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Braubacher Geschichten: Die Schatztruhe

Eines Tages entdeckte ich im Haus meiner Großmutter im hintersten Winkel des Speichers eine Schatztruhe. Ganz vorsichtig und voller Spannung öffnete ich den schweren Deckel. Da lag er vor mir, der Schatz.

Eines Tages entdeckte ich im Haus meiner Großmutter im hintersten Winkel des Speichers eine Schatztruhe. Ganz vorsichtig und voller Spannung öffnete ich den schweren Deckel. Da lag er vor mir, der Schatz.

Er glitzerte, funkelte und schillerte in allen Farben. Perlenketten, Broschen, Sonnenbrillen und Stocknägel, Muschelkästen, Aschenbecher, Armreifen, und Blumenvasen, Bilder, Bücher, Ansichtskarten und Spruchbänder, alles reich verziert und wunderschön anzusehen.

Die Miniatur-Weinflaschen, Römer-Gläser und Trauben zum Anstecken mit einem Gruß aus Braubach, der Wein- und Rosenstadt am Rhein, gefielen mir besonders gut. Mir stockte der Atem! Ich hatte einen richtigen Schatz gefunden. Nun waren wir reich und brauchten nicht mehr zu hungern.

Ich konnte es kaum erwarten, bis die Großen von der Kirschenernte zurückkamen. Das wollte ich nicht für mich behalten. Das musste ich gleich erzählen. "Die werden Augen machen", dachte ich.

"Die werden sich freuen!" Nun hatte Mutti genügend Dinge, um sie bei ihren Hamstertouren durch die Taunusdörfer einzutauschen. Mit Freuden würden ihr die Bauern Eier, Mehl, Butter und Speck dafür geben.

Aber auch diesmal lächelte Großmutter nur und strich mir übers Haar: "Ich weiß, Kind, dass dort oben ein Schatz liegt. Er stammt noch aus der Friedenszeit, aus den Tagen, als täglich viele Rheindampfer mit Besuchern kamen, um die Marksburg zu besichtigen. In Scharen gingen sie an unserem Haus vorbei.

Dann legten wir all diese Dinge in das geöffnete Fenster des Lädchens und verkauften sie als Reiseandenken. Ach ja, es war eine schöne Zeit damals und wir hatten oft viel Spaß dabei. Aber heute kommen keine Gäste und die Bauern geben uns für Sonnenbrillen und Broschen, für Blumenvasen und Aschenbecher gar nichts."

Ich verstand das zwar nicht ganz, denn die Broschen waren doch wunderschön, die Sonne schien, die Blumen blühten auch im Krieg und die wenigen Männer, die nicht eingezogen worden sind, sammelten Kirschblätter, trockneten und zerknüllten sie, um sie in Pfeifen oder als handgefertigte Zigarren und Zigaretten zu rauchen. Aber dennoch: Das Thema war für die Großen erledigt.

Für die Großen. Aber für mich noch lange nicht. Ja, wenn erst wieder Frieden sein würde, wenn wieder Rheinschiffe und Gäste kämen....!

Und irgendwann, Jahre später, war Frieden. Er brachte Rheinschiffe und Besucher in großer Zahl. Das Nachhol-Bedürfnis der Menschen nach fünf Jahren Angst.

Schrecken und Entsetzen war groß. Jeder, der es sich irgendwie leisten konnte, fuhr hinaus aus den zerbombten Städten, um wieder einmal ein wenig heile Welt zu sehen.

Meine Mutter war mit uns Kindern zurück nach Hannover in unsere unversehrte Wohnung gekehrt und ich verlebte bei Oma meine Schulferien.

Wieder war Kirschenzeit und wieder war ich allein im Haus, an dem gan-ze Ströme von Menschen vorbeizogen. Alle wollten die Marksburg besichtigen, die einzig erhaltene Burg am Rhein, deren Bausubstanz dem 12. Jahrhundert entstammt.

Aber in der Sommergasse, die mit einer Treppe in den Hahnweg mündete, staute sich der Menschenstrom, denn dort gab es ein Geschäft mit Reiseandenken. Ich hatte schon oft davor gestanden. Solche Geschäfte gab es auf dem Weg vom Rhein durch die Stadt zu Hauf.

Überall waren die Auslagen ähnlich: Mokkatassen. Gläser, Zuckerdosen mit billigen Abziehbildern, moderne Ansichtskarten, Spazierstöcke und Zuckerwerk. Die Leute kauften und kauften nach den langen Jahren der Entbehrung.

Da kam mir eine – wie ich meine – glänzende Idee und ich begann sogleich, sie in die Tat umzusetzen.

An einem herrlichen Sonnentag war es so weit. In tagelanger mühevoller Kleinarbeit hatte ich alles vorbereitet. Das war gar nicht so einfach. Alles musste heimlich auf dem Speicher geschehen, denn schließlich sollte es ja eine Überraschung werden. Wurde es auch. Und was für eine!

Ich hatte Preisschilder geschrieben und aus Pappkartons kleine Ständer gebaut, Brillen geputzt und Vasen gereinigt. Zu Großmutters Verwunderung hatte ich auch das Lädchen aufgeräumt und alles blitzblank geschrubbt. Sie war sehr erstaunt und erfreut darüber und dachte gewiss, dass ich ihr eine Freude bereiten wollte. Wollte ich ja auch. Aber mit Sicherheit eine ganz andere, als sie erwartete.

An besagtem schönen Sonnentag – Großmutter war wieder im Garten und ich hatte vorgegeben, zu meiner Freundin Wiltrud zu gehen, die am Obertor wohnte – schleppte ich den gesamten Inhalt der Schatztruhe vom Speicher über die altersschwache Leiter, an der oben ein paar Sprossen fehlten, ins Lädchen.

Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. In Windeseile dekorierte ich die geöffneten grünen Fensterläden und die ganze Ablage im Innenraum vor dem Fenster mit meinen Schätzen.

Dann schob ich noch das alte Grammophon vors Fenster der Wohnstube und legte eine Schallplatte auf. Natürlich mit dem Kammersänger Heinrich Schlusnus, Braubachs berühmtestem Sohn, der sich mit seiner samtenen Stimme vom kleinen Postbeamten zu Deutschlands größtem Bariton emporgesungen hatte.

Heute ruht er unweit meiner Großmutter oben auf dem Friedhof bei der Martinskapelle in unmittelbarer Nähe der Marksburg. Damals tönte seine so wohlklingende Stimme vom Grammophon aus dem Fenster des Zöllnerhäuschens mit dem Lied "Sonntag ist's, im Gras das Veilchen betet still ein Lied für sich..." ein-dringlich über den Hahnweg.

Angelockt von solch wundersamen Klängen standen bald ganze Menschentrauben vor meinem Wunderladen und kauften und staunten und staunten und kauften. Die Begeisterung war groß.

"So schöne nostalgische Reiseandenken! Und alles so preiswert! „Eine Sonnenbrille für dreißig Pfennige?" Das gab es sonst nirgendwo! Es sprach sich schnell herum. Bald hatte das Geschäft in der Sommergasse nicht einen Interessenten mehr. Ich merkte wohl, dass der Inhaber dieses Ladens in weitem Bogen um meine Auslagen schlich und mit verkniffenem Gesicht das muntere Treiben beobachtete, machte mir aber weiter keine Gedanken darüber. Denn schließlich: was konnte ich dafür, dass meine Schätze so viel mehr Anklang fanden als seine doch recht langweiligen Angebote!

Gut zwei Stunden später musste ich die grünen Holzläden mit den Herzlöchern vor meinem Fenster wieder schließen, denn ich war restlos ausverkauft. Und vor mir stand wieder eine Schatztruhe. Nicht sehr groß, aber dafür gefüllt mit klingender Münze.

Ich zählte und zählte, während mein Herz bis zum Hals klopfte. Über dreihundert Mark hatte ich eingenommen! Dreihundert Mark! So viel verdiente Vater im ganzen Monat nicht. Wie würde Großmutter sich freuen!

Aber ich glaube, sie freute sich gar nicht so sehr. Sie schüttelte nur immer wieder den Kopf mit den silbernen Haaren und dem kleinen Knötchen, das sie morgens sorgfältig in ein dünnes Netz steckte und – bedeckt mit eigenem Haar – am Hinterkopf befestigte.

"Kind, Kind", sagte sie, "was hast du da wieder angerichtet!" Aber während sie das sagte, zuckte es verschmitzt um ihre Mundwinkel und ihre so lebhaften Augen schauten kein bisschen böse.

Ich weiß noch, dass sie in den nächsten Tagen öfter zum Bürgermeisteramt musste. Und jedes Mal, wenn sie zurück kam, schaute sie mich wieder kopfschüttelnd an und sagte nur: "Kind, Kind, du machst Sachen! Von wem hast du das nur?“ Dann drückte sie mich schmunzelnd an sich und strich mir liebevoll übers Haar.

Sie war eine wundervolle Großmutter, die volles Verständnis dafür hatte, dass ich mit meinen acht Jahren noch gar nicht wissen konnte, dass man vor einer Geschäftseröffnung eine Genehmigung einholen und ein Gewerbe anmelden muss.

Erst viel später, als Großmutter schon lange nicht mehr bei uns war, sagten viele Menschen, die sie von früher kannten, oft zu mir: „Was du für Ideen hast! Du bist ganz wie die Oma“. Und jedes Mal freute ich mich darüber.

Von Vera Oelmann

Rheinland-Pfalz
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