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Koblenz

Was der neue Stadtchef alles vorhat: OB im Interview

Seit dem 1. Mai hat Koblenz einen neuen Oberbürgermeister: Mehr als ein halbes Jahr, nachdem er mit einer klaren Mehrheit von 69,8 Prozent gewählt wurde, hat David Langner jetzt sein Amt angetreten. Was aber tut man in den ersten Tagen als OB, und was will Langner in den nächsten acht Jahren erreichen? Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Sie haben jetzt acht Jahre als Oberbürgermeister vor sich. Womit fängt man da an?

Kennenlernen ist das Stichwort. Am ersten Arbeitstag habe ich die Amtsleiter getroffen, jetzt war die Personalversammlung mit der versammelten Mannschaft. Ich war schon beim Ordnungsamt, beim Jobcenter, ich werde alle einzelnen Ämter besuchen und dort viele an ihrem Arbeitsplatz kennenlernen. Ich bin tief überzeugt: Eine Verwaltung mit mehr als 2000 Mitarbeitern kann ich nur dann zu einem Kurswechsel bewegen, wenn ich möglichst viele mitnehme. Wenn ich am ersten Tag sage: Das sind meine Ziele, ich schicke euch mein Programm per E-Mail, und ab heute orientiert ihr euch danach, dann klappt das ja nicht. Ich möchte die Verwaltung dahin führen, dass sie diese Ziele versteht, mitträgt und umsetzt. Beispiel Fahrradverkehr – natürlich kann ich bei jeder Planung sagen: Wo ist der Fahrradweg? Aber ich habe die Wunschvorstellung, dass die Kollegen selbst bei der Planung sagen: Moment mal, wie können wir denn hier die Fahrradfahrer unterbringen?

Im Interview macht David Langner klar: Wenn er seine Ziele zum Beispiel in der Verkehrspolitik und im Wohnungsbau erreichen will, geht das nur, wenn er die Mitarbeiter mitnimmt.
Im Interview macht David Langner klar: Wenn er seine Ziele zum Beispiel in der Verkehrspolitik und im Wohnungsbau erreichen will, geht das nur, wenn er die Mitarbeiter mitnimmt.
Foto: Jens Weber

Sie sind der Neuling, der frisch ins Amt kommt und nicht seit Jahren in der Verwaltung ist. Ist das ein Vorteil?

Es ist mein Anspruch, neue und frische Ideen einzubringen. Viele Personen kenne ich aber schon durch meine neun Jahre im Stadtrat, bei der ersten Sitzung in diesen Tagen musste ich also nicht fragen: Wer ist das denn, und wer ist das? Es hilft schon, wenn man weiß, dass der eine eher so und der andere eher so drauf ist.

Wie sind Ihnen Ihre neuen Kollegen in der ersten Woche begegnet?

Mit einer sehr freundlichen Grundstimmung, einer positiven Erwartungshaltung. Aber natürlich wird auch ein bisschen abgetastet. Bei der Runde der Amtsleiter standen Stehtische im historischen Ratssaal, und auf einem lag das Mikrofon. Als ich das in die Hand genommen habe, war das, als hätte man einen Tropfen Öl ins Wasser gegeben – alle sind direkt auf einen Sicherheitsabstand von mindestens fünf Metern gegangen (lacht).

Wurden Ihnen schon die ersten Wunschzettel zugesteckt, welches Amt dringend mehr Personal braucht oder mehr Geld?

Es geht. Das Thema Personal spielt natürlich immer eine Rolle, das muss man in Ruhe bewerten. Wir haben viel Personal eingespart in den vergangenen Jahren, und viele sind auch an die Grenze des Möglichen gekommen. Wenn wir Personal abbauen, dann kommen wir dahin, dass wir den Druck, den wir in der freien Wirtschaft erleben, auch hier haben, die Arbeitsphilosophie in einer öffentlichen Verwaltung ist aber eine andere. Damit umzugehen, das schaffen nicht alle.

Der neue OB David Langner (2. von rechts) hält einen alten Rammpfahl der Balduinbrücke in den Händen. Mit dabei: Redakteurin Stephanie Mersmann, Chefredakteur Peter Burger (2. von links) und der Koblenzer Redaktionsleiter Ingo Schneider.
Der neue OB David Langner (2. von rechts) hält einen alten Rammpfahl der Balduinbrücke in den Händen. Mit dabei: Redakteurin Stephanie Mersmann, Chefredakteur Peter Burger (2. von links) und der Koblenzer Redaktionsleiter Ingo Schneider.
Foto: Jens Weber

Also werden wieder mehr Leute eingestellt?

Ich gebe kein leichtfertiges Versprechen ab, dass wir jetzt wieder einen Personalaufwuchs erleben werden. Es kann nicht sein, dass wir die gute finanzielle Entwicklung der Stadt dafür nutzen, dass sich jetzt jeder etwas wünschen darf. So gut ist die finanzielle Situation dann ja auch nicht, der Schuldenstand ist nach wie vor hoch. Wir müssen weiter sparen und die finanziellen Spielräume, die wir haben, sehr wohl dosiert ausgeben.

Was sind denn die großen Themen, die Sie angehen wollen, wo wollen Sie Pflöcke einschlagen?

Sicherlich im Verkehrsbereich. Wir brauchen eine Wende hin zu mehr Fahrradverkehr, hin zu einem günstigeren, flexibleren Busverkehr. Auch die Schiene wird wieder ein Thema. Nach den schlechten Erfahrungen mit dem Schienenhaltepunkt Mitte sind die Pläne für weitere Schienenhaltepunkte ja wieder in der Schublade verschwunden. Wenn man aber ans Rauental denkt, dann sollten wir die wieder rausholen. Wir sind eine wachsende Stadt, deshalb ist das Thema Wohnungsbau ebenfalls ein Punkt, an dem man Pflöcke einschlagen kann, sowohl im Konversionsbereich als auch mit neuen Baugebieten. Und wir können die Universitätsstadt mehr stärken, auch mit Blick auf die Fachkräftesicherung der Unternehmen. Die Vernetzung zwischen Universität, Hochschule, Stadt und Unternehmen gezielter zu begleiten, das würde ich mir wünschen. Damit wir am Ende auch konkurrenzfähiger gegenüber anderen Regionen sind.

Gerade beim Verkehr sind Sie darauf angewiesen, dass die Nachbarn mitziehen. Und auch die Menschen aus der Region, die in Koblenz arbeiten, spielen eine wichtige Rolle.

Die Mehrheiten im Verkehrsverbund sind natürlich für die Stadt Koblenz schwierig: Die Landkreise haben durchaus ähnliche Interessen, und die Stadt Koblenz ist da ein Solitär in der Mitte, der eine andere Interessenlage hat. Am Ende wird es nur über viele, viele Gespräche gehen. Wir müssen Kompromisse finden.

Und es geht ums Geld.

Wir werden sicher über mehr Finanzmittel der Stadt für den ÖPNV reden, bisher geben wir ja gar kein Geld dafür aus. Das werden wir ändern müssen. Ich glaube, dass wir mehr Geld geben müssen – ich glaube aber auch, dass wir den umliegenden Kreisen deutlich machen können, dass sie einen Mehrwert haben, wenn ihre Bürger gut und günstig mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kommen können. Das kann ja auch die Attraktivität des einen oder anderen Neubaugebiets im Landkreis steigern.

Was sind die ersten Punkte, die konkret umgesetzt werden?

Beim Thema Wohnen. Bei der Fritsch-Kaserne etwa stehen jetzt die weiteren Entwicklungsschritte an und werden zeitnah umgesetzt, obwohl die Grundlagen dafür natürlich bereits gesetzt waren. Auch die Ausweisung neuer Baugebiete schauen wir uns an, da liegen bereits Pläne in der Schublade. Beim ÖPNV sind die Bedingungen an den künftigen Konzessionsträger zu formulieren, da will ich hineinschreiben, dass die Taktung besser und das Wabensystem verändert wird – mein Ziel wäre es, dass es nur noch eine Wabe gibt. In diesem Jahr werden wir aber noch keinen ersten Spatenstich machen können, das muss man fairerweise sagen. Und die Buspreise werden frühestens zum 1. Januar sinken. Das ist immer ein bisschen unbefriedigend, aber so schnell kriegt man das meiste nicht hin.

Konnten Sie vor einigen Tagen Ihre Zeit als Staatssekretär in Mainz gut beenden?

Ich denke, ich habe in Mainz vieles richtig gemacht, mit Sicherheit auch einiges falsch. Für mich war überraschend, dass ich in den letzten Tagen und Wochen überhaupt keinen Abschiedsschmerz hatte. Obwohl ich die Arbeit sehr gern gemacht habe, hatte ich nur Vorfreude auf Koblenz.

Als Staatssekretär hatten Sie ja einen guten Job, der Verdienst ist sogar höher als der eines Oberbürgermeisters. Warum wollten Sie trotzdem OB werden?

In der Tat steht jetzt weniger auf dem Gehaltszettel, aber als Oberbürgermeister habe ich natürlich noch andere Einkünfte durch Aufsichtsratsmandate et cetera. Soweit das geht – das hängt manchmal auch mit Geheimhaltungspflichten zusammen – will ich das offenlegen. Ich bin nicht sicher, ob ich mich als OB auch ohne ein Ruhegehalt aus Mainz finanziell schlechterstelle. Egal, wie, Oberbürgermeister ist für mich ein Amt, bei dem man freier gestalten kann. Natürlich muss ich mit dem Stadtrat, der Verwaltung, dem Stadtvorstand eng zusammenarbeiten, und vieles wird im Rat entschieden, aber ich habe viel mehr Möglichkeiten, Dinge anzustoßen, Personen zusammenzubringen, Projekte voranzutreiben, als ich das als Staatssekretär konnte. Da fühle ich mich jetzt freier.

Und die Öffentlichkeit als OB?

Natürlich ist es schön, wenn man durch eine Stadt geht und von den Menschen positiv angesprochen wird. Das wird sich natürlich auch ändern, aber die Grundstimmung ist bis jetzt unglaublich positiv, und das trägt mich auch, das hast du als Staatssekretär oder Landtagsabgeordneter nicht. Die Leute geben einem direktes Feedback, und bis jetzt ist das vor allem positiv – aber das kann natürlich mal anders werden (lacht).

Sie hatten schon diverse herausgehobene Positionen: Sind Sie trotzdem noch aufgeregt, wenn Sie auf der Bühne der Rhein-Mosel-Halle stehen und zum Oberbürgermeister ernannt werden?

Das war definitiv ein besonderer Moment. Vor der vollen Rhein-Mosel-Halle, vor Familie und Freunden vereidigt zu werden: Das war für mich sehr, sehr schön und auch bewegend. Wenn ich ganz entspannt und locker gewesen wäre, hätte ich die Rede wahrscheinlich gar nicht vom Blatt abgelesen und wäre etwas cooler damit umgegangen. So war schon eine Anspannung da. Und mir ist noch mal klar geworden: Jenseits dessen, was einem als Oberbürgermeister an Wohlgefallen entgegengebracht wird, muss man sich immer darauf besinnen, dass das nur ein Amt ist und manche Sympathiebekundung auch daran hängt. Deswegen war es für mich auch wichtig, dass Familie und Freunde da waren.

Was wollen Sie als OB anders machen als ihr Vorgänger?

Ich will das Amt etwas unaufgeregter, uneitler ausführen. Ich finde, der Oberbürgermeister ist am Ende Dienstleister, genauso wie die ganze Verwaltung. Ich bin nicht der klügste, weiseste und mächtigste Mann von Koblenz, ich kann nur gemeinsam mit der Verwaltung, dem Rat und den Bürgern Dinge verändern. Eine gewisse Demut nützt da schon. Kollegialer und auf Augenhöhe zu arbeiten, das wäre mein Wunsch innerhalb der Verwaltung. Nicht nach dem Motto: Ich bin der große Chef, und alle müssen mir folgen.

Sie waren früher selbst im Stadtrat, kennen die Mitglieder: Wie wird es, diesem bald als OB vorzustehen? Sind Sie darauf vorbereitet?

Vorbereitet kann man nie genug sein. Ich habe fast alle Fraktionen besucht und im Gespräch darum geworben, dass wir uns gemeinsam auf den Weg machen. Und es geht natürlich darum: Wie entscheiden sich die Koblenzer bei der nächsten Kommunalwahl? Wie agieren die Parteien jetzt, wird der OB, den eine große Mehrheit gewählt hat, unterstützt vom Rat, oder werden mir Steine in den Weg gelegt? Dann hoffe ich, dass die Bürger diejenigen, die einen Neuansatz unterstützen, stärken, dafür werde ich natürlich werben.

Ihr Konkurrent bei der OB-Wahl war Baudezernent Bert Flöck. Wie schwierig wird die Zusammenarbeit mit ihm im Stadtvorstand?

Erst mal muss man sich kennenlernen, im Wahlkampf tut man das ja nicht wirklich. Bislang haben wir gesagt, dass wir vertrauensvoll zusammenarbeiten und uns austauschen wollen. Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen.

Die Ära von OB Willi Hörter war geprägt von der Vollendung des Wiederaufbaus der Stadt, Eberhard Schulte-Wissermann hat viele Großprojekte auf die Reihe gebracht, vor allem die Bundesgartenschau. Was wird das Megaprojekt von David Langner am Ende von acht Jahren sein?

Ich will eine Verkehrswende einleiten: Der Autoverkehr soll reduziert werden, mehr Gewicht auf das Fahrrad und den Fußgänger gelegt, der Busverkehr anders aufgestellt werden. Und: Koblenz soll wieder eine wachsende Stadt werden. Wir haben in den vergangenen Jahren keine Neubaugebiete ausgewiesen, weil wir davon ausgegangen waren, dass wir schrumpfen, das hat sich geändert. Außerdem wünsche ich mir, dass wir eine junge, moderne, hippe Stadt werden. Die Bundesgartenschau hat uns gezeigt, dass wir mehr können, als wir uns selbst zugetraut haben. Das haben wir in den vergangenen acht Jahren am Leben gehalten – mit Buga-Freunden, Koblenzer Gartenkultur, Erhalt der Seilbahn und so weiter – aber uns ist nichts wirklich Neues eingefallen. Das Thema Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle, wir wurschteln da viel im Kleinen herum. Das Ganze muss schlagkräftiger werden, und die Stadt muss eine aktivere Rolle einnehmen. Und eine Buga 31 wird zwar nicht die Buga 2011 sein, aber wir haben trotzdem wieder die Möglichkeit, uns weiterzuentwickeln.

Das Gespräch führten Peter Burger, Ingo Schneider und Stephanie Mersmann

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