Koblenz

25. Koblenzer AIDS-Hepatitis-Forum: Kenne deinen Status

Experten blicken auf die Entwicklung von Virusinfektionen und gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels.

Staatssekretär Dr. Denis Alt rät: „Kenne deinen Status!“

Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein

Das Foto zeigt die Mitglieder des Arbeitskreises AIDS/STI Rheinland-Pfalz Nord.

Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein

Rund 150 Teilnehmer waren vor Ort und live im Internet dabei.

Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein

Zur wohl langjährigsten und hochkarätigsten Fortbildung im Kemperhof luden wieder der Arbeitskreis AIDS/STI Rheinland-Pfalz Nord in Kooperation mit dem Gemeinschaftsklinikum Mittelrhein, dem Förderverein Immunologische Ambulanz Koblenz, der Landeszentrale für Gesundheitsförderung Mainz, und der Deutschen AIDS-Gesellschaft ein. Dr. Ansgar Rieke, Chefarzt der Inneren Medizin – Nephrologie und Infektiologie im Kemperhof, begrüßte in der Hybridveranstaltung rund 150 Teilnehmer vor Ort und am heimischen Rechner in allen Ecken Deutschlands und Europas. Zu diesem besonderen Jubiläum bedankte er sich bei Prof. Dr. Manfred Rister für den langjährigen Vorsitz im Förderverein und Joachim Palm, der dieses wichtige Amt nun übernommen hat. Sein Dank ging aber auch an den Arbeitskreis, Kooperationspartner, Aussteller und Sponsoren, sein Team der Immunologischen Ambulanz und insbesondere an die Covidstation, die „unter schwerer Belastung im Vollschutz den Spagat zwischen Hygiene und menschlicher Zuwendung geschafft hat.“

„Für eine solche Erfolgsgeschichte braucht es Menschen, die sich dauerhaft engagieren und Einsatz zeigen“, bedankte sich auch Dr. Denis Alt, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz. Welchen Einfluss Infektionen auf unsere Gesellschaft haben können, hat uns Corona gezeigt. Jeder ist betroffen, ob beim Abstand halten, weil Veranstaltungen ausgefallen sind oder durch eine Erkrankung. Bei AIDS und Hepatitis ist die breite Bevölkerung weniger massiv betroffen. Durch die Therapeutika ist ein Leben mit AIDS möglich, mit Hepatitis C meistens Heilung. „Aber Aufklärung und Information bleiben entscheidend.“ Mit einer Inzidenz von 5,5 ist die Zahl der Neuinfektionen bei Hepatitis C in 2020 weiter gesunken. „Eine beachtliche Entwicklung in Hinsicht auf Test- und Präventionsmaßnahmen“, betonte Alt, warnte jedoch davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. „Jeder fünfte Betroffene weiß nichts von einer Infektion, 34 Prozent der Infektionen werden erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt.“

Schon immer gab es tödliche Pandemien, seien es die Pest, die spanische Grippe, AIDS/HIV oder zuletzt Covid. „HIV geht global – Gott sei Dank – zurück, die Ziele sind jedoch immer noch nicht erreicht“, so Dr. Ansgar Rieke. Diese sind laut WHO die Diagnostizierung von 90 Prozent der Infektionen, von diesen mindestens 90 Prozent auf Therapie zu setzen und davon wiederum 90 Prozent viral so zu supprimieren, dass das Virus unter der Nachweisgrenze liegt und damit nicht mehr übertragen werden kann. Doch wo stehen wir in Deutschland? Zwei Drittel der Infektionen liegen unter der Nachweisgrenze, bei antiretroviraler Therapie gar 93 Prozent aller HIV-Infektionen. Bei einer solchen Therapie entspricht die Lebenserwartung HIV-Infizierter der von Menschen ohne Infektion. „Das heißt: Gut und stabil eingestellt ist HIV ist eine chronische Infektion, die gut behandelbar ist und ein relativ normales Leben verspricht, ähnlich Diabetes. Dies rechtzeitig zu erkennen ist eine Herzensangelegenheit, der mit diesem Forum Rechnung getragen werden soll“, so Rieke.

Um eine effektive Behandlung der Patienten zu ermöglichen, ist die Infektiologie als Schwerpunkt der Inneren Medizin genauso unerlässlich wie eine gute Vernetzung. Der Ursprung neuer Viren liegt in der Ökologie, der Exposition und der Evolution. Die soziale Determinante und Infektionen gehen Hand in Hand. „Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, mit welcher Wucht Viren weitergegeben werden“, leitete Dr. Rieke zu seinem nächsten Vortrag über. „Covid ist eine der tödlichsten Erkrankungen mit nur zwei Möglichkeiten: Impfen oder infizieren“, so sein klares Statement. Die vierte Corona-Welle ist rückläufig, was nicht zuletzt der hohen Anzahl an Impfungen zu verdanken sei. Mit einer Impfrate von 79,33 Prozent rangiert Koblenz mit an der Spitze. „Wir sind klasse, dürfen aber nicht müde werden, momentan ist ein Rückgang der Impfmotivation zu beobachten.“

Dass die Covid-Pandemie global Einfluss auf HIV hat und hatte, steht zweifelsohne fest. Es gab Lieferunterbrechungen, Teststationen wurden geschlossen, Therapien unterbrochen, circa eine Million Todesfälle waren zu beklagen. Eine solche Situation erfordert Kreativität, zum Beispiel mit der Durchführung von Videosprechstunden. Und sie sind dringend notwendig. „Der Rückgang der Testungen ist beunruhigend“, mahnt Rieke. Covid 19 ist ein Risikofaktor für nicht behandelte oder nicht gut eingestellte HIV-Infektionen. „Jeder Infizierte sollte geimpft sein, denn Covid ist brandgefährlich.“ Die hohe Wirksamkeit der Impfstoffe gilt anhand der Daten inzwischen als gesichert, eine dritte, sogenannte Boosterimpfung für anfällige Risikogruppen wird empfohlen. Dass neben den mRNA- und vektorbasierten Impfstoffen mit einer eiweißbasierten Variante hoffentlich bald ein weiterer Impfstoff zum Einsatz kommt, dessen Vorteil in der einfachen Kühlschanklagerung ähnlich den Grippevakzinen liegt, macht Riekes Vermutung, dass der Medizin-Nobelpreis 2021 nach Deutschland gehen wird, nachvollziehbar.

Einen weiteren Meilenstein stellte Prof. Dr. Kilian Weigand, Chefarzt der Inneren Medizin – Gastroenterologie, Gastroenterologische Tumortherapie und Diabetologie im Kemperhof, vor. Er bezog sich dabei auf die Meldung der Kassenärztlichen Vereinigung, dass ab sofort im Check-up 35 auf Hepatitis B und C getestet wird. In seinem wissenschaftlichen Vortrag stellte er das Riesen-Krankheitsbild der viralen Hepatitis vor, insbesondere die seiner und Expertenansicht nach sehr gut gelungene, in 2021 erschienene neue Hepatitis-B-Leitlinie und schloss mit der Aussage: „Wir behandeln exakt nach State of the Art!“

Dass Impfen noch nie so wertvoll wie heute war, zeigte Carolynne Schwarze-Zander, Ärztin für Innere Medizin in Bonn, eindrücklich in ihrem Vortrag „Update Impfen 2021 – Wer soll wie geimpft werden?“. „Die Impfskepsis stand 2019 an Platz 8 der 10 Gefahren globaler Bedrohung und ist mit Corona sicher auf Platz 2 nach vorn gerückt“. Sie lobte die großartige Arbeit der Kinderärzte, die Kindern und Jugendlichen zwischen null und 17 Jahren 90 Prozent aller empfohlenen Impfungen verabreichen. Sie hob hervor, dass das lange unangetastete Impfen bei Immunsuppression mit einer Überarbeitung des Grundlagenpapiers endlich voranschreitet und appellierte an alle: „Impfen ist einfach und wird – gut vermittelt – zur wirksamsten Präventionsmaßnahme. Jede Impfung zählt.“

Nicht geimpft werden kann die Erde. „Die Erde hat Fieber. Sie leidet an geistigem und körperlichem Verfall sowie Nierenversagen. Die Patientin gehört auf die Intensivstation“. Deutliche Worte, die Moritz Schad, Facharzt für Innere Medizin/Gastroenterologie und Vertreter der 2019 gegründeten Health for Future Koblenz fand, um Prof. Dr. August Stich, Tropenmediziner der Missioklinik am Klinikum Würzburg Mitte anzukündigen. „Klimawandel ist eine Bedrohung unserer Gesellschaft und muss als solche behandelt werden. Der Gesundheitssektor ist besonders betroffen, führen die Veränderungen der Umwelt zu gesundheitlichen Problemen wie Übersterblichkeit durch Hitze bis zu einer Zunahme chronischer Lungenerkrankungen durch Feinstaub. Durch die Erderwärmung, die Zunahme der (Klima-)Flüchtlingsströme und die Tatsache, dass jeder Ort der Welt heute binnen 24 Stunden zu erreichen ist, breiten sich sowohl nicht-infektiöse als auch infektiöse Erkrankungen immer schneller aus.“ Stich verwies auf die Querverbindung zwischen Klimawandel und einer qualitativen und quantitativen Gesundheitsveränderung. „Wir brauchen keine Studien mehr, um den Klimawandel zu beweisen. Wir müssen handeln.“ Er betonte dabei die besondere Bedeutung, „die uns Medizinern zukommt. Wir Ärzte genießen hohes Ansehen und können andere Hebel in Bewegung setzen. Auch wenn es zum Verzweifeln ist, große Ziele und Ideale einerseits, das Korsett aus Hygiene und Ökonomie, in dem Krankenhäuser zunehmend stecken, andererseits. Es ist spät. Aber noch nicht zu spät.“