40.000
Aus unserem Archiv
Koblenz

Koblenz: Wie das neue Schutzgesetz Prostituierte unter Druck setzt

Seit einem halben Jahr ist das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Nun wird es auch in Koblenz umgesetzt. Prostituierte und Sexbetriebe in der Stadt müssen sich bis Ende des vergangenen Jahres amtlich registriert haben. Wie Stadtsprecher Thomas Knaak berichtet, haben sich bislang 53 Prostituierte und 6 Sexstätten angemeldet. Zudem gilt eine Kondompflicht, die sowohl von Freiern als auch von Prostituierten und Zuhältern zu beachten ist – andernfalls drohen empfindliche Bußgelder bis zu 50.000 Euro.

Das Prostituiertenschutzgesetz ist am 1. Juli in Kraft getreten: Nun müssen sich Sexarbeiterinnen persönlich beim Ordnungsamt in Koblenz anmelden. Viele haben Angst, erkannt zu werden und damit in ihrer Doppelrolle aufzufliegen.  Foto: dpa
Das Prostituiertenschutzgesetz ist am 1. Juli in Kraft getreten: Nun müssen sich Sexarbeiterinnen persönlich beim Ordnungsamt in Koblenz anmelden. Viele haben Angst, erkannt zu werden und damit in ihrer Doppelrolle aufzufliegen.
Foto: dpa

Christine Bangert sieht das neue Gesetz mit gemischten Gefühlen. Sie arbeitet für die Prostituiertenfachberatungsstelle Roxanne in Koblenz. Sie weiß, dass die Anmeldepflicht fatale Folgen haben kann, und befürchtet, dass viele Prostituierte abtauchen und so auch für Hilfsangebote kaum noch zugänglich sind. Bangert schätzt, dass rund 250 Prostituierte ihre Dienste in Koblenz und einem Umkreis von 50 Kilometern anbieten – 80 bis 100 davon in der Stadt. „Aber es gibt natürlich auch etliche Sexarbeiterinnen, die wir nicht kennen.“ Vieles spielt sich im Internet ab. Zu diesen Frauen hat sie keinen Kontakt.

Die Anmeldung erfolgt mit einem Personalausweis und einer Melde- oder Postadresse. Wer aus dem Ausland stammt und nicht freizügigkeitsberechtigt ist, muss nachweisen, dass er selbstständig erwerbstätig sein darf. Bordellbetreiber müssen, wenn sie ihre Betriebe anmelden, gewisse Vorgaben, etwa zum Bereitstellen von Hygienemitteln, einhalten.

Die Angst, erkannt zu werden

Die Frauen sind gezwungen, persönlich im Koblenzer Ordnungsamt aufzutauchen. Christine Bangert erzählt: „Die Frauen haben oft Angst, dass jemand sie dort erkennt, der nicht weiß, dass sie im Sexgewerbe arbeiten.“ Dasselbe stellt auch Ingrid Frank fest. Sie berät die Prostituierten im Gesundheitsamt Mayen-Koblenz – die Beratung ist Pflicht, um sich anmelden zu können. Frank weiß: „Viele führen ein Doppelleben.“ Oft wissen weder Mann noch Bekannte oder Nachbarn, dass eine Frau anschaffen geht. Sie erzählt vom Job in der Gastronomie oder im Hotel. Die Prostituierten haben deshalb auch Angst, dass Post vom Amt nach Hause kommt, die den Partner stutzig machen könnte.

Ingrid Frank hat in den vergangenen Wochen knapp 100 deutsche und ausländische Frauen beraten, im Schnitt fünf bis sechs am Tag. Täglich kommen genauso viele Terminanfragen hinzu. Die Verständigung hat bislang ohne Dolmetscher geklappt, sagt sie. Einen Übersetzer müssen die Frauen selbst zahlen, falls er benötigt wird.

Die Gesundheitsberaterin spürt, dass die Prostituierten anfangs angespannt sind, wenn sie zur ihr kommen. „Ich sage dann: Wir führen jetzt mal ein Frauengespräch.“ Nach ein paar Minuten sei das Eis gebrochen. Frank informiert über Schutzimpfungen, über passende Gleitmittel, die die Kondome nicht beschädigen, und über Körperpflege. Etliche der Frauen nutzen Seife zum Duschen, die Desinfektionsmitteln gleichkommt. Frank erklärt dann, dass das die Haut kaputt macht. Und sie fragt, ob die Frauen starke Schmerz- oder Rheumamittel schlucken. Ist das der Fall, empfiehlt sie, Magenschoner zu nehmen. Auch gesunde Ernährung ist ein Thema.

Wenn keine Meldeadresse vorliegt

Während die Bundesregierung vorgibt, die Frauen mithilfe des Gesetzes besser vor Gewalt und Zwängen schützen zu wollen, sagt Fachberaterin Christine Bangert: „Ich kann den Schutz nicht erkennen.“ Sie sieht darin eher eine Überwachung und Kontrolle. Letztendlich ginge es um die Steuern, die die Frauen ans Finanzamt zahlen. Sie betont: „Für viele wird es ein großes Problem sein, dass sie keine Melde- oder Postadresse in Deutschland haben.“ Diese Frauen werden sich nicht anmelden und schwarzarbeiten. „Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, weil sie das Geld brauchen.“ Bulgarische und rumänische Frauen versorgen oft ihre Familien in der Heimat.

Bangert weist auf ein weiteres Problem hin, das auch andere betrifft: Es gibt kaum günstigen Wohnraum oder kostenlose Wohnadressen, die die Frauen nutzen können. Die Beraterin befürchtet, dass dreiste Zuhälter Räume als Meldeadresse anbieten und sich das bezahlen lassen. Dabei sind Prostituierte oft eh knapp bei Kasse. Die Beraterin rechnet vor: Sexarbeiterinnen zahlen pro Arbeitstag eine Pauschale von 25 Euro ans Finanzamt. Die Miete eines Wohnwagens kostet täglich weitere 80 Euro. „Das sind 105 Euro, die sie am Tag verdienen müssen. Erst dann fängt das Geschäft an.“ Wenn dann noch für eine Meldeadresse gezahlt werden müsste ... Bangert schüttelt den Kopf. Hinzu kommt, dass die Gesundheitsberatung die Frauen 40 Euro kostet, die Anmeldung 30 Euro. „Das ist viel Geld für eine Sexarbeiterin“, sagt Bangert.

Bordellbetreiber genervt

Bordellbetreiber Timo Schneider will sich auf RZ-Anfrage nicht zu dem Gesetz äußern. Aber seine Meinung wird aus dem ersichtlich, was er schreibt: „Da ich – genau wie alle Mädels und auch die Behörden – einfach nur noch genervt bin von diesem Durcheinander bei diesem sinnlosen Gesetz, das von irgendwelchen Theoretikern beschlossen wurde, die keine Ahnung von der Praxis haben, gebe ich diesbezüglich keine Interviews.“

Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

Koblenz
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

epaper-startseite
Wetter
Freitag

13°C - 29°C
Samstag

13°C - 26°C
Sonntag

14°C - 27°C
Montag

10°C - 20°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Bildergalerie: Fotos unserer Leser
Kaiser Wilhelm und Seilbahngondel bei Sonnenuntergang. Die Aufnahme machte Thorsten Kolb aus Zirl im Spätsommer bei Sonnenuntergang an der B42 in Ehrenbreitstein.

Mit der Kamera an Rhein und Mosel unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.

Serie: Koblenzer Stadtgeschichte
Koblenzer Stadt-Geschichten

Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf

Anzeige