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Silvester vor 100 Jahren: Als noch das ganze Dorf gemeinsam feierte

Die einen feiern klassisch mit Fondue und Bleigießen, andere zieht es zum schicken Silvesterbüffet und manche gar zu einem Kurztrip nach London oder Paris. Sehr individuell und unterschiedlich begehen jedenfalls heute die Menschen im Kreis Neuwied den Jahreswechsel – anders als in früheren Zeiten, als das Leben in der Region noch von althergebrachten Sitten geprägt war und die Landleute, nach Geschlechtern getrennt allerdings, in der Silvesternacht zusammenrückten. Einen Eindruck davon, wie in den Dörfern vor gut 100 Jahren Silvester gefeiert wurde, vermittelt der Dierdorfer Heimatkundler Otto Runkel, der 1923 für das „Heimatblatt“, eine Beilage der „Neuwieder Zeitung“ die „Westerwälder Neujahrsbräuche“ beschrieb.

Mit dem Kapitel „In der Silvesterkirche“ beginnt er seine stark idealisierte Schilderung der Silvesternacht in einem typischen Westerwalddorf. Der Gottesdienst gehört selbstverständlich dazu, doch danach folgen die gemütlichen Stunden: „Die Frauen versammeln sich um die dampfende Kaffeekanne. Ins Wirtshaus ziehen die Männer“, endet der Abschnitt.

Beim „Männer-Silvester“, so ist das nächste Kapitel überschrieben, darf keiner fehlen. „Alles, was Hosen an hat und den Jungenschuhen entwachsen“ habe sich in der Wirtsstube versammelt. Selbst sonst sehr enthaltsame Bauern wollen sich die Kartenspielrunde zu Silvester nicht entgehen lassen. „66“, ein uraltes Kartenspiel, dessen Ziel es ist, durch Stiche und Ansagen möglichst schnell 66 Augen zu sammeln, wird laut Runkel gespielt – und zwar um Brezeln. Erfolgreiche Spieler haben dabei ein Seil um den Hals hängen, dass sie immer wieder aufknoten, um eine vom Verlierer bezahlte Brezel nachzuschieben. Ein ähnlicher Brauch ist aus Ockenfels überliefert: Laut der Chronik des Rheinhöhendorfs wurde hier das Kartenspiel „Siwwe Schröm“ (Sieben Striche) um Hefekränze gespielt. Das Westerwälder Kneipensilvester zeichnet sich laut Runkel unterdessen noch durch eine weitere Besonderheit aus: „Die Stunde des neuen Jahres geht in dieser Nacht auf des Wirtes Rechnung“, erklärt der Heimatkundler. Demnach ist das Kartenspiel um Mitternacht beendet, und der Wirt stiftet allen Gästen zum neuen Jahr Knoblauchwürstchen und Bier.

Ähnlich spendabel zeigt sich nach Runkels Darstellung der Bäcker des Dorfs gegenüber den Frauen, die am Silvesterabend in den Bauernhäusern zusammensitzen und Kaffee trinken: Ihnen spendet er als „Neujährchen“ einen „Kringelkranz, bei besonders guten Kunden mit Zucker bestreut“. Tage vorher haben die meisten Frauen beim Bäcker für ihre Patenkinder Neujahrswecken bestellt, die Runkel ausführlich beschreibt: „Das sind längliche Wecken, die auf der Oberfläche lange Reihen schräg und parallel laufender Schnitte tragen. So lang wie ein Oberländer Weißbrot sind sie. An jedem Ende haben sie zwei Hörner.“ Am Neujahrstag nehmen die Patenkinder sie gegen Glückwünsche an Onkel und Tante in Empfang.

Deutlich wüster geht es Runkel zufolge bei einem Brauch einige Stunden vorher zu, dem Neujahrschießen. Obwohl polizeilich verboten, decken sich die Burschen schon Wochen vor Silvester mit „Schießdingern“ ein, einem „einfachen ,Sackpuffert' bei bescheidenen Mitteln, eine(r) richtigen ,Pistole' bei größerem Vermögen. Manche nehmen sogar Flinten, Jagdbüchsen oder alte Feuerschlossflinten. Die mussten vorher doch alle probiert werden, dass es auch ordentlich knallte.“ Der Polizei ein Schnippchen zu schlagen, gehörte war dabei laut Runkel ein wichtiger Antrieb: „Es gehörte zu den Hauptspäßen dabei zu sein, wenn im Unterdorf die Polizei war und oben knallte und pfefferte es, was es nur wollte.“ Dabei habe die Polizei mit ihrem Verbot recht, so Runkel, denn immer wieder sei es zu teils schweren Unfällen beim Hantieren mit den „Schießdingern“ gekommen.

Die Dorfbewohner halte das jedoch nicht ab, die Burschen für ihr Schießen und die anschließenden Lieder und Segenswünsche, die teils der Verehrten eines Burschen galten mit Kaffee, Kuchen und einem „Glas Süßen“ zu bewirten. Doch die Halbstarken führen bei ihrem Rundgang nicht nur Gutes im Schilde, einige bei ihnen unbeliebte Mitbürger überziehen sie in der Silvesternacht mit Hohn. So erinnert sich Runkel neben gereimten Segenswünschen auch eines Spottverses: „Prosit Neujahr/ ich wünsch' der nen Buckel voll Säuhoor/ den Kopp voll Grind/ dabei jedes Jahr e Kind/ De Hals voll Schwären/ sull der de leeve Gott bescheren.“

Michael Fenstermacher

Mit guten Wünschen ins neue Jahr gestartet

Kreis Neuwied. Das Neujahrsansagen, in früheren Zeiten durch Schießen begleitet und durch die Heddesdorfer Pfingstreiter bis in die 1990er-Jahre aufrechterhalten, hat eine lange Tradition in der Region. Die RZ hat einige der geläufigsten Sprüche zusammengetragen, die in Heddesdorf stets mit einem „Amen. Prosit Neujahr!“ endeten. Von Mund zu Mund gingen die Neujahrsprüche laut dem Heimatkundler Otto Runkel und wurden nicht aufgeschrieben, „sondern im Gedächtnis treu bewahrt.“

„Glück und Segen und ein langes Leben/ wünscht euch die frohe Burschenschar/ auf das der Himmel möge geben/ dass dieser Wunsch auch werde wahr.“

Heddesdorf

 

„Ich wünsche euch ein glückseliges neues Jahr/ Friede, Gesundheit und ein langes Leben/ Das hat euch der liebe Gott gegeben./ Wieder ist ein Jahr vergangen/ wieder hat eins angefangen/ schnell eilt dahin die Lebenszeit/ näher kommt die Ewigkeit/ Gott wolle euch geben/ nach diesem Leben/ bis in alle Ewigkeit/ die ewige glückliche Seligkeit.“

Rengsdorf

 

„Ich wünsche euch viel Glück und Segen/ zu diesem frohen neuen Jahr/ Gott schütze euch auf allen Wegen/ vor Unglück, Ängsten und Gefahr./ Der Herr lass' euch noch lange leben/ und Ruhe, Frieden und Einigkeit/ und möge euch dann einstmals geben/ die ewige Glückseligkeit./ Hat euch dieser Spruch gefallen/ so soll auch unser Gesang erschallen.“

Weitefeld

 

„Hold wie die Morgenröte im jungen Lenz erwacht/ und auf dem Blumenbeete die sanfte Rose lacht/ so wandle ich in Frieden und immer heitren Sinn/ auf blumenreichen Wegen ein ganzes Leben hin.“

Heddesdorf

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