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    So lange es laut ist, gibt er keine Ruhe

    Lärm gilt mittlerweile als eines der gravierendsten Umweltproblem unserer Zeit. Der Internationale Tag gegen Lärm am heutigen Mittwoch soll für das Thema sensibilisieren. Denn Lärm nervt: ob von Baustellen, der Straße oder am Arbeitsplatz. Viele Menschen werden durch diese Belastung auch ernsthaft krank.

    Große Mengen Schotter und Gestein werden aus dem Kaiser-Wilhelm-Tunnel geholt. Der dabei verursachte Lärm ist ohrenbetäubend und auch in den Häusern darüber zu hören.  Archivfoto: Rühle
    Große Mengen Schotter und Gestein werden aus dem Kaiser-Wilhelm-Tunnel geholt. Der dabei verursachte Lärm ist ohrenbetäubend und auch in den Häusern darüber zu hören. Archiv
    Foto: Rühle

    Von Petra Mix

    Peter Pfeiffer ist ein Opfer der Bahnarbeiten.
    Peter Pfeiffer ist ein Opfer der Bahnarbeiten.

    Cochem. Stille. In Dr. Peter Pfeiffers Wohnzimmer ist es ruhig. Aber in seinem Ohr pfeift ein Tinnitus, mit 140 Hertz. Seit einigen Wochen schon. Nervig und belastend. Draußen scheint die Sonne, vom Sofa aus schweift der Blick zur Reichsburg. Das Haus steht in bester Wohnlage in der Cochemer Oberstadt. Idylle pur. "Ja, und jetzt hören Sie mal." Peter Pfeiffer hat aufgenommen, was ihm so viele schlaflose Nächte bereitet hat. Was da aus dem Handy dröhnt, schrecklich. Nervenaufreibend schon nach ein paar Minuten. Presslufthammergeräusche, rund um die Uhr. Dazu vibrierte das Haus, wenn mit schwerem Gerät gearbeitet wurde. Kaum vorstellbar, dass Pfeiffer und seine Frau zuletzt rund um Ostern fünf Wochen lang ohrenbetäubenden Lärm ertragen mussten. Die Quelle ist die Baustelle unter ihrem Haus. Dort saniert die Bahn den alten Tunnel, nachdem sie zuvor einen neuen gebaut hatte. Seit Jahren Dauerbrennerthema in der Stadt, für Pfeiffers und die Nachbarn. Die Fronten sind verhärtet, die Bahn ist wenig kooperativ.

    Seit 33 Jahren wohnen der 60-jährige Wirtschafts- und Sozialhistoriker und seine Frau in dem Haus. "Und es ist uns auch nie in den Sinn gekommen, es wegen der Bauarbeiten zu verlassen - aus Prinzip nicht." Als es vor sechs Jahren hieß, eine parallele Tunnelröhre solle gebaut werden, schwante Pfeiffer, der graduierte Archäologe und Kunsthistoriker unterrichtet an der Universität Trier auch Bauforschung, nichts Gutes. "Ich habe das Unheil kommen sehen." Pfeiffer gründete eine Bürgerinitiative, die anfangs circa 40 Mitglieder hatte, aber im Laufe der zermürbenden Jahre sind es weniger geworden. "Viele haben resigniert, wir nicht", sagt Pfeiffer. Er hat viele Kämpfe ausgefochten mit der Bahn, ist vor Gericht gezogen, hat einen hohen Eurobetrag investiert. Und trotzdem keine Ruhe.

    Die Situation rund um Ostern hat ihm den Rest gegeben, ihm mächtig zugesetzt, fünf Wochen lang Lärmterror. Schlaflose Nächte. Alle Hilfsmittel haben versagt, Ohrenstöpsel haben null Wirkung gezeigt. "Ich kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe, hatte höchstens zwei oder drei Stunden Schlaf, konnte sogar nicht mehr arbeiten." Und geblieben ist der Tinnitus. "Die Diagnose steht, jetzt muss geklärt werden, wo die Ursache dafür zu suchen ist", sagt Pfeiffer, der angespannt ist, weil er nicht weiß, ob ihm wirklich geholfen werden kann.

    Rückblick. Sechs Jahre Lärm. Ohne Ansage, oft ohne Ende. Wann war es zum ersten Mal laut im Haus? "An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass es richtig laut war", blickt Pfeiffer zurück und ergänzt, "aber damals gab es einen sozialkompetenten Bauleiter, mit dem man reden konnte, der auch Rücksicht auf die Anwohner genommen hat." Kaum vorstellbar, dass unter dem Haus Züge durchfahren, von denen übrigens nichts zu hören ist. "Wir sitzen jetzt auf dem Tunnel", verdeutlicht Pfeiffer. "Als die Bohrmaschine direkt unter dem Haus war, wurden die Arbeiten eingestellt." Nervenaufreibend ist nicht nur der Krach, sondern auch das ständige Hin und Her, die Risse am Haus, die Ungewissheit, wann der Krach wieder anfängt. Die Prozesse. "Das kostet Energie und Geld."

    Dazu kommt die Hilflosigkeit, allein auf verlorenem Posten zu sein. Von den 38 geschädigten Hausbesitzern haben laut Pfeiffer alle bis auf 4 Entschädigungen von der Bahn bekommen, einige klagen immer noch. Pfeiffer sagt, dass die Versicherung der Bahn grundsätzlich korrekte Entschädigungen ablehnt. "Zum Teil werden lächerliche Summen angeboten, und das ist kein Ausgleich für die gesundheitlichen Folgen dieser Misere", formuliert der 60-Jährige entschieden. Er ist sauer.

    Es brodelt in ihm, an der Bahn lässt er kein gutes Haar. "Eskaliert ist die Situation dann in der Nacht zu Karfreitag. Andernorts herrscht an diesem Tag Tanzverbot. Wir wurden mitten in der Nacht von riesigem Lärm aufgeschreckt, der einfach nicht mehr nachließ." Pfeiffer ist wütend, erschöpft und will einfach nur noch, dass der Lärm aufhört. "Warum hilft uns keiner?" Das Haus für die Zeit der Arbeiten zu verlassen, wie es Nachbarn getan haben, kam für ihn nie infrage. "Ich weiß, dass man Baugeräte einsetzen kann, die man nicht hört", ist er überzeugt. Er holt die Polizei, erstattet Anzeige wegen Körperverletzung, sieht sich im Recht, dass zwar rund um die Uhr gearbeitet werden darf, aber nur unter Berücksichtigung der nach Bundesemissionsgesetz vorgegebenen Richtlinien. "Und das war hier nicht der Fall, keiner konnte mir eine entsprechende Genehmigung vorlegen." Zwei Wochen nach Ostern ist es auf einmal ruhig (siehe "Bauleiter hat sich bei Peter Pfeiffer entschuldigt"). Pfeiffer traut dem Frieden nicht. "Ich gehe davon aus, dass die Arbeiten eingestellt wurden, weil es keine Genehmigung dafür gibt."

    Misstrauen. Wie geht es weiter? "Ich weiß ja jetzt leider immer noch nicht, ob wir endlich Ruhe haben werden. Aber ich hoffe es doch sehr stark." Den Lärmgutachten der Bahn traut Pfeiffer nicht, hat eigene anfertigen lassen. "Die Messwerte lagen sehr deutlich über den Erlaubniswerten, vor allem nachts", sagt Pfeiffer. Vor einigen Tagen hat in seinem Haus ein Mitarbeiter einer von der Bahn beauftragten Münchner Firma ein Dauermessgerät für Lärm angebracht. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. "Zu einem Zeitpunkt, wo nichts mehr zu hören ist." Pfeiffer bleibt skeptisch. Und wenn der Lärm wieder losgeht, wird er wohl keine Ruhe geben.

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