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Braubacher Geschichten: Eine Kindheitserinnerung aus dem 2. Weltkrieg

Einmal habe ich im Haus meiner Großmutter durch das kleine Fenster zwischen Schlafzimmer und Wohnstube, das eine Milchglasscheibe hatte, den Osterhasen beobachtet. Sein Schatten war riesengroß, so groß wie der eines Menschen. Er kam durch die Tür und huschte durchs Zimmer. Und irgendwie erinnerte er mich an Onkel Walter.

Einmal habe ich im Haus meiner Großmutter durch das kleine Fenster zwischen Schlafzimmer und Wohnstube, das eine Milchglasscheibe hatte, den Osterhasen beobachtet. Sein Schatten war riesengroß, so groß wie der eines Menschen. Er kam durch die Tür und huschte durchs Zimmer. Und irgendwie erinnerte er mich an Onkel Walter.

Aber ich sah auch seine großen Ohren, und deshalb konnte das mit Onkel Walter nicht stimmen. Außerdem war mein Onkel ja auch an der Front.

Ich schlüpfte zurück in das Bett neben dem Fenster zum Hof, in dem ich mit meiner Schwester schlief und erzählte ihr aufgeregt von meinen Beobachtungen. Ungläubig sah sie mich an. Ein riesiger Osterhase? Das war bestimmt ein Gespenst! Ängstlich zog sie sich die Decke über den Kopf.

Als wir jedoch am nächsten Morgen in die Wohnstube kamen, waren all ihre Zweifel verflogen. Da lagen doch tatsächlich neben zwei Zuckerküken zwei wunderschöne buntbemalte Eier. Und das, wo mir zwei Monate vorher zum Geburtstag mein innigster Wunsch: "Ein Ei für mich allein!" erfüllt worden war.

Es grenzte fast an ein Wunder. Nun hatte ich schon wieder eines. Bisher wurde nämlich an Festtagen als besondere Köstlichkeit zum Abendbrot ein Ei durch drei geteilt. Drei Scheiben für meine Schwester Marlis, drei Scheiben für mich und die kleinen Endstücke ohne Dotter für Mutti.

Gegen Mittag besuchte uns Onkel Walter. Er hatte Fronturlaub. Komischerweise war Großmutter gar nicht überrascht, als er plötzlich in der Tür stand und das fertige Mittagessen, "Dämpfkartoffelle mit Blootworscht" reichte auch für ihn.

Am Abend öffnete ich mein bemaltes Ei ganz vorsichtig nur an einer Seite und löffelte aus der kleinen Öffnung den leckeren Inhalt.

Tags darauf gingen wir zur Eierwiese auf den Marksburgberg. Großmutter erzählte, dass es in Friedenszeiten Brauch war, zu Ostern auf dem schrägen Hang dieser Wiese Wettkämpfe mit kullernden Eiern auszutragen.

Deshalb der Name Eierwiese. Aber an diesem zweiten Ostertag gingen wir nicht dorthin, um meine kostbare bemalte Eihülle den Berg hinabzurollen, sondern um Schlüsselblumen zu pflücken. Die gab es dort in Hülle und Fülle.

Und noch lange zierte eine eiförmige „Bodenvase“ mit immer verschiedenen Wiesenblumen unsere Puppenstube.

Von Vera Oelmann

Rheinland-Pfalz
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