40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » Rhein-Hunsrück-Zeitung
  • » Bald ist Schluss: Im Hunsrück wird Essen auf Rädern abgeschafft
  • Aus unserem Archiv
    Hunsrück

    Bald ist Schluss: Im Hunsrück wird Essen auf Rädern abgeschafft

    Irgendwann kam der Tag, an dem sich das alte Ehepaar nicht mehr selbst versorgen konnte. Tochter Elke H. (Name von der Redaktion geändert) ergriff die Initiative und meldete die beiden Senioren bei der Stiftung Kreuznacher Diakonie für Essen auf Rädern an. Jahrelang fuhr jeden Tag um die Mittagszeit der Lieferwagen vor – beladen mit warmen Mahlzeiten. Doch damit ist bald Schluss: Ab dem 1. November stellt die Kreuznacher Diakonie Essen auf Rädern ein. Das gilt fast für den gesamten Hunsrück. Die betroffenen Senioren müssen sich nach Alternativen umsehen, wenn sie weiterhin eine warme Mahlzeit am Tag essen wollen.

    Brigitte Schwerdling (links) und Lars Priebe von der Simmerner Rhein-Mosel-Werkstatt in liefern täglich Essen aus und haben ab November ein bisschen mehr zu tun: Dann stellt die Kreuznacher Diakonie Essen auf Rädern ein. Küchenkraft Maria Harder und ihre Kollegen kochen täglich 800 Portionen.  Foto: W. Dupuis
    Brigitte Schwerdling (links) und Lars Priebe von der Simmerner Rhein-Mosel-Werkstatt in liefern täglich Essen aus und haben ab November ein bisschen mehr zu tun: Dann stellt die Kreuznacher Diakonie Essen auf Rädern ein. Küchenkraft Maria Harder und ihre Kollegen kochen täglich 800 Portionen.
    Foto: W. Dupuis

    „Im ersten Moment war ich ziemlich wütend“, erinnert sich Elke H. „Im Ort sind Gerüchte kursiert, aber es gab noch keine offizielle Benachrichtigung vonseiten der Kreuznacher Diakonie. Ich habe dort angerufen und mir wurde bestätigt, dass Essen auf Rädern eingestellt wird.“ In der letzten Septemberwoche erhielten H.'s Eltern einen Brief der Kreuznacher Diakonie, in dem die Stiftung ihre Entscheidung mitteilte – das Schreiben enthält jedoch keine Hinweise auf die Beweggründe, es ist lediglich von organisatorischen Gründen die Rede.

    Ein Fahrdienst kann nicht zur Verfügung gestellt werden

    „Was soll man sich denn nun darunter vorstellen?“, schimpft ein Rentner aus Simmern, der namentlich in der Zeitung nicht genannt werden möchte und am 23. September ebenfalls einen Brief erhalten hat. Der 82-Jährige kümmert sich um seine fast 90 Jahre alte demente Schwester; die beiden werden vier Mal in der Woche von Essen auf Rädern versorgt. Besonders ärgert ihn die im Brief vorgeschlagene Alternative zum offenen Mittagstisch ins Theodor-Fricke-Altenheim in Simmern zu gehen, wobei die Kreuznacher Diakonie betont: „Ein Fahrdienst kann von uns leider nicht zur Verfügung gestellt werden.“ „Ich könnte da ja noch hingehen, weil ich noch ganz mobil bin“, sagt der Senior. „Aber ich wüsste nicht, wie meine Schwester da allein hinkommen sollte.“ Seine Nichte hat sich darum gekümmert, dass die beiden Senioren ab dem 1. November ihr Essen von der Rhein-Mosel-Werkstatt für behinderte Menschen in Kastellaun geliefert bekommen.

    Die Werkstatt liefert am Tag rund 450 Essen an Unternehmen und Privatpersonen aus. „Unsere Kapazitäten sind schon relativ ausgereizt“, sagt Betriebsleiter Horst Schmitt. „Unser Fahrdienst ist straff organisiert, wir können keine weiteren Orte mehr anfahren. Das ein oder andere Einzelessen auszuliefern wird aber möglich sein. Wir hatten einige Anfragen.“

    Circa neun Anbieter liefern im Hunsrück Essen aus. Darunter auch das Restaurant Wahler Mühle aus Wahlenau. Inhaberin Doris Lorenz hat 15 Jahre lang als stellvertretende Küchenleiterin in einem Altenheim gearbeitet und vor fünf Jahren die alte Mühle gekauft. Neben dem normalen Restaurantbetrieb war es ihr ein Anliegen, einen sozialen Dienst zu erfüllen und Menschen mit Essen zu versorgen, die zu fit sind, um ins Pflegeheim zu gehen, aber selbst nicht mehr kochen können. Der Einzugsbereich, in dem sich Lorenz und ihr Team bewegen, ist relativ klein: Raversbeuren, Lötzbeuren, Lautzenhausen und Niedersohren sind einige der Orte, die sie anfahren. Bis jetzt hat sie 25 Anfragen von Essen-auf-Rädern-Kunden erhalten. „Unsere Grenze sind 150 Essen am Tag“, sagt sie. „Ich denke aber nicht, dass diese Zahl überschritten wird.“ Die Pressesprecherin der Kreuznacher Diakonie Kristina Rogoß erklärt, was hinter der Entscheidung steckt: „Wir stellen unsere Küchen aus Effizienzgründen auf Cook and Chill um.“ Dies bedeutet, dass man die Speisen auf herkömmliche Art kocht, dann allerdings innerhalb von 90 Minuten auf eine Temperatur von unter 4 Grad herabkühlt. So bleibt das Essen einige Tage lang haltbar und wird kurz vor dem Servieren noch einmal erhitzt.

    In der Produktionsküche im Pfarrer Kurt-Velten-Altenpflegeheim in Sohren, in der die Mahlzeiten für Essen auf Rädern noch bis Ende Oktober gekocht werden, wird nur noch für die Senioren gekocht, die dort stationär untergebracht sind. „Es hat sich nicht gerechnet“, sagt der kommissarische Einrichtungsleiter Manuel Götz. „Wenn die Fahrer mal nicht da waren, mussten Küchenmitarbeiter einspringen und die Essen ausliefern.“

    Im Schnitt hat die Kreuznacher Diakonie 27 Senioren pro Monat mit Essen beliefert – von montags bis sonntags, im Radius von circa 15 Kilometern. Ernst Scheid ärgert vor allem, dass der Brief der Kreuznacher Diakonie so kurzfristig kam: „Wir wurden vor den Kopf gestoßen. Das finde ich von einer kirchlichen Einrichtung nicht so schön.“

    Hauswirtschaftliche Versorgung durch Sozialstation als Option?

    Die Entscheidung, das Küchensystem auf Cook and Chill umzustellen sei schon vor einer ganzen Weile getroffen worden, sagt Kristina Rogoß, doch dass man die Produktionsküche in Sohren für Essen auf Rädern schließt, sei erst kurzfristig bekannt gegeben worden. Deswegen habe man sich erst Ende September an die Betroffenen gewandt. „Es tut uns sehr leid, die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen“, sagt Rogoß. Betroffene könnten, sofern sie eine Pflegestufe nachweisen können, auch hauswirtschaftliche Unterstützung beantragen und sich an die Sozialstation in Kirchberg wenden. Wer keine Pflegestufe hat, kann sich ebenfalls von einer Hauswirtschafterin versorgen lassen, muss dies aber selbst bezahlen. Bei der Sozialstation gab es bis jetzt noch keine Anfragen, sagt Pflegedienstleiterin Heike Wilhelm. Es sei schade, dass das Angebot eingestellt werde. Auch die Mitarbeiter des Pflegestützpunkts in Kirchberg bedauern die Entscheidung. Mit der Schließung der Küche in Sohren falle ein wichtiger Baustein in der Region weg, sagt die Diplom-Sozialpädagogin Sabine Herfen und fügt hinzu: „Es geht nicht nur darum, dass die Leute satt werden, sondern es geht um Lebensqualität. Essen auf Rädern ist auch ein Stück weit soziale Kontrolle. Wenn die Tür nicht aufgeht, fragt man nach, was mit der Person ist. Essen auf Rädern ist eine Entlastung für pflegende Angehörige. Gefrorenes Essen ist für manche zwar auch eine Option, aber man muss fit genug sein, um die Speisen dann auch aufzuwärmen.“

    Herfen führt das aktuelle Beispiel einer alten Dame an, die sich an den Pflegestützpunkt gewandt hat. Bei diese steht demnächst eine Operation am Karpaltunnel an. Da Essen auf Rädern zu diesem Zeitpunkt nicht mehr liefern wird und das Aufwärmen nicht funktioniert, weil die Seniorin die Hand eine Zeitlang nicht benutzen kann, muss eine Alternative gefunden werden. Die Versorgung über die Sozialstation sei für viele Selbstzahler keine Option, befürchtet Herfen, da dort die Preise deutlich höher seien.

    Von unserer Redakteurin
    Silke Bauer

    Boppard Simmern
    Meistgelesene Artikel
    Online regional

    Bettina TollkampBettina Tollkamp
    Chefin v. Dienst
    E-Mail

    Anzeige
    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Mittwoch

    2°C - 4°C
    Donnerstag

    1°C - 4°C
    Freitag

    -1°C - 3°C
    Samstag

    -2°C - 1°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Jahresrückblick 2016 der RHZ
    Anzeige