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Mayen/Andernach

Mit dem Rollstuhl in Mayener und Andernacher Bussen unterwegs: Ein Hindernislauf

Welche Erfahrungen körperbehinderte Menschen in Mayen und Andernach machen müssen, erlebt die RZ bei einem Test.

Als Rollstuhlfahrerin wäre Michaela Kurp eigentlich ganz besonders auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen – doch regelmäßig begleitet die Mayenerin Herzklopfen auf ihren Busfahrten. Foto: Markert
Als Rollstuhlfahrerin wäre Michaela Kurp eigentlich ganz besonders auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen – doch regelmäßig begleitet die Mayenerin Herzklopfen auf ihren Busfahrten.
Foto: Markert

Ob sie heute ohne Probleme mitgenommen wird, weiß Michaela Kurp noch nicht, als sie an einer Mayener Haltestelle auf den Bus wartet. Als Rollstuhlfahrerin ist sie auf öffentliche Verkehrsmittel eigentlich besonders angewiesen – doch Vorgaben der Verkehrsbetriebe machen ihr immer wieder das Leben schwer. Wir haben die Mayenerin auf ihrer Busfahrt begleitet – und dabei erstaunliche Erfahrungen machen müssen.

„Man hat eigentlich jedes Mal aufs Neue Herzklopfen und die Sorge, ob es heute funktioniert mit dem Einsteigen und Mitfahren“, erzählt sie an der Haltestelle, auf der sie auf ihren Bus wartet. „Eigentlich sollte es trotz Behinderung ja selbstverständlich sein, am öffentlichen Busverkehr teilnehmen zu können, ohne sich einen Kopf machen zu können.“ Doch die Vorsitzende des Mayener Behindertenbeirates hat schon vieles erlebt: Busfahrer, die ihr nicht helfen wollten und sie sogar an der Haltestelle stehen lassen wollten. Mal habe einer sie sogar gefragt, wieso sie mit einem Rollstuhl überhaupt auf die Idee komme, Bus zu fahren, erzählt Kurp. „Wenn etwas mit Arbeit für den Fahrer verbunden ist, läuft es nicht gut.“ Manchmal konnte sie auch gar nicht mitfahren – wenn es im Bus zu voll war. Denn sind schon andere Rollstühle oder Kinderwagen im Bus, kann der Fahrer Rollstuhlfahrern den Zutritt verweigern – und auch Elektrorollstühle sind wegen ihres Gewichts in Mayener Bussen nicht zugelassen.

Als die Linie 381 heute am Mayener Rathausplatz vorfährt, läuft in unserem Test aber alles glatt – vorerst. Nicht nur mehrere Fahrgäste bieten Kurp ihre Hilfe an, auch der Busfahrer selbst kommt, um die Rollstuhlrampe auszuklappen, nachdem er die Tickets an die anderen Fahrgäste verkauft hat. „Es wäre gut, wenn der Busfahrer gleich signalisiert, dass er mich gesehen hat – sonst denkt man, man wird vergessen“, meint Kurp. „Aber eigentlich ist bisher alles wirklich gut gelaufen.“ Da ahnt sie noch nicht, welch unglaubliche Erfahrung sie auf der Fahrt noch machen wird.

Ortswechsel: Wie es sich anfühlt, an Bushaltestellen stehen gelassen zu werden, vom Busfahrer die Mitnahme verweigert zu bekommen, hat auch Robert Bechmann schon am eigenen Leib zu spüren bekommen. „Öffentliche Verkehrsmittel und Rollstühle passen nur sehr bedingt zusammen“, sagt der Körperbehinderte aus Andernach. Sein Fazit zum Rollstuhlkomfort in Andernacher Bussen: „Mangelhaft.“ Nicht nur, dass auch hier Rollstühle mit mehr als 25 Kilo Gesamtgewicht nicht mitgenommen werden – wenn Bechmann mit einem Freund, ebenfalls Rollstuhlfahrer, unterwegs ist, können die beiden laut Bechmann nicht gemeinsam den Bus nutzen. „Da können wir an der Haltestelle Hölzchen ziehen und wer gewinnt, darf mitfahren“, sagt er. Denn auch in Andernach gilt nach Erfahrung des 56-Jährigen: maximal ein Rollstuhlfahrer pro Bus. „Ich wünsche mir, dass ich in Zukunft wenigstens mit einem zweiten Rollstuhlfahrer in Andernacher Bussen unterwegs sein kann, und dass das nicht vom Wohlwollen der Busfahrer abhängt, sondern eine Selbstverständlichkeit ist.“

Jan Deuster, Geschäftsführer der Andernacher Stadtwerke, die die innerstädtischen Linien in Andernach befahren, wehrt sich gegen die Vorwürfe: Standardmäßig hätten die Busse der Stadtwerke zwei Stellplätze für Rollstühle, Rollatoren oder Kinderwagen – sofern die nicht besonders ausladend sind. „Wenn wir in Zukunft neue Busse anschaffen, werden wir aber darauf achten, dass wir noch weitere Kapazitäten bereitstellen und die Gewichtsgrenze erhöhen können.“ Bereits jetzt sei die Barrierefreiheit ein großes Anliegen von ihm, jede Beschwerde über die Busse der Stadtwerke gehe über seinen Schreibtisch, so Deuster.

Zurück im Mayener Bus der Deutschen Bahn mit Rollstuhlfahrerin Michaela Kurp: Bisher verlief die Fahrt durch Mayen ruhig – doch als sie an der Haltestelle die Rollstuhltaste betätigt, um eine Aussteigehilfe anzufordern, reagiert der Fahrer nicht. Erst nach Rufen der Mayenerin und weiterer Fahrgäste kommt der Fahrer zum Öffnen der Rollstuhlrampe. Als Kurp ihn zur Rede stellt, behauptet der Fahrer, er habe „nicht gewusst, dass Sie Hilfe brauchen“ – und schiebt hinterher: „Jemand wie sie sollte sowieso nicht ohne Begleitperson fahren.“

Ein Satz, der Michaela Kurp wütend zurücklässt. „Das ist diskriminierend“, meint sie. Wir konfrontieren die Bahn als Betreiber mit dem Vorfall. Eine Reaktion erhalten wir drei Wochen später – und nach mehreren nachdrücklichen Bitten um Antwort. „Das von Ihnen geschilderte Beispiel ist aus unserer Sicht völlig inakzeptabel. Für die unsachliche Aussage des Fahrers müssen wir uns entschuldigen“, antwortet schließlich ein Bahnsprecher auf unsere Anfrage. Eigentlich seien alle Busfahrer im Umgang mit mobilitätseingeschränkten Fahrgästen geschult – warum sich der Fahrer von Michaela Kurp zu seiner Äußerung hinreißen ließ, scheint also umso fraglicher. Kurp wird wohl trotzdem weiterhin Bus fahren – mangels Alternativen. Sie appelliert an die Betreiber: „Für Busfahrer sollte es absolute Routine sein, dass Rollstuhlfahrer mit dem Bus fahren.“

Von unserem Mitarbeiter Raphael Markert

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