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    Rheinland-PfalzArbeitsverlagerung: Hebammen wird die Geburt zu riskant

    Clara Kullmann und Marietheres Osterholt aus Mainz gehen einer jahrtausende­alten Profession nach: Sie sind Hebammen. Aber das „Kernstück der Tätigkeit“, wie Kullmann es nennt – nämlich die Unterstützung bei der Geburt selbst – leisten die beiden nicht mehr. Stattdessen fokussieren sie sich auf Schwangerenberatung sowie Begleitung, Vorsorge, Kurse und Wochenbettbetreuung.

    In einer Klinik wollen die beiden nicht arbeiten – wegen der gleichzeitigen Betreuung mehrerer Geburten in den Kreißsälen, der vielen Kaiserschnitte, all der Medikamente zur Unterstützung und Abschwächung der Wehen, der Anästhesie nahe dem Rückenmark (PDA), der fehlenden durchgehenden Begleitung. Die beiden würden gern bei außerklinischen Geburten helfen, aber ein Geburtshaus gibt es in Mainz nicht. Und Hausgeburten gingen nur im Team.

    Hinzu kommen die exorbitant steigenden Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung. 7639 Euro muss eine freiberufliche Hebamme ab Juli zahlen, egal, wie viele Geburten sie betreut, abzüglich eines Zuschlags. Leistet sie keine Geburtshilfe, sind es hingegen nur einige Hundert Euro. „Ich müsste einfach zu viel arbeiten, um die Versicherung bezahlen zu können“, sagt Osterholt.

    Dabei könnten die Frauen in Rheinland-Pfalz die Hilfe von Os­terholt und Kullmann gut gebrauchen, denn nach Angaben des Hebammen-Landesverbandes besteht ein Leistungsmangel: Zwar gibt es mehr Hebammen, aber viele von ihnen arbeiten nur noch Teilzeit – und vor allem nicht mehr in der Geburtshilfe. „Gerade junge Kolleginnen machen nur noch Kurse oder Nachbetreuung“, sagt die Landesvorsitzende des Verbandes, Ingrid Mollnar.

    Außerdem schließen Kreißsäle – zwischen 2010 und 2015 haben in Rheinland-Pfalz zwölf Stationen oder Fachabteilungen dichtgemacht. Das Ministerium sieht die flächendeckende Versorgung dennoch gewährleistet. Auf einer „Landkarte der Unterversorgung“ des Hebammenverbandes, die von Eltern bestückt wird, finden sich indes viele farbige Punkte, auch wenn sie zum Teil schon älter sind. In Ochtendung suchten dort zum Beispiel zwei Frauen eine Hebamme für eine Beleggeburt. Im Raum Polch und in Ahrweiler versuchten insgesamt vier Frauen vergeblich, eine Wochenbettbetreuung zu bekommen. Und Mollnar meint: In den verbliebenen Kreißsälen sei die Lage so angespannt, dass die Hebammen nicht einmal Pausen machen könnten. „Die haben zwei bis vier Frauen gleichzeitig unter Geburt.“

    Streit gibt es außerdem zwischen den Hebammen und dem Spitzenverband der Krankenkassen. Bei der Auseinandersetzung geht es um die Vergütung freiberuflicher Beleghebammen an Kliniken. Die Krankenkassen fordern, dass Beleghebammen in der Klinik künftig nur noch zwei Schwangere gleichzeitig behandeln dürfen. Jede weitere Frau müsste dann ehrenamtlich betreut werden, kritisiert der Hebammenverband. Für die freiberuflichen Beleghebammen bedeute das finanziell ein Desaster, was sich wiederum auf die Kliniken auswirke.

    Ein Schiedsgericht in Berlin muss darüber entscheiden, weil beide Seiten sich nicht einigen konnten. Der deutsche Hebammenverband warnt: Sollte die Schiedsstelle im Sinne des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen entscheiden, sei die Versorgung auf den Geburtsstationen in Gefahr. Ein Sprecher des GKV erklärte hingegen, mit den Änderungen sollen die Hebammen unter dem Strich mehr Geld erhalten. Momentan verdienen freiberufliche Beleghebammen brutto etwa 25 Euro pro Stunde. Der Hebammenverband fordert einen Brutto-Stundenlohn von 50 Euro pro Stunde, damit die Frauen nach Abzug von Steuern und Abgaben auf 16 bis 18 Euro kommen.

    „Die niedrige Bezahlung ist typisch im sozialen Bereich. Das haben wir uns eben so ausgesucht“, sagt Osterholt. „Aber bei der ganzen Verantwortung, die wir tragen, ist das nicht üppig.“ Als Freiberufler müssten sie darüber hinaus noch vorsorgen für die Zeit, wenn sie oder ihre Kinder einmal krank sind und sie nicht arbeiten können. Gerade an ihnen dürfe deswegen nicht gespart werden, meint Osterholt.

    Auch Kullmann sagt, Geburten könnten nicht wie am Fließband erledigt werden. „Man will sich einfühlen in eine Frau, die gerade einen riesengroßen Wendepunkt in ihrem Leben durchlebt.“ Das nehme auch sie emotional mit. „Da ist man fertig.“ Trotz allem lassen die beiden keinen Zweifel daran, dass sie ihre Arbeit wahnsinnig gern machen und sie weiter ausüben möchten. „Wir lieben unseren Job“, sagt Osterholt. Mit glänzenden Augen erzählt sie von ihrer ersten Geburt, damals als Schülerin im Betriebspraktikum. „Das fand ich total toll. Es war eine wunderschöne Hausgeburt. Ich war total ergriffen und euphorisiert mit meinen 16 Jahren.“

    Von Doreen Fiedler und Angela Kauer-Schöneich

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