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Limburg

Bischof Bätzing: Durch Vergebung Hass durchbrechen

Fragen von Schuld, Aufarbeitung, Vergebung und Versöhnung sind wichtige Arbeitsfelder einer psychiatrischen Klinik. Im sogenannten Lutherjahr hatte die Klinik den Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing eingeladen, um in seinem Vortrag die theologische und seelsorgerische Bedeutung der Vergebung im Allgemeinen wie auch im Licht der Reformation kennenzulernen.

Sie drückten gemeinsam die Schulbank und verstehen sich noch heute: Im Festsaal der psychiatrischen Vitos Klinik in Hadamar thematisierten Klinikdirektor Matthias Bender (rechts) und Bischof Georg Bätzing Schuld und Vergebung.  Foto: Dieter Fluck
Sie drückten gemeinsam die Schulbank und verstehen sich noch heute: Im Festsaal der psychiatrischen Vitos Klinik in Hadamar thematisierten Klinikdirektor Matthias Bender (rechts) und Bischof Georg Bätzing Schuld und Vergebung.
Foto: Dieter Fluck

Der Limburger Oberhirte habe seine Amtszeit vor gut einem Jahr unter den Wahlspruch „Congrega in unum“ („Führe zusammen“) gestellt, sagte der Ärztliche Direktor Dr. Matthias Bender; eine Aufgabe, in der Vergebung eine wichtige Rolle spiele. Die Vitos Klinik, die sich im zweiten Halbjahr mit Fragen wie Dankbarkeit, Offenheit und Humor befasse, wolle nun im Rahmen einer Fortbildung die theologische Dimension der Vergebung inhaltlich beleuchten. Im Festsaal der Klinik griff der Bischof einleitend das schreckliche Geschehen in Virginia/USA auf, als ein rechtsradikaler Mann mit seinem Auto in eine Gruppe von Demonstranten raste, die ein Zeichen gegen Rechtsextremismus setzten. Dabei war eine 32-jährige Frau getötet worden, deren Vater in einem Video öffentlich dem Täter vergab. Dieser habe es nicht besser gewusst. Der Hass müsse durchbrochen werden durch die Vergebung. Nur so könne er hoffen, dass nicht etwas Negatives aus dieser Tat folge, sondern Menschen sich verändern würden, sagte der Vater. „Schuld, Hass, Rache führten immer in einen Kreislauf hinein“, betonte Bätzing. Die Täter stilisierten sich zunächst als Opfer, um daraus ihre Tat zu rechtfertigen. Damit wollten sie die freie Gesellschaft treffen, um ihre eigenen Leute für ihre Tat zu gewinnen. „Eine irrsinnige Logik für Terror, der hierzulande die Polarisierung der Menschen bewirkt hat, die Flüchtlinge ablehnen, ohne die Ursachen ihrer Flucht zu hinterfragen“, führte der Bischof aus und merkte an: „Der amerikanische Präsident hat nicht kapiert, um was es da eigentlich geht.“

Auch Jesus habe mit seinem Tod am Kreuz den teuflischen Kreislauf von Schuld, Hass und Rache durchbrochen, um der Schuld den Stachel zu nehmen. Papst Johannes Paul II. habe 1981 seinem Attentäter vergeben und damit weltweit ein Zeichen gesetzt. Bätzing betont: „Vergeben heißt nicht vergessen.“

Die Zehn Gebote Gottes steckten den Beziehungsraum ab, in dem Christen die Aufgabe zukomme, ihren eigenen Platz zu suchen und auszufüllen. Schuldig werde, wer durch eine bewusste und willentliche Tat diese Vorgaben störe oder verletze. Schuld erwachse im Herzen der Menschen, wenn sie Macht gegen einen anderen richten. Aus der Sicht des Glaubens spreche man von Sünde. „Uns in der Kirche ist das sehr bewusst, wie Macht und sexueller Missbrauch Opfer schafft“, nahm Bätzing kein Blatt vor den Mund. Die Menschen seien für ein ganzes Leben geschädigt, die auch ungewollt selbst wieder zu Tätern werden könnten. Dieser Zusammenhang von Schuld werde im Alten wie im Neuen Testament sehr genau beschrieben. Im religiösen Sinne bedeute die Macht der Sünden den Tod. Es gelte, Schuld und Person zu trennen. Nur wenn Schuld von der Person gelöst werde, könne ihr vergeben werden und der Mensch wieder frei leben, so der Bischof. Dies setze voraus, dass sich der Täter schuldig bekenne. Früher habe man beichten müssen, doch wenn man das müsse, könne man die Gnade der Versöhnung nicht erfahren. Größe und Art der Schuld sind oft schwer zu bestimmen. „Man muss nicht Gott weiß was auf dem Kerbholz haben, um unter Schuld zu leiden“, weiß der Bischof als Seelsorger. Papst Franziskus habe Zeichen in der Beziehung Wiederverheirateter gesetzt. Auch die Kirchenspaltung vor 500 Jahren sei eine Schuldgeschichte. Martin Luther habe keine Spaltung, sondern eine Reform gewollt. Die Spaltung habe unsägliches Leid über das Volk gebracht. Der Dreißigjährige Krieg sei nur der Anfang gewesen. Ökumene sei ein Umkehrakt, in dem sich beide Konfessionen entschuldigten. „Ich habe das ganze Jahr über keinen polemischen Ton gegen Katholiken gehört. Das ist ein Wunder“, führte der Bischof aus, der bekräftigte: „Brüder und Schwestern sollen sich gegenseitig sagen: Wir sind einander schuldig geworden und vergeben uns.“ In der Diskussion wurde die Frage gestellt: „Viele unserer Patienten klagen über Schuld. Wir Therapeuten versuchen mitunter, den Koloss zu umgehen, indem wir auf Theologen und Juristen verweisen. Ist das richtig?“ – „Einzelne Menschen können Schuld auf sich laden, die sie nicht ausgelöst haben, die ihnen aufgeladen wurde, wofür sie gar nichts können“, gab Bätzing zu bedenken. Es gelte, zu versuchen, die Person von ihrem Zusammenhang zu trennen und ihre eigenen Ressourcen zu stärken.

Von Dieter Fluck
Diez
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