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Limburg

Smily Kids: Kinder mit verletzten Seelen

Eine Gruppe in Limburg kümmert sich um Kinder Alkoholkranker. Die Betreuer erleben bewegende Begegnungen.

Sigrid Hoffmann und Manfred Hurt machen Alkoholkranken, aber insbesondere deren Kindern ein auf Vertrauen basierendes Betreuungsangebot. Foto: Kathrin Jansen
Sigrid Hoffmann und Manfred Hurt machen Alkoholkranken, aber insbesondere deren Kindern ein auf Vertrauen basierendes Betreuungsangebot.
Foto: Kathrin Jansen

Mehr als 2,6 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden unter dem Alkoholismus eines Elternteils, sagt das Bundesinstitut für politische Bidung. Sigrid Hoffmann nennt sie „die vergessenen Kinder“. Seit September 2014 bietet sie ihnen einen „geschützten Raum“, die Smily Kids.

Einmal im Monat treffen sie sich. Eltern und andere Betreuungspersonen müssen dann draußen bleiben. Der Raum bei der Caritas Limburg gehört dann nur Sigrid Hoffmann und ihren Schützlingen. Die Kinder sind meist zwischen neun und zwölf Jahre alt. Ein 15-Jähriger begleitet regelmäßig seinen kleinen Bruder, auch wenn er der Puppenküche und den riesigen Legosteinen vor Ort längst entwachsen ist. Mal trinken Vater oder Mutter der Kinder noch, mal ist der Süchtige trocken. „Die größte Angst der Kinder ist immer, dass Mutter oder Vater wieder rückfällig werden“, erzählt Hoffmann.

Von ihren Ängsten, schrecklichen Erlebnissen und Problemen der vergangenen Wochen, aber auch von ganz alltäglichen Kindersorgen erzählen die Teilnehmer am Anfang jedes zweistündigen Treffens. Jeder darf, keiner muss. „Bei unserem ersten Treffen hatte ich Gänsehaut, so hat mich das Vertrauen gerührt, das mir die Kinder entgegengebracht haben“, sagt Hoffmann. Die kleine Marie (Name von der Redaktion geändert) erzählte von ihrer großen Angst, dass ihre Mutter wieder anfängt zu trinken. Als sie nach Hause gekommen sei, und die Mutter habe telefoniert, da war die Angst da. „Telefoniert hat sie auch immer, wenn sie getrunken hat“, sagte Marie.

Es sind kleine alltägliche Dinge, für Außenstehende nicht nachvollziehbar, die diese Kinder aus der Bahn werfen. Anvertrauen können sie sich im Alltag niemand. Da ist die Scham – niemand soll wissen, dass die Mutter trinkt. Der Loyalitätskonflikt – Kinder lieben ihre Eltern eben auch, wenn sie nicht immer gut zu ihnen sind. Und letztlich die Eltern selbst. „Sie können ihren Kindern nicht ermöglichen, offen über die Verhältnisse zu sprechen. Sie haben Angst, dass sie etwas verraten und sich das Jugendamt einschaltet, Angst ihre Kinder zu verlieren. Außerdem schämen auch sie sich“, sagt Hoffmann.

Bei den Smily Kids ist das anders. Hierher begleiten Eltern ihre Kinder. Meist haben Berater von Caritas und Diakonie oder Mitarbeiter einer Therapieeinrichtung den Kontakt vermittelt. Wenn hinter den Kindern die Tür zu ihrem „geschützten Raum“ zugeht, treffen sich die Eltern mit Manfred Hurt. „Ich habe anfangs gedacht, die verabschieden sich lieber und gehen einen trinken, aber fast alle bleiben“, sagt Hurt. Auch er spricht mit ihnen in einem „geschützten Raum“. Hurt versucht, die Erwachsenen für die Nöte und Probleme ihrer Kinder zu sensibilisieren. „Viele sehen nicht, wie ihre Kinder leiden, sagen immer wieder: Ich tue doch alles für mein Kind“, erzählt Hurt. Der Gesprächskreis der Eltern ist keine Selbsthilfegruppe. Bleiben darf jeder, ob trocken oder nass, ob Süchtiger, Co-Abhängiger oder Angehöriger. Im Mittelpunkt stehen immer die Kinder. 20 Minuten vor Ende der Treffen ziehen die Erwachsenen zu Kaffee und Kuchen in die Küche um. Kinder, die mit ihren Eltern reden wollen, können dann zu ihnen. Manchmal wird auch gemeinsam gebastelt oder gespielt. „Wir wollen die Familien nicht trennen, sondern wieder zusammenführen. Die Kommunikation soll besser werden“, betont Sigrid Hoffmann.

Wenn die Kinder erzählt haben, meditiert die Betreuerin mit ihnen oder geht auf Traumreise, damit sie wieder runter kommen. Danach sind Toben und Spielen angesagt. Kein Treffen hat Sigrid Hoffmann bisher verpasst, nie eine Vertretung geschickt, weil sie weiß, wie wertvoll das Vertrauen dieser Kinder ist. „Wir alle haben uns auf ein Schweigegelübde verständigt. Nix verlässt diesen Raum. Hier haben sie gelernt, dass sie trauen können.“ Außerdem erfahren die Betroffenen, dass sie mit ihrer Geschichte nicht allein sind. „Gerade für ältere Geschwisterkinder ist die Sucht der Eltern eine enorme Belastung. Sie haben keine Kindheit, sind erwachsener als Erwachsene, weil sie zu Hause auch die Aufgaben der Eltern übernehmen“, weiß Hoffmann. Bei den Smily Kids dürfen sie für zwei Stunden im Monat wieder Kind sein.

In jeder zwölften Familie in Deutschland ist ein Kind dauerhaft von der „Alkoholstörung“ eines oder beider Elternteile betroffen, sagt eine Studie der katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen. Diese Kinder haben ein sechsfach höheres Risiko, später selbst süchtig zu werden. Das kann Hoffmann aus Erfahrung bestätigen. „Alkoholmissbrauch ist oft eine Familienkrankheit. Meist hat in der Generation davor auch schon einer getrunken.“ Außerdem leiden die betroffenen Kinder häufiger als andere unter Angststörungen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen – oft auch erst als Erwachsene.

2,6 Millionen betroffenen Kindern stehen in Limburg sechs gegenüber, die einen Zufluchtsort gefunden haben. Hoffmann glaubt daran, dass ihre Arbeit Zukunft hat. Sie will die Gruppe in Limburg weiter ausbauen und weitere Gruppen in Frankfurt und Wiesbaden ins Leben rufen. Damit noch mehr Kinder die Chance auf ein Stück Kindheit bekommen. Kathrin Jansen

Hintergrund: Smily Kids

Die Smily Kids wurden 1996 im Kreuzbund Paderborn gegründet. Die Gruppe in Limburg existiert seit September 2014 und ist die Einzige in Hessen. Der Kreuzbund ist ein Verein zur Selbsthilfe und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige. Auch in Limburg kommen die ehrenamtlichen Betreuer vom Kreuzbund. Der Verein kooperiert mit dem Caritasverband für den Bezirk Limburg, der Diakonie Limburg-Weilburg und dem Landkreis.

Die Treffen der Smily Kids finden immer jeden zweiten Samstag im Monat von 10 bis 12 Uhr statt. Treffpunkt ist bei der Caritas, Schiede 73, in Limburg. Wer an einem Treffen teilnehmen möchte, wendet sich an Sigrid Hoffmann. Sie ist per E-Mail an sigridhoffmann@gmx.net zu erreichen. Weitere Informationen gibt es im Netz unter www.smily-kids.de.

Wer die Smily Kids mit einer Spende für Kuchen, Bastelmaterial oder Ausflüge unterstützen möchte, wendet sich ebenfalls an Sigrid Hoffmann. Der Kreuzbund stellt eine Spendenquittung aus.

Diez
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