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Bad Sobernheim

Trudel Kaiser verlässt Sobernheim

Schrecksekunde für Trudel Kaiser vor wenigen Tagen: Ein Unbekannter betritt ihr Schmuck- und Uhrengeschäft an der unteren Großstraße Sobernheims. „Der sah aus wie der Täter, das hätte sein Zwillingsbruder sein können.“

Trudel Kaiser (links) und ihre Nachfolgerin Silke Templin. Auch wenn die 62-jährige Meisenheimerin das Geschäft an der Großstraße Sobernheims abgibt; es wird unter ihrem Namen weitergeführt.
Trudel Kaiser (links) und ihre Nachfolgerin Silke Templin. Auch wenn die 62-jährige Meisenheimerin das Geschäft an der Großstraße Sobernheims abgibt; es wird unter ihrem Namen weitergeführt.
Foto: Stefan Munzlinger

Bad Sobernheim – Schrecksekunde für Trudel Kaiser vor wenigen Tagen: Ein Unbekannter betritt ihr Schmuck- und Uhrengeschäft an der unteren Großstraße Sobernheims. „Der sah aus wie der Täter, das hätte sein Zwillingsbruder sein können.“

War er aber nicht. Doch gerade diese täglichen Momente des Aufschreckens machen es ihr etwas leichter, ihr Geschäft zum 1. März aufzugeben. Die 62-Jährige zieht sich zurück, doch „Kaiser – Uhren und Schmuck“ wird in Bad Sobernheim bleiben. Dafür hat Trudel Kaiser gesorgt, dafür hat sie sich eingesetzt: „Das ist mein Kind“, sagt sie mit Blick zurück auf die vergangenen 25 Jahre, „das will ich nicht einfach schließen.“

Nach dem „Zwillingserlebnis“ kürzlich kamen sofort wieder die niederdrückenden Bilder des 24. Januar hoch: Gegen 15.30 Uhr kommt ein 22-Jähriger in den Laden, bedroht sie und Mitarbeiterin Sabrina Bruchertseifer mit einer Waffe, eine Schreckschusspistole, wie sich später herausstellen sollte. Er lässt sich Schmuck, Uhren und Bargeld aushändigen und flüchtet zu Fuß zum Marktplatz. Ungesehen von Nachbarn oder Passanten.

Tagsdrauf in Sobernheim: Ein Spezialkommando der Polizei stürmt nach einem Zeugenhinweis am späten Abend des 25. Januar eine Wohnung an der Königsberger Straße und macht den Täter dingfest; der Mann gesteht und sitzt seither im Gefängnis. Adresse: Rohrbach, Wöllstein. Bis zum heutigen Tage verbringt er dort die Untersuchungshaft; momentan ermittelt die Polizei Kirn, ob er auch in andere Einbrüche in der Nahe-Glan-Region verwickelt war; danach beginnt das Gerichtsverfahren.

Die Ereignisse und das Erlebte wirken nach. Trudel Kaiser wird weiter therapeutisch begleitet; anfangs von einer Polizeipsychologin und unterstützt vom „Weißen Ring“, der Opfer-Organisation. Noch zu sehr ist die Situation präsent, in der sie mit einer Waffe bedroht wurde und in der ihr Leben am seidenen Nerv des Täters hing.

Nicht, dass diese Tat sie nun zur Sobernheimer Tür hinausgetrieben hätte. „Nein“, betont Trudel Kaiser, „mein Abschied war schon länger und genau für den 1. März 2012 geplant. Ich habe mich lange gefragt, wie das wohl sein wird, wenn ich mein Geschäft abgebe.“ Der Gedanke daran fiel ihr schwer. Jetzt aber ist sie froh, dass alles vorbei ist: „Das Urvertrauen, dass in einer kleinen Stadt wie Sobernheim so etwas nicht passieren kann, ist verloren. Zu Hause in Meisenheim habe ich meine Ruhe.“

Und so verlässt sie nach einem Vierteljahrhundert die Felkestadt, übergibt ihr Geschäft an Silke Templin, genau wie sie Einzelhandelskauffrau im Fachbereich Uhren und Schmuck. Silke hat bei ihr gelernt, wird leitende Angestellte des Geschäfts; möglicherweise kommt schon bald eine Aushilfe hinzu. Inhaber ist ein Sobernheimer Investor, der zurzeit noch nicht in Erscheinung treten will. Der Hausbesitzer stammt aus der Glan-Lauter-Region und wohnt dort. Ihm gehört auch der zurzeit verwaiste ehemalige, große Schlecker-Laden rechts neben Kaisers.

Templin freut sich auf ihre Aufgabe, plötzlich selbstständig zu sein: „Das ist ein riesiger Schritt.“ Zwar gibt ihr der Überfall vom 24. Januar zu denken, ihren Elan lässt sie sich aber nicht nehmen: „Überfallen werden kann man heutzutage überall.“
Vorerst wird im Ladenablauf alles bleiben wie bisher; die guten Kontakte zu den Lieferanten und zur Werkstatt der Meisenheimer Zeitmesstechnik wird sie weiter intensiv pflegen. Das Unternehmen ist heute 85 Mitarbeiter stark und wurde von Ulrich Kaiser, Ehemann Trudel Kaisers, aufgebaut; mittlerweile hat er sich in den Vorruhestand verabschiedet. Bei Bedarf wird sich Silke Templin an ihre einstige Chefin Trudel Kaiser wenden. Und die verspricht: „Wenn ich gebraucht werde, bin ich da.“

Eine Folge des Überfalls vom 24. Januar: Der Laden wird mit zwei verdeckten Überwachungskameras und einer noch moderneren Alarmanlage ausgestattet. Schon lange sind die beiden großen Schaufenster, bis zum Jahr 2000 zur Boutique Christa gehörend, mit stoßsicherem Spezialglas versehen.

Klar: Nach solchen Vorfällen werden alle in einer Geschäftsstraße hellhöriger. Sie nehmen Auffälliges und Verdächtiges eher und gründlicher wahr. Und schützen einander in solidarischer Wachsamkeit. Denn ein Überfall ist genug. (mz)

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