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Limburg-Staffel

Regierungspräsidium gibt Einblick in Flüchtlingslager

Sie kommen mit nicht viel mehr als dem, was sie am Leib tragen, nach Deutschland. Die Flüchtlinge stranden in Passau, München oder andernorts und werden dann auf die Erstaufnahmeeinrichtungen verteilt.

Menschen vor ihrem Schlafzelt. Gestern gab das Regierungspräsidium Gießen erstmals Einblick in den Alltag des Erstaufnahmelagers in Staffel. Aus Persönlichkeitsgründen sind die Gesichter der Flüchtlinge unkenntlich gemacht.
Menschen vor ihrem Schlafzelt. Gestern gab das Regierungspräsidium Gießen erstmals Einblick in den Alltag des Erstaufnahmelagers in Staffel. Aus Persönlichkeitsgründen sind die Gesichter der Flüchtlinge unkenntlich gemacht.

Rund 650 leben in Staffel. Diese glücklichen Gesichter, an Busscheiben gequetscht oder begeistert aus einem Zugfenster winkend – „Germany“ ist das Traumziel vieler Flüchtlinge. Doch auch in „Germany“, wenn die körperlichen Strapazen der Flucht überwunden sind, kehrt ein Alltag ein. Nur ist dieser Alltag für die Flüchtlinge anders als je zuvor. Alltag, das heißt in Staffel mit 650 anderen Flüchtlingen zusammenzuleben, mit Dutzenden Menschen in einem Zelt zu schlafen, wenn man eine Frau ist und mit mehr als Hundert Menschen, wenn man ein Mann ist.

Erstmals erlaubt das Gießener Regierungspräsidium am Dienstagnachmittag einen Blick in das Lagerleben. Andere Bundesländer gehen da anders vor. In Hessen hat es einige Monate gebraucht, bis die Routine so groß war, dass tatsächlich etwas Ähnliches wie Alltag in den derzeit 18 Camps herrschte. Den aber lässt das Regierungspräsidium ungefiltert abbilden. Es gibt Lob von den Flüchtlingen – aber nicht nur.

Schlechtes Wasser, abgelaufene Butter, zu wenig Waschmaschinen und zunehmende Kälte in den Schlafzelten. Eglis aus Albanien möchte seinen Unmut deutlich machen. Gerade ist er 20 Jahre alt geworden. „There is no reason to celebrate“, sagt er – zu feiern gibt es nichts. Das Wasser sei schlecht, sagt er, die Schlafzelte überfüllt, die vier Waschmaschinen würden für die 650 Einwohner des Camps nicht reichen, das Essen sei zu wenig.

Eine Frau kommt aufgebracht vorbei. Sie zieht Butter aus einer Tüte – im August abgelaufen. Sie streicht sich über den Bauch: „Bad, sick“, klagt sie. Staatssekretär Wolfgang Dippel (CDU) aus dem hessischen Sozialministerium schaut finster: „Das darf nicht passieren“, sagt er entschieden. Später erklärt Ina Velte, stellvertretende Sprecherin des Regierungspräsidiums: „Mit dem Caterer müssen wir noch mal reden“. Es habe anfangs einige Beschwerden wegen des Essens gegeben, dann wurde die Verpflegung umgestellt. Dass es erneut zu Problemen kommt, sei neu. Es gibt, so ist das bei 650 Menschen, aber eben auch ganz andere Meinungen: „Das Essen ist meistens gut, aber leider nicht immer halal“, nicht immer nach den muslimischen Vorschriften zubereitet, sagt Adnan auf Englisch. Der junge Syrer lässt in jedem zweiten Satz seine Dankbarkeit erkennen. Besonders die Oase hat es ihm angetan, jener Bereich, in dem die Stadt das Sagen hat und der offen zugänglich ist. „Learning Deutsch is sehr wichtig“, sagt er, blickt stolz auf seine zwölfjährige Lehrerin Inga und lächelt. Auch Eglis lässt seine Anerkennung spüren für die Helfer in der Oase: „Da ist es wie im Himmel“, sagt er – die Flüchtlinge würden behandelt, als seien sie Deutsche. Die Oase lenke ab vom Lageralltag: Dort, klagt Eglis, seien die Toiletten beispielsweise immer dreckig. Dabei sind ständig fünf Bedienstete einer externen Firma im Camp, um für Sauberkeit zu sorgen, erläutert Jörg Führich, der für das Regierungspräsidium die Leitung innehat. Betreiber des Camps ist die „European Home Care“, die vor ziemlich genau einem Jahr durch das Skandal-Lager in Burbach in die Schlagzeilen geriet.

Adam schließt sich der Gruppe an, ebenfalls aus Syrien. Sein Smartphone ist die einzige Verbindung in seine Heimat. Und es dient ihm der Dokumentation des Guten wie des Schlechten in Staffel. Die überfüllten Mülltonnen etwa sagen ihm überhaupt nicht zu. Und die schwer im Bild festzuhaltende Kälte: Nachts sei es zu frisch. Dabei werden die sechs Schlafzelte mit Ölheizungen auf Temperatur gebracht, kleinere Sozialzelte mit Elektroheizung. Als Signal für den Winter will Wolfgang Dippel das nicht verstanden wissen. Er bleibt bei der Linie, die Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bereits in Staffel ausgab: Es würden derzeit hessenweit 80 Liegenschaften geprüft. Gerade für alleinstehende Frauen oder junge Mütter sei eine feste Bleibe im Winter wichtig.

Ganz offen bittet der Staatssekretär auch die Flüchtlinge um Verständnis: „Wir selbst lernen täglich dazu“, beschreibt er die Situation. Und Eglis, bei all seiner Kritik an der Situation in Staffel, stellt eine Frage, die in Deutschland auch in politischen Kreisen zu hören ist: „Warum nimmt nur Deutschland Flüchtlinge auf?“ Dabei hat er im Staffeler Camp von den Geschehnissen in Ungarn, Wien, München noch gar nichts mitbekommen.

Diez
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