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    Innere Stimme führte nach Brasilien: Kirsten Schiemann wanderte aus und überwand Sinnkrise

    Kirsten Schiemann aus Mündersbach ist vor rund drei Jahren nach Brasilien ausgewandert. Dort arbeitet sie unter anderem für den weltweit bekannten Geistheiler João de Deus.

    Das Zentrum des inzwischen weltbekannten Heilers João de Deus in Abadiania.  Foto: privat
    Das Zentrum des inzwischen weltbekannten Heilers João de Deus in Abadiania.
    Foto: privat

    Was habe ich da bloß angestellt? Dieser Gedanke quälte Kirsten Schiemann in den ersten Tagen, nachdem sie von Deutschland nach Brasilien ausgewandert war. Zuvor hatte sie ihren abwechslungsreichen, gut bezahlten Job aufgegeben, um in einer Sinnkrise dem inzwischen weltbekannten Heiler João de Deus in dessen Zentrum in Abadiania zu folgen. Das war vor rund drei Jahren. Heute sagt die 1964 in Mündersbach geborene Schiemann ohne Zweifel: „In Brasilien fand ich meine wahre Heimat.“Aktuell ist die Frau mit der spannenden Biografie nach zweieinhalb Jahren wieder zu Besuch im Westerwald. Am morgigen Donnerstag, 14. September, spricht sie – auf Einladung ihrer langjährigen Freundin und Gleichstellungsbeauftragten der VG Hachenburg, Silke Hanusch – um 19 Uhr im großen Sitzungssaal der Verwaltung Hachenburg über ihre Lebensgeschichte.

    Kirsten Schiemann wuchs auf einem kleinen Bauernhof inmitten der Natur auf. Mit 18 Jahren bekam sie ihren einzigen Sohn – „ein Wunschkind, weil mein Mann sehr viel älter war als ich“, berichtet sie. Ihr Leben lang hat sie gelernt, war stets offen für Neues: So war sie als Masseurin, Kosmetikerin, ganzheitliche Therapeutin, Autoverkäuferin sowie als Lehrerin für angehende Spa-Manager an der ersten eidgenössischen Wellness Manager Schule in Luzern tätig. Sie arbeitete für große Konzerne wie Vodafone, Mercedes, Bertelsmann und Dr. Oetker, wo sie Mitglied der Geschäftsleitung war. Zudem war sie in der Schweiz als Spa-Managerin am Aufbau neuer Wellnessbereiche in der Fünf-Sterne-Luxushotellerie beteiligt.

    In Brasilien fand Kirsten Schiemann einen neuen Lebenssinn. Der Wasserfall auf dem Gelände der Casa de Dom Inácio, an dem sie hier zu sehen ist, gilt als heilig.  Foto: Kirsten Schiemann
    In Brasilien fand Kirsten Schiemann einen neuen Lebenssinn. Der Wasserfall auf dem Gelände der Casa de Dom Inácio, an dem sie hier zu sehen ist, gilt als heilig.
    Foto: Kirsten Schiemann

    2013 jedoch traf sie die Sinnkrise. Morgens beim Aufwachen hörte sie nach eigenen Berichten eine Stimme, die ihr sagte: „Gehe nach Brasilien.“ Eigentlich, so sagt die Vielgereiste, stand dieses Land nie auf ihrer Liste. „Brasilien war für mich beladen mit Klischees: Popo wackelnde Sambatänzerinnen und Copacabana.“ Aber die Stimme sei so stark gewesen, „dass ich den ganzen Tag darüber nachdachte, was dort in Brasilien für mich sein könnte“. Durch eine Internetrecherche stieß sie schließlich auf den Heiler João de Deus, der auch schon in Deutschland zu Besuch war und der in seinem „spirituellen Krankenhaus“ in Abadiania im Staat Goias – nahe der Hauptstadt Brasilia – wöchentlich Tausende Hilfe suchende Menschen empfängt und behandelt. Dieser Ort und João de Deus habe auf sie eine Magnetwirkung gehabt, schildert Kirsten Schiemann.

    So reiste sie zunächst für vier Wochen nach Brasilien, um ein Jahr später komplett dorthin auszuwandern. „Ich folge gewöhnlich meinem Instinkt“, begründet die 53-Jährige. Noch nie sei ihr etwas so leicht gefallen, wie diese Entscheidung, betont Schiemann auf Nachfrage. Ihre kurzzeitigen Existenzängste nach ihrer Ankunft in Abadiania seien nach Gesprächen mit guten Freunden verschwunden. „Ich begann zu vertrauen. Dieses Vertrauen gab mir die Kraft, dort zu bleiben und meine persönliche Freiheit zu finden. Diese Freiheit ist mit Geld nicht zu bezahlen“, erzählt sie. Dennoch gibt es etwas, dass sie in Südamerika vermisst: „Die gute Qualität der Lebensmittel (Bio) in Deutschland und gute, bezahlbare Kleidung.“

    Den Kontakt zu ihrer Familie und ihren besten Freunden in Europa pflegt sie bis heute. Außerdem habe sie in Brasilien weitere tolle Menschen gefunden. „Brasilianer sind pure Liebe, wenn sie einen als Freund oder als hilfsbereiten Mitbewohner erkennen, von dem keine Gefahr ausgeht. Die Hilfsbereitschaft ist so berührend, dass ich dafür keine Worte finde. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel liebevolle Aufmerksamkeit und Wärme bekommen. Mein neues Lebensgefühl ist: Liebe, Freiheit, Freude und tiefe Dankbarkeit. Ich habe mein inneres Lachen zurückgefunden.“

    Kirsten Schiemann lebt in Brasilien an zwei Orten: In dem kleinen Ort Abadiania, der mit mehren tausend Besuchern pro Woche eines der größten Touristenaufkommen in ganz Brasilien hat. Dort, im Zentrum von Heiler João de Deus begleitet sie deutsch- und englischsprachige Gäste, die spirituelles Wissen erlangen möchten, und sehr kranke Menschen, die diesen Weg als letzte Chance zum Überleben ansehen, durch ihre Prozesse.

    Der zweite Ort, an dem Schiemann lebt und wirkt, befindet sich in der Nähe Brasilias: Dort arbeitet sie zusammen mit anderen Menschen ehrenamtlich in einem brasilianischen Tempel, dessen Motto lautet: „Liebe – Toleranz – Menschlichkeit“.

    Ihr aktueller Besuch in der alten Heimat wird rund drei Monate dauern. Zum einen möchte Kirsten Schiemann in dieser Zeit noch den Keller ihrer Mutter entrümpeln, „den ich mit meinen persönlichen Dingen belagert habe“. Zum anderen möchte sie in Deutschland und in der Schweiz Sponsoren für ein Kinderdorf mit Schule finden. Ihr Ziel ist es, den Bann zu durchbrechen, dass Mädchen in Brasilien bereits im Kindesalter verheiratet werden und selbst wieder Kinder bekommen, weil ihre Familien sie nicht ernähren können. „Ich bekam den starken Impuls, etwas Neues zu entwickeln. Ein Modell, bei dem Straßenkinder die Chance haben, zu studieren und Gutes zu tun – mit Bewusstheit. Und das wird schon sehr bald entstehen“, kündigt Kirsten Schiemann an.

    Nadja Hoffmann-Heidrich

    Kirsten Schiemann kann Zweifel an Heilungen nachvollziehen

    Der Heiler Joao de Deus (auch John of God genannt) ist zweifelsfrei ein Massenphänomen. Unumstritten ist er deshalb nicht. Er wurde am 24. Juni 1942 als João Teixeira da Faria in einfache Verhältnisse hineingeboren. Er selbst bezeichnet sich als Analphabet, eine medizinische Ausbildung hat er nie absolviert.

    Kirsten Schiemann hat in Brasilien ihr Lachen wiedergefunden.
    Kirsten Schiemann hat in Brasilien ihr Lachen wiedergefunden.

    Als Geistheiler (seine Fähigkeit will er selbst mit 16 Jahren erlangt haben) lockt er jedoch seit Jahrzehnten täglich bis zu 1000 Menschen aus aller Welt in sein Zentrum Casa de Dom Inácio de Loyola in Abadiania, die sich von seinen Kräften körperliche beziehungsweise seelische Heilung versprechen. Besucher berichten von Wundern, die João de Deus vollbracht haben soll. Todgeweihte Krebs- oder Aidspatienten beispielsweise soll er geheilt haben – durch sichtbare oder auch unsichtbare Operationen. Dabei betont John of God, dass er diese Wunder durch die Geister berühmter Persönlichkeiten und mit Gottes Hilfe vollbringe.

    Kritiker wie die Betreiber der Plattform www.psiram.com, auf die unter anderem das Bundesverwaltungsamt auf Anfrage der WZ verweist, werfen João de Deus Scharlatanerie und Betrug vor und weisen darauf hin, dass der Heiler bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sei. Ihre Argumente ziehen die Kritiker insbesondere aus dem riesigen Geschäftsmodell, das hinter dem Zentrum Casa de Dom Inácio steckt. So werden allein aus Deutschland mehrmals im Jahr Pauschalreisen dorthin angeboten. Der Heiler selbst soll im Besitz einiger Beherbergungsbetriebe sein. Weitere Einnahmequellen sind der Verkauf von Kräutermischungen und sogenannter Kristallbetten oder auch Eintrittskarten zu Auslandstourneen von João de Deus. Auf massive Kritik stoßen zudem die „Operationen“ des Heilers – Eingriffe ohne Narkose und ohne Desinfektion mit Küchenmessern, Scheren und einfachem Zwirn –, die er vor Publikum in Körperöffnungen und inneren Organen durchführt.

    Kirsten Schiemann, Anhängerin João des Deus' aus Mündersbach, weiß um die Skepsis vieler Menschen. „Ich bin selbst das beste Beispiel dafür. Als Mensch, der immer mit dem Kopf und vernunftorientiert arbeiten musste, fiel es mir besonders schwer zu glauben. Sogar als mein Vater in kürzester Zeit einen Tumor am Auge verlor, konnte ich immer noch nicht hundertprozentig glauben. Es hat über ein Jahr gedauert, bis ich komplett vertrauen konnte. Deshalb kann ich das Misstrauen besonders gut nachvollziehen“, sagt sie.

    Viele Wissenschaftler und Ärzte seien nach Abadiania gekommen, um João de Deus als Scharlatan zu entlarven – und seien als Freunde von dem Ort mit unerklärlich hoher Heilquote abgereist. Wie die Wunder passierten, könne sie auch nicht erklären. Aber sie habe keinen Zweifel, dass sie passierten. „Jeder Mensch lebt in einer anderen Welt, und wir sollten die Toleranz besitzen, das zu respektieren. Wir tun dies in Abadiania.“

    Die meisten Menschen, die kritisch über João de Deus schreiben, seien nie vor Ort gewesen. Es gebe einfach Bereiche, „die wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten noch schwer nachvollziehen können“. In Dom Ignácio habe man dafür einen guten Satz: „Für Menschen, die glauben, braucht es keine Worte. Für Menschen, die nicht glauben, reichen alle Worte nicht aus“, so Kirsten Schiemann.

    Nadja Hoffmann-Heidrich

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