triumphs

    Eine solche Szene wäre früher undenkbar gewesen. Die Landesregierung stolpert und taumelt in der größten Krise der Landes-SPD auf eine Regierungsumbildung zu. Und die CDU-Vorsitzende? Sie lässt die zweite Reihe reden.

    Foto: dpa

    Von unserem Redakteur Dietmar Brück

    Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat gerade im Zuge der Nürburgring-Affäre einen personellen Neustart verkündet, dessen Dimensionen alle Erwartungen in den Schatten stellt. Und was macht die CDU-Oppositionsführerin? Julia Klöckner gibt zwar das ein oder andere ausgewählte Interview, überlässt die zentrale Pressekonferenz ihrer Partei aber der zweiten Reihe. Die beiden Fraktionsvizes Adolf Weiland und Christian Baldauf dürfen die Journalisten mit ihrer Sicht der Dinge füttern. Ihr wenig überraschendes Credo: Die Landesregierung hat abgewirtschaftet.

    Noch selten hat man bei der CDU so viele entspannte Mienen gesehen. Mit dem süßen Duft eines möglichen Machtwechsels in der Nase lebt es sich als Politiker leichter. Das ist ein bisschen wie Weihnachten Mitte November. Eine gewöhnungsbedürftige Stimmungslage für eine CDU, die vor dem Amtsantritt Klöckners jahrelang durch einen fauligen Sumpf aus Fehden und Intrigen watete. Die jetzige Vorsitzende hat die Wende eingeleitet. Nun, wo die Schwäche der Regierung allgegenwärtig ist, verzichtet sie auf Gesten des Triumphs. Die frühere Weinkönigin trinkt still am Kelch ihres Erfolgs, krachende Trinksprüche überlässt sie anderen. Auch weil sie weiß, wer die Etappe gewinnt, hat noch nicht den Gesamtsieg errungen.

    Sie hat ihre Rhetorik entschlackt

    Seit geraumer Zeit ist Klöckner in ein neues Gewand geschlüpft. Sie hat nicht nur Pfunde verloren, sondern auch ihre Rhetorik entschlackt. Klöckner gibt sich staatstragender, mäßigt sich im Ton, lässt andere die politischen Grabenkriege austragen. Seit sie im Aufwind segelt, macht sie kaum mehr Wind. Warum auch? Die Landesregierung wird von einer Skandal-Lawine überrollt, die sie selbst vor Jahren ausgelöst hat. Klöckner tritt hier und da ein Steinchen los und lässt den Dingen ansonsten ihren Lauf. Es läuft gut für sie. Warum etwas ändern? Erst einmal abwarten, ob Rot-Grün mit der Kabinettsumbildung überhaupt wieder festen Boden unter die Füße bekommt.

    Und Klöckner weiß natürlich, dass die SPD sie im Wahlkampf als ehrgeizige Kunstfigur hinstellen wird, als Protagonistin der inhaltlichen Beliebigkeit, allein von ihrem Machthunger getrieben. Dagegen dürften die Genossen das Bild einer ehrlichen und aufrichtigen Landesmutter Malu Dreyer (SPD) zu stellen versuchen, die keine Zeit für Showeinlagen hat, weil sie das Land regieren muss.

    Klöckner beugt dieser Polarisierung durch einen Imagewechsel vor. Sie attackiert nach wie vor, aber nur bei den ganz großen Anlässen. Und dann präsentiert sie passgenaue, fein austarierte Reden, in denen stundenlange Arbeit steckt – sicher nicht nur von ihr alleine. Ansonsten meidet sie die Konfliktzone und die damit verbundenen negativen Energien. Die CDU-Chefin will ihr öffentliches Bild anreichern. Um Attribute wie Besonnenheit.

    Klöckner selbst sagt im Gespräch mit unserer Zeitung, dass es "verschiedene Phasen" für sie gibt und gab. In Phase eins (bis zum Amtsantritt Dreyers) ging es für sie darum, die Partei zu einen, aber auch bekannt zu werden. Klöckner präsentierte sich als scharfzüngige und furchtlose Spitze der Opposition. Sie war auf allen Kanälen präsent. Manches geriet zu schrill, aber die eigenen Leute scharte sie hinter sich. Und der damalige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) sah neben der frech auftrumpfenden Oppositionsführerin oft alt, griesgrämig und unwirsch aus.

    In Phase zwei geht es Klöckner nicht nur um eine Imagekorrektur. Sie will offenbar auch einem altbekannten rot-grünen Giftpfeil die Wirkung nehmen. Im Regierungslager ist immer wieder zu hören, dass es hinter Klöckner keine starken Leute mehr gebe. Um dem zu begegnen, lässt die Vorsitzende mehr Raum, damit andere sich profilieren können. Wichtige Reden halten jetzt auch die CDU-Fraktionsvizes Weiland, Baldauf und Alexander Licht oder die CDU-Sozialpolitikerin Heidi Thelen. Und die rhetorische Keule schwingt immer öfter CDU-Generalsekretär Patrick Schnieder, auch wenn er aus Berlin nur eine beschränkte Wirkung entfalten kann. Rivalitäten muss Klöckner nicht mehr fürchten, wenn sie andere vorlässt. "Die Kleiderordnung ist klar bei mir", sagt sie.

    Stille Berater um sich geschart

    Klöckner, die nur fünf Stunden Schlaf braucht, gewinnt dadurch Zeit, sich inhaltlich fit zu machen. Sie hat stille Berater um sich geschart – etwa in Wirtschaftsfragen. Klöckner will gerüstet sein, sollte die Staatskanzlei 2016 ihr neuer Arbeitsplatz werden. Und sie muss auch als CDU-Bundesvize sattelfest in allen Themen sein. Das kostet Zeit und Kraft. Politischer Erfolg ist auch eine Frage der Ökonomie.

    Natürlich kann Klöckner auch anders. Dass sie das Spiel mit den Halbwahrheiten weiterhin beherrscht, hat sie mehrfach im Ring-Skandal gezeigt. Als der frühere Rennstrecken-Eigentümer Robertino Wild in die Krise geriet, sprach Klöckner ziemlich schnell von einem "Hochstapler". Und nachdem der russische Oligarch Viktor Kharitonin den Ring übernommen hatte, war sie sich auch nicht zu schade, kriminelle Machenschaften zu suggerieren. Wild stand plötzlich als Strohmann eines russischen Konsortiums da.

    In beiden Fällen konnte sich Klöckner kaum auf eine solide Faktenbasis stützen. Sie griff Stimmungen und Meinungen auf, für ihre Ziele nützliche, möchte man sagen. Denn dass die CDU-Chefin wissensdurstig und erkenntnishungrig entsprechende Nachfragen bei den Betroffenen stellte, ist nicht überliefert. Manchmal erzeugt der Schein die Wirkung, Fakten stören eher. Generell kann man natürlich fragen, wie viel Wahrheit der politische Diskus überhaupt verträgt?

    Klöckner wird dafür sorgen, dass das Nürburgring-Desaster bis 2016 nicht in Vergessenheit gerät. Ihr Ruf nach Neuwahlen dürfte indes unerhört bleiben. Rot-Grün will einen zweiten Anlauf. Klöckner indes hält es für gerechtfertigt, dass der Wähler jetzt entscheidet, da er über die Verhältnisse am Ring getäuscht worden sei. "Wahrheit ist nicht gleich Mehrheit", sagt sie. Tatsächlich ist es komplizierter. Wenn man Politikern so zuhört, ist Wahrheit nicht mal gleich Wahrheit.

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