40.000
Aus unserem Archiv
Zürich

Ein eiserner Tag im Ironman

Wer hat an der Uhr gedreht? Diese und viele andere Fragen stellte sich der Rad-Akteur am Sonntag beim Ironman Switzerland in Zürich, der ihn auf „Boch’s Road to Kona“ Richtung Hawaii führen sollte. Sollte. Daraus ist nichts geworden. Aber das ist nicht so schlimm. Denn das Einzigartige am Sport ist dessen Unberechenbarkeit. Manches mag manipulierbar sein, nichts ist kalkulierbar.

Kennen Sie eigentlich Paulchen Panther? Der Rad-Akteur denkt in Sachen Ironman ans Wiederkommen – hier winkt er schon mal zum Wiedersehen.
Kennen Sie eigentlich Paulchen Panther? Der Rad-Akteur denkt in Sachen Ironman ans Wiederkommen – hier winkt er schon mal zum Wiedersehen.
Foto: Thomas Torkler

Auf einen Ironman zuzugehen, ist ein langfristiges Unterfangen. Da ist das Training, die Frage, was für jeden Sportler passt und was nicht. Der eine braucht genaue Pläne und Anweisungen, was er machen soll, der andere Freiraum. Der Rad-Akteur hat sich auf letztere Variante verlassen, damit er den Spagat hinbekommt, ein normales Leben zu führen. Triathleten wird nicht ohne Grund nachgesagt, dass ihre sozialen Netzwerke reduziert sind. Der sympathische Thomas Hellriegel, der vor 20 Jahren als erster Deutscher den Ironman Hawaii gewann, hat die Lebensweise, die ihn über Jahre begleitete, einmal als „asozial“ bezeichnet.

Beziehungen gehen an (häufig zu groß) gesteckten Zielen zu Grunde, Menschen verbeißen sich in ihre Pläne wie giftige Terrier. Gerade Sportarten mit einer breiten Palette an Möglichkeiten, sich und sein Umfeld mit Training über Gebühr zu belasten – wie Triathlon –, sind große Spielwiesen für zwischenmenschliche Probleme. Der Rad-Akteur hat in den vergangenen Monaten durchaus an der Schraube der persönlichen Belastung gedreht, dabei sein Umfeld aber hoffentlich nicht belastet. Er hatte, auch wenn eine solche Kolumne den Anschein erwecken mag, keinen monatelangen Sonderurlaub oder eine Drei-Tage-Woche, sondern beruflich und privat wirklich recht viel zu tun.

Ausreden? Nö!

Nun mögen Sie den Eindruck beim Lesen bekommen, dass der Schreiberling mit diesem langen Texteinstieg versucht, von seinem Scheitern abzulenken und erst spät auf das eigentliche Thema kommen mag: sein Misslingen. Dieser Eindruck täuscht! Vielmehr ist es so, dass der Rad-Akteur am Sonntag in Zürich zwischen 6.45 und 17.30 Uhr jede Menge gelernt hat. Stellen Sie sich ein Fußballspiel vor, das auf 90 Minuten Verlängerung angesetzt ist, aber dann gibt es vier Mal Verlängerung. Ein bisschen so lief das in Zürich. Und am Ende des Tages herrschte beim Rad-Akteur große Dankbarkeit und tiefe Zufriedenheit. Obwohl er, um es offen zu sagen, seine sportlichen Ziele extrem verfehlt hat.

Nach 10 Stunden, 27 Minuten und einer Sekunde ging der Ironman Switzerland für den Rad-Akteur zu Ende. Das ist die schlechteste Zeit, die er jemals auf dieser Distanz ins Ziel gebracht hat, selbst an einem tiefdunklen Tag vor elf Jahren bei der Challenge Roth war er 40 Minuten „schneller“ gewesen. Argwöhnische mögen da sagen: Das hat er nun davon, wenn er mit zu hoch gesteckten Zielen an den Start gegangen ist. Ist eine Denkweise. Eine andere ist: Es hat nicht sollen sein.

Im Sport gibt es den schönen Begriff von einem „gebrauchten Tag“. Dass der Rad-Akteur, weil er schon seit Jahren nicht mehr in einem so engen und dichten Feld geschwommen ist, sich vor dem Start viel zu weit hinten in den Reihen der Teilnehmer einsortiert hat, das war wirklich ein Fehler. Das Schwimmen war letztlich nicht die befürchtet große Hürde, aber der Rad-Akteur kam nie richtig in seinen Rhythmus, weil er viel überholen und manövrieren musste. Dass es an den Wendebojen im herrlichen Zürichsee eng werden würde und dass immer wieder ein bisschen Rückenschwimmen zwischendurch angesagt wäre, um die beschlagene Brille frei zu wischen, das ist Kleinkram. Einmal auf dem Rad sitzend, zeigte sich dann das deutlich größere Problem: Das dumpfe Gefühl beim Planschen, dass nicht so richtig „Zug“ in der Sache ist, bestätigte sich.

Auf den ersten 30 Kilometern geht es beim Ironman Switzerland flach am See entlang. Das ist eine Phase, da muss der Rhythmus gefunden werden für den Tag, da wird die Basis gelegt für gute Zeiten. Einige Sportler, die irgendwie die Wettkampfregeln nicht akzeptieren wollen, machen dies, indem sie genau schauen, ob gerade kein Schiedsrichter auf einem Motorrad in der Nähe ist – und klemmen sich ans Hinterrad des Vordermanns. Angesichts des heftigen Winds, der am Sonntag vor allem auf der zweiten 90-Kilometer-Radrunde aufkam, brachte das durchaus (riesige) Vorteile.

Für den Rad-Akteur, der von sich behaupten darf, dass er ein faires Rennen gemacht hat, weil er den Sport sonst auch nicht betreiben würde, war nach dem 3,8 Kilometer langen Schwimmen in 1:09:30 Stunden – auf Platz 410 liegend – die Jagd eröffnet: Klein machen auf dem Lenker, Aeroposition und Druck aufs Pedal. Nur da kam eben nix an. Statt der antrainierten Fähigkeit, hier im großen Gang massiv zu überholen, purzelte er nurmehr an besseren Schwimmern vorbei. Im teils welligen, manchmal richtig steilen Bereich des Kurses machte er viele Plätze gut, aber dort, wo die guten Radzeiten gemacht werden, im Flachen, kam nicht genug.

Im Nachhinein erscheint es als gar nicht schlecht, dass zwischenzeitlich der Tacho ausfiel. So war der Rad-Akteur nur mit dem nicht ganz so tollen Gefühl leerer Beine unterwegs – erst am Abend auf dem Papier sah er die Zeit von 5:17:49 Stunden für 182 Kilometer. Er ist im Training schneller gefahren, zumindest 120 Kilometer lang. Aber da hatte er auch nicht so zu kämpfen mit seinen Beinen und der Hitze.

Die traumhafte Landschaft, die lieben Leute Zuhause und die beiden tollen Freunde an der Strecke halfen, auch die schätzungsweise acht bis zehn Liter Flüssigkeit, die der Rad-Akteur an den perfekt funktionierenden Verpflegungsstellen in sich hineinkippte. Für Neulinge: Bei einem Ironman werden während des Radfahrens Trinkflaschen gereicht – der Ankommende schmeißt seine vorherigen in einem extra dafür vorgesehenen Bereich weg, greift sich bei voller Fahrt frische und fährt weiter.

Mit seiner langsamen Radzeit noch die 145. Zeit des Feldes zu erreichen, spricht weniger für den Rad-Akteur als für schwierige Bedingungen. Windig, schwül, heiß. Beim Laufen sollte das erst richtig Spaß machen. Nach dem Wechsel, scherzhaft betrachtet die beiden einzigen guten Zeiten des Tages für ihn, probierte der Rad-Akteur kurz, das Tempo hochzuziehen. In Zürich ist er schon richtig stark gerannt, das motivierte. Die Stunden vorher abgehakt, blickte er nur nach vorn. Ein Ironman endet eben im Ziel.

Positives Signal: Der erste Kilometer des Marathons gelang halbwegs wie geplant. 4:27 Minuten, das geht noch schneller. Vor ihm lief der spätere Sieger Nicholas Kastelein aus Australien, der bereits auf seiner dritten von vier Runden war. „Das sieht gar nicht so schnell aus“, dachte der Rad-Akteur. Aber die Hoffnung, einen Rhythmus zu finden irgendwo zwischen 4:20 und 4:30 Minuten pro Kilometer, spielte rasch keine Rolle mehr. Sie zerbarst nicht, sie flog auseinander wie eine Silvesterrakete. Bei Kilometer 2 zeigte die Stoppuhr 9:00 Minuten, danach zwang sich der Rad-Akteur, nicht mehr drauf zu schauen. Das Rennen war rum, und noch 40 Kilometer bis zum Ziel. Vier Runden. Viermal an dem Parkplatz vorbei, auf dem dein Auto steht. Viermal den Anstieg über Kopfsteinpflaster durch die Altstadt von Zürich, nur 100 Meter Luftlinie bis zu deinem Hotel. Füße, die nicht laufen, sondern kleben, die an kleinen Bodenwellen hängen bleiben. Ein Magen, der nichts mehr aufnehmen kann und will von diesen Gels. Die Sorgen vor den Stippvisiten in Dixi-Häuschen, die auf der Strecke verteilt sind. Die Temperatur. Der Rad-Akteur steht förmlich unter Hitze, er kippt sich so viel Wasser über, dass er schon nach drei, vier Kilometern ein zweites Mal an diesem Tag schwimmt, jetzt in Laufschuhen.

Kleine Siege, große Tiefs

An einem langen Tag wie dem Ironman geht es unterwegs oft nicht um die großen Ziele, sondern um kleine Etappensiege. Die nächste Zeitmessmatte, damit die Zuhause erkennen können, dass du überhaupt noch im Rennen bist. Die nächste Verpflegungsstelle, Wasser, Cola, was der Magen noch so akzeptiert. Die erste Runde, Blick auf die Uhr: Owei, owei. Das nächste Tief. Eiswürfel, die von klasse Helfern gereicht werden und einen wieder rausziehen. Die beiden vertrauten Gesichter, die dich anfeuern und so positiv wirken. Die nicht darüber nachdenken, dass du kein Glanzergebnis bringst, sondern dich nach Kräften unterstützen wollen. Hier und jetzt wirst du nicht in den Sack hauen, Rad-Akteur. Hunderte Sportler mühen sich noch fast bis Mitternacht auf der Strecke. Ja, die sind viel schlechter trainiert, aber ihre Tiefs und Sorgen sind die gleichen. In diesem Wett-Kampf geht es nicht um „Boch’s Road to Kona“, sondern um die Hoffnung, es anständig zu Ende zu bringen. Erhobenen Hauptes über die Ziellinie zu kommen. Der Körper hat da nicht wirklich Bock drauf, der Kopf regelt den Rest.

3:53:47 Stunden dauert der Lauf, dass dies noch die 200. beste Zeit des Tages ist, zeigt dem Rad-Akteur später, wie knifflig die Umstände waren. Viele gehen, steigen ganz aus. Auf dem roten Zielteppich angekommen, herrscht große Dankbarkeit beim Rad-Akteur. Platz 161, 28. in der Altersklasse in 10:27:01 Stunden – das ist Lichtjahre weit weg vom sportlichen Ziel. Aber da sind ganz andere Erkenntnisse, sie überwiegen alles: diese Dankbarkeit, diese tiefe innere Zufriedenheit, Beine, die – Premiere – am nächsten Tag nicht wehtun und das Wissen, dass Hawaii eigentlich nur um die Ecke ist. Am 14. Oktober 2017 wird der Rad-Akteur dort nicht am Start sein. Aber es macht nichts. Kennen Sie eigentlich das Lied von Paulchen Panther? Darin heißt es: „Ich komm wieder, keine Frage ...“

Damit endet die Kolumne Boch's Road to Kona. Online können Sie die bisher erschienen Beiträge lesen unter ku-rz.de/bochsroadtokona

Von unserem Chefreporter Volker Boch

Boch’s Road to Kona

Das Ziel lautete Hawaii, das Finale wurde zur Probe.

Boch's Road to Kona
Meistgelesene Artikel
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
E-Mail

Anzeige
epaper-startseite
Regionalwetter
Samstag

7°C - 15°C
Sonntag

6°C - 9°C
Montag

7°C - 10°C
Dienstag

8°C - 11°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
Jahresrückblick 2016 der RHZ
Anzeige