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Mayen

Arbeiten in Mayener Marktstraße gehen weiter: Anwohner beklagen Bauchaos

Thomas Brost

Wie ein zäher Kaugummi ziehen sich die Pflasterarbeiten in der Marktstraße in Mayen. Ein Ende hat jetzt die Stadtverwaltung vorgegeben: Statt wie vorgesehen Anfang August werden die Arbeiten jedoch erst nach dem Lukasmarkt abgeschlossen sein, wie Oberbürgermeister Wolfgang Treis mitteilt. Derweil steigert sich bei nicht wenigen Einzelhändlern in der Haupteinkaufsstraße die Unzufriedenheit bis zur Weißglut.

Aufwendig sind die Arbeiten, die seit Anfang Mai in der Marktstraße vonstattengehen.
Aufwendig sind die Arbeiten, die seit Anfang Mai in der Marktstraße vonstattengehen.
Foto: Andreas Walz

„Die bauausführende Firma hat von Tuten und Blasen keine Ahnung“, schimpft Peter Hermann. Sein Schwiegervater betreibt in der Marktstraße ein Bekleidungsgeschäft. Wegen der endlosen Baustelle entstehe der Stadt ein Riesenimageschaden. Gewerbetreibende sprechen von Umsatzeinbußen von 20 bis 50 Prozent in diesem Sommer.

1 Was genau wird zurzeit an der Oberfläche der Marktstraße ausgebessert?

Schon lange hat sich die Stadt mit dem Gedanken getragen, die gut 300 Meter lange Straße in der Fußgängerzone zu sanieren. Zum einen geht es um die zwölf plattenbelegten Flächen, die einst der Künstler Udo Weingart gestaltete. Sie sollen durch neue Steine ersetzt werden und in Rot und Grau erstrahlen. Nach der Sanierung dieser stark beschädigten Teilflächen sollen sie, so teilte die Stadt den Anwohner Ende April mit, „barrierefrei überfahrbar“ sein.

Die Realität sieht anders aus. Jedenfalls derzeit. „Ich habe für meinen Vater einen Weg über die Steine gesucht, wie er mit seinem Rollator fahren muss“, sagt ein Mayener. Trotzdem bleibe sein Vater öfter hängen – die Abstände der renovierten Fläche zum alten Pflaster sind noch recht groß. Innerhalb von drei Monaten sollten die Arbeiten beendet sein. Jetzt spricht die Stadt davon, dass Ende November alles fertig ist. „Ich bedauere, dass es zu diesen Verzögerungen gekommen ist“, betont Stadtchef Treis.

Vom Grundsatz her fanden es offenbar die Einzelhändler gut, dass ausgebessert wird. „Bei mir überwiegt die Freude, dass es gemacht wird, es ist anspruchsvoll und keine einfache Baustelle“, sagt Apotheker Dr. Wolfgang Schlags.

Einige bezweifeln, ob alle Kanten beseitigt sind.
Einige bezweifeln, ob alle Kanten beseitigt sind.
Foto: Andreas Walz

2 Wie exakt hat die Firma gearbeitet und warum kam sie in Verzug?

Dazu äußert sich die Stadt: Trotz Überwachung von einem externen Ingenieurbüro ebenso wie durch die Bauaufsicht der Stadtverwaltung sei es „im Bauablauf zu Verzögerungen gekommen“. Anrainer jedoch sprechen davon, dass mitten im Hochsommer kein deutschsprachiger Ansprechpartner den Bauarbeitern (und Nachbarn) zur Seite gestellt worden ist. Dr. Wolfgang Schlags ist überzeugt, dass „die Firma den Aufwand unterschätzt hat“.

Wochenlang schrille Kreischgeräusche in der Marktstraße: Die Arbeiter schnitten mit schwerem Gerät die Elemente des Verbundsteinpflasters passend. „Und das von 8 bis 16 Uhr, entgegen der Ankündigung, dass die Steine überwiegend geschnitten angeliefert würden“, sagt Martin Conrad, Inhaber von Tabakwaren Schwindenhammer. Man wisse zwar, dass auf einer Baustelle nicht immer alles glatt verlaufe, aber „die Grenze des Zumutbaren ist weit überschritten“.

Umso ärgerlicher aus Conrads und Peter Hermanns Sicht, dass „sich vonseiten der Stadt wochenlang keiner hier hat sehen lassen“. Hermann sagt: „Man hätte Größe zeigen und den Gesprächsfaden in Gang setzen können.“

Für viele geht dies zu langsam voran.
Für viele geht dies zu langsam voran.
Foto: Andreas Walz

3 Wie geht es mit den Arbeiten voran?

Zwölf künstlerisch gestaltete Felder müssen hergestellt werden, vier sind vollendet. Die Arbeiten gehen seit dem Ende der Sommerferien zügiger voran, das räumen Kritiker ein. Auch weil die Bauaufsicht zu funktionieren scheint. Martin Conrad: „Die, die jetzt da sind, sind wohl sehr gut, das ist ein positives Zeichen.“ Eisdielenbesitzer Tiziano Pra Levis bestätigt: „Man kann jetzt mit der Firma reden, die Stadt ist jetzt präsenter.“

4 Wie hoch sind die Einbußen der Händler, wie sieht die Kommunikation mit der Stadt aus?

Mehrere Händler haben sich zusammengetan, um auf die Stadt zuzugehen. Jetzt steht ein Termin: Am kommenden Mittwoch beraten die Stadtspitze und Einzelhändler aus der Marktstraße die Lage. „Denn das Schlimmste ist, dass bis heute noch niemand bei uns in der Tür war“, sagt Peter Hermann.

Das Umsatzminus beziffert Tiziano Pra Levis in der heißesten Zeit des Jahres auf „20 bis 30 Prozent“, die Baustelle habe Eisschlecker abgeschreckt. Zumal bei ihm vor der Theke viermal ein Loch gegraben und wieder verfüllt wurde.

Selbst auf dem Marktplatz sind die Auswirkungen zu spüren gewesen. So spricht eine Marktbeschickerin von ungefähr 50 Prozent Einbuße. Anderthalb bis zweieinhalb Wochen pro Kunstfeld waren zugesagt worden, bei Hiebel-Weingart blockierten Arbeiter acht Wochen einen Eingang. „Unser schönes Hochzeitsfenster konnten wir schlicht vergessen“, sagt Peter Hermann.

Eisdieleninhaber Tiziano Pra Levis nimmt es mit Humor: Er hat den Sand vorm Haus zum Strand erklärt.
Eisdieleninhaber Tiziano Pra Levis nimmt es mit Humor: Er hat den Sand vorm Haus zum Strand erklärt.
Foto: Andreas Walz

5 Wie kann man die Misere mit Humor nehmen?

Sand vor der Eistheke, da kam den Mitarbeitern von Tiziano die Idee: Wir machen einen Stadtstrand, den „Mayen Beach“. Ein Schild war rasch gezimmert, Inhaber Tiziano Pra Levis’ Ärger („Die Stadt hat das Interesse an uns verloren“) ebbte ein wenig ab – auch wenn ihn der Zorn übermannen müsste: Die Baufirma hat bei ihm an der falschen Stelle gegraben – das aufzubrechende Feld liegt laut Plan nebenan beim Nachbarn.

Von unserem Redakteur Thomas Brost

RZ-Kommentar: Gebeutelten Händlern entgegenkommen

Thomas Brost zur Marktstraße:

Die Stadt hat es gut gemeint: Endlich sollte der Flickenteppich in der Marktstraße verschwinden, die Fußgängerzone auch für Passanten mit Gehproblemen barrierefrei begehbar sein. Gleichzeitig verfolgte man das Ziel, das Areal aufzuwerten. Über Kunst darf man streiten, ob es jetzt schöner aussieht als früher, liegt im Auge des Betrachters. Ein weiteres Entgegenkommen: Ausbaubeiträge sind keine zu zahlen. Alles gut gemeint, wie gesagt. Was sich entwickelt hat, ist ein Bauchaos. Fristen wurden nicht eingehalten, die Qualität der Arbeiten wird angezweifelt. Die Marktstraße erstickte wochenlang in Lärm und Staub. Ob dieses miserable Baumanagement nur der Firma anzulasten ist? Nicht wenige werfen der Stadt mangelnde Bauaufsicht in der heißen Phase vor. Und das alles auf dem Rücken der Gewerbetreibenden, die der Stadt (überwiegend) treu und brav Gewerbesteuer in den Stadtsäckel spülen. Dass die Stadtspitze Verzögerungen jetzt „sehr bedauert“, ist nachvollziehbar. Aber es hätte der Verwaltung besser zu Gesicht gestanden, das peinliche Schweigen früher zu beenden und mit den Betroffenen offen zu reden. Vielleicht auch darüber, ob etwaige Regressgelder jetzt dem gebeutelten Handel direkt zugutekommen können.

E-Mail: thomas.brost@rhein-zeitung.net

Regressansprüche gegen Baufirma werden geprüft

Seit Anfang Mai werden Teile der Oberflächenbefestigung in der Mayener Marktstraße (Fußgängerzone) saniert. Dabei handelt es sich um die plattenbelegten Flächen, die von dem Mayener Künstler Udo Weingart gestaltet wurden und die mittlerweile große Schäden aufwiesen.

„Trotz Überwachung der Bauarbeiten durch ein externes Ingenieurbüro ebenso wie durch die Bauaufsicht der Stadtverwaltung ist es im Bauablauf zu Verzögerungen gekommen“, erklärt die Stadt in einer Pressemitteilung. Zunächst wurden die benötigten Pflastersteine später als geplant geliefert. Und aufgrund von qualitativen und organisatorischen Mängeln seitens der ausführenden Firma wurden die Arbeiten nach der Lieferung der Steine nicht so effizient wie möglich erledigt.

„Wir sind aber guter Dinge, dass die Arbeiten nun bis Ende November abgeschlossen werden können und werden die Maßnahme auch permanent weiter begleiten“, erläutert Oberbürgermeister Wolfgang Treis. Während des Lukasmarktes werden die Arbeiten ruhen, und die Baustelleneinrichtung wird abgeräumt, sodass sich keine Einschränkungen für die Schausteller und Marktbesucher ergeben. Gleiches gilt für das Festival der Hexen und Magier am 27. Oktober.

Treis sagt: „Selbstverständlich werden wir mögliche Regressansprüche gegen die bauausführende Firma anmelden und auch nur solche Leistungen bezahlen, die mängelfrei durchgeführt wurden.“

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