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"Ich wollte nur helfen": Falscher Diplom-Psychologe gesteht vor Gericht

Er verfasste als Diplom-Psychologe Gutachten, die über das Schicksal von Familien entschieden. Das Problem: Er hatte gar kein Diplom. Jetzt muss sich der gebürtige Saarländer wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 175 Fällen und Falschaussage in sieben Fällen vor dem Landgericht Bad Kreuznach verantworten.

Depressionen
Welche Folgen die Gutachten des Mannes aus Idar-Oberstein für viele Betroffene gehabt haben, das stand in Bad Kreuznach nicht nur Debatte. Hier ging es zunächst nur um den Schaden für die Justizkasse in Höhe von insgesamt 759 000 Euro.
Foto: dpa

Der 44-Jährige, der in Idar-Oberstein eine Praxis für Psychotherapie und ein Institut für angewandte Psychologie betrieb, räumte die Taten am Dienstag beim Prozessauftakt ein, versuchte sein Vorgehen aber zu rechtfertigen: „Ich wollte nur helfen.“

Vor Gericht geht es nicht um die Folgen seiner Gutachten, sondern allein um den entstandenen Schaden für die Justizkasse in Höhe von insgesamt 759 000 Euro. So viel erhielt er von November 2009 bis April 2014 für seine Expertisen. Pro Stunde wurden ihm dabei anfangs 75, später 85 Euro vergütet. Das habe er durch das Führen eines falschen Titels verwirkt, heißt es in der Anklageschrift. Tatsächlich hatte der vor Gericht betont ruhig, zurückhaltend und freundlich auftretende Fachabiturient nur die Zulassung für nichtärztliche Psychotherapie, die er nach einem Fernstudium erhalten hatte. Neben der von ihm daraufhin im Jahr 2000 eröffneten Praxis, die nach seinen Angaben nicht gut lief, betreute er im Auftrag des Jugendamts Idar-Oberstein Kinder und Jugendliche.

Der Stein kam ins Rollen, als eine Richterin am Amtsgericht Bad Sobernheim ihm seinen ersten Auftrag als Gutachter erteilte. „Es wurde an mich herangetragen“, umschrieb er seine Rolle bei diesem Sündenfall. Jetzt endlich habe er anders als vorher als Berater die Möglichkeit gehabt, mit seinen Gutachten Entscheidungen zu beeinflussen und bei prekären Familienverhältnissen Schlimmeres zu verhindern, versuchte der Angeklagte zugleich, seine Schuld zu relativieren. Es sei ihm nie darum gegangen, sich zu bereichern, versicherte er. Bereits vorher hatte er allerdings ein Schild an seiner Praxis anbringen lassen, das ihn als Diplom-Psychologen auswies, wie er auf Nachfrage einräumen musste. Auch als er als Gutachter vor Gericht zum ersten Mal mit dieser Bezeichnung, die ein Hochschulstudium voraussetzt, angeredet wurde, widersprach er nicht. Sieben Mal stellte er sich vor Gericht selbst als Diplom-Psychologe vor, was als Falschaussage gilt.

Dem ersten Gutachten folgten viele weitere, weil ihn die Richterin weiterempfahl. Dass er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen tätig war, fiel nach Informationen unserer Zeitung erst auf, als eine betroffene Mutter bei der Kreisverwaltung Birkenfeld intervenierte. Diese schöpfte Verdacht und forderte ihn auf, seine Qualifikation nachzuweisen. Das versuchte er mit einer laut Richter Dr. Bruno Kremer dilettantisch gefälschten Urkunde. Ein Anruf bei der Uni Saarbrücken, wo er angeblich studiert hatte, brachte endgültig Klarheit: Er war dort nie eingeschrieben. Der 44-jährige, der mit seiner zweiten Frau nach wie vor im Kreis Birkenfeld lebt, ist auf Arbeitssuche. Er hat ihren Namen angenommen, um bei Bewerbungen eine Chance zu haben – eine bisher vergebliche Hoffnung.

Wegen der Kosten, die bei der Einrichtung und Renovierung seiner Praxis anfielen, sitzt er auf einem Berg von rund 250 000 Euro Schulden. Zudem drohen ihm jetzt Schadensersatzansprüche seitens der Justiz. Sein Institut, das er mit einer nichts ahnenden Partnerin betrieb, musste Insolvenz anmelden. Weil der Angeklagte aus Geldnot 17 300 Euro aus dem Tresor einer Freundin stahl, wurde er bereits zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilt.

Es gebe aber keinen Fall, in dem seine Gutachten im Nachhinein infrage gestellt worden seien. „Somit ist nur der Justizkasse ein Schaden entstanden“, behauptet sein Verteidiger Christoph Clanget (Saarbrücken) im Gespräch mit unserer Zeitung. Das sehen einige Betroffene, die im Gerichtssaal saßen, anders. Ihrer Meinung nach wurden ihnen durch die Gutachten des falschen Diplom-Psychologen zu Unrecht ihre Kinder weggenommen. Der Prozess wird am Mittwoch, 17. Januar, fortgesetzt.

von Kurt Knaudt

Bad Kreuznach
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