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Kurt Knaudt: Keine Frage – Es gibt doch einen Fußballgott!

Endlich habe ich Gelegenheit, drei besondere emotionale Tiefpunkten aus meinem inzwischen doch schon einigermaßen langen Fußball-WM-Leben journalistisch zu verarbeiten.

Ein WM-Tiefpunkt, für den sich Frank Rijkaard (rechts) immerhin später bei Rudi Völler entschuldigt hat. Der Niederländer bespuckt „Tante Käthe“ im WM-Achtelfinale 1990 in Mailand, nachdem beide vorher die rote Karte gesehen hatten – Rijkaard zu Recht, Völler hingegen völlig ungerechtfertigt.  Foto: dpa
Ein WM-Tiefpunkt, für den sich Frank Rijkaard (rechts) immerhin später bei Rudi Völler entschuldigt hat. Der Niederländer bespuckt „Tante Käthe“ im WM-Achtelfinale 1990 in Mailand, nachdem beide vorher die rote Karte gesehen hatten – Rijkaard zu Recht, Völler hingegen völlig ungerechtfertigt.
Foto: dpa

Das legendäre Wembley-Tor erlebte ich am 30. Juli 1966 als Zehnjähriger im Gastraum der Pension „Zur Sonne“ in einem Ort namens Neubulach im Schwarzwald, wo meine Eltern damals mit mir Urlaub machten. Mit unserem ersten eigenen Auto, einem Käfer mit leider nur 24 PS, waren wir wenige Tage zuvor von der Mosel in unser Urlaubsdomizil gezuckelt. Als in der Verlängerung des Finales gegen England der von Hurst geschossene Ball von der Latte nach unten prallte, sah ich gleich, dass er nicht hinter der Linie war. Aber mich fragte ja keiner. Schon gar nicht Schiedsrichter Gottfried Dienst aus der Schweiz und der russische Linienrichter Bachramow, die unsere Niederlage gegen England besiegelten.

Kurt Knaudt
Kurt Knaudt
Foto: Stefan Munzlinge

Noch schlimmer aber war es vier Jahre später in Mexiko, als Fußball noch viel mehr als 1966 mein Leben prägte. Beim Halbfinale am 17. Juni 1970 gegen Italien litt ich zu später Stunde mutterseelenallein im heimischen Wohnzimmer. Nie mehr danach hat mich ein Fußballspiel so aufgewühlt – und das will etwas heißen. Glückselige Wonne, als Gerd Müller in der Verlängerung den Ball irgendwie zum zwischenzeitlichen 2:1 über die Linie brachte. Auch deswegen, weil zwei am Boden liegende Italiener verzweifelt hinterher krochen. Und das Leder – leider, leider – doch nicht mehr erreichten. Eine köstliche Szene, die auch heute noch ihre wohltuende Wirkung auf mein Gemüt nicht verfehlt. Was danach kam, war allerdings wie das böse Erwachen am Morgen nach einem Vollrausch. Die Erfinder des Catenaccio (Abwehrriegel) hatten da schon alle Sympathien verspielt. Sie provozierten, foulten und schauspielerten nach Herzenslust.

Mittendrin: das Mensch gewordene Prinzip der sportlichen Unfairness, Roberto Boninsegna, der im Jahr darauf Borussia Mönchengladbach den 7:1-Sieg über Inter Mailand stahl, als er sich nach einem harmlosen Büchsenwurf vom Platz tragen ließ. Aber das nur nebenbei: Der Schiedsrichter – seinen Namen habe ich vergessen und will ich auch nie mehr wissen – ließ den Italienern an jenem heißen Abend im Aztekenstadion alles durchgehen. Auch jenes klare Foul, bei dem Reinhard Libuda umgesäbelt wurde und im Gegenzug das entscheidende 4:3 fiel. Ich kochte vor Wut und Verzweiflung. Fußball kann so ungerecht und grausam sein ...

Vom hinterfotzigen Boninsegna ist es nur ein einfacher Kurzpass zu Frank Rijkaard, jenem niederländischen Nationalspieler, der bei der WM 1990 „unseren Rudi“ Völler anspuckte. Fußball betrachtete ich damals längst nicht mehr so verklärt wie einst, sondern mit durchaus kritischem Blick. Aber eine WM ist eben eine WM, würde Sepp Herberger sagen. Da geht es nicht um Objektivität, sondern allein ums Gewinnen – was als Entschuldigung für mitunter wild durchbrechende nationale Gefühle reichen muss. Erst recht, wenn die Emotionen so hochgehen wie in diesem Vorrundenspiel – und nicht mehr steigerungsfähig, wenn der Gegner dabei Holland heißt.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

Schon vor dem Eklat war mir Frank Rijkaard wie Torwart Hans van Breukelen höchst unangenehm aufgefallen. Und dann Rijkaards Rotzattacke gegen den völlig zu Unrecht vom Platz gestellten Rudi Völler. Vielleicht ist es das Gefühl, dass dem holländischen Abwehrspieler die Genugtuung über diese Ungerechtigkeit nicht reichte und er als Täter sein Opfer noch ein weiteres Mal demütigen wollte, vielleicht die tiefe Verachtung, die diese Geste ausdrückt. Auf jeden Fall ist sie mein persönlicher emotionaler Gegenpol zum 2:1-Sieg gegen die Holländer bei der WM 1974. Aber auch 1990 gab's ein Happy End: Wir siegten erneut 2:1 – und am Ende triumphierte nicht Rijkaard, sondern ich.

Es scheint also doch einen Fußballgott zu geben, der keinen Videobeweis braucht, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Wie anders ist es zu erklären, dass diesmal weder Italien noch die Niederlande dabei sein dürfen. Auch wenn manche sagen, dass dadurch bei dieser WM etwas fehlt: Bei mir überwiegt die Erleichterung. Kurt Knaudt

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