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Eine Pfarrei für alle – kann das gutgehen? Viele Fragen zur Kirchen-Strukturreform

Aus sieben mach eins: Vor dieser Herausforderung steht die katholische Kirche im Kreis Bad Kreuznach. Denn aus den sieben Pfarreiengemeinschaften mit ihren mehr als 43.000 Gläubigen soll nach dem Willen der Verantwortlichen im Bistum Trier mit Bischof Stephan Ackermann an der Spitze ab 1. Januar 2020 eine große „Pfarrei der Zukunft“ werden. Ein Problem ist das auch deswegen, weil zurzeit noch völlig unklar ist, wie dieser radikale Schnitt organisatorisch bewältigt werden kann. „Es gibt mehr Frage- als Ausrufezeichen“, beschreibt Dechant Günter Hardt die Situation. Das sorgt an der Basis für erhebliche Unruhe und Verunsicherung.

Auch die berufliche Zukunft von Hardt ist noch ungewiss. Denn weil es das Dekanat Bad Kreuznach bald nicht mehr gibt, braucht man auch keinen Dechanten mehr. „Es wird sich schon noch ein Plätzchen für mich finden“, meint der 63-Jährige gelassen. Mit Blick auf die zukünftige Struktur drückt er aus, was viele Katholiken empfinden: „Das ist ein Umbau von Grund auf. Es wird danach eine andere Kirche sein.“

Dechant: Kirche lebt von Nähe

Bei der Strukturreform werden im Bistum alle 887 Pfarreien, die derzeit in 172 Pfarreiengemeinschaften organisiert sind, aufgelöst. Stattdessen wird es nur noch 35 Großpfarreien geben. Die Initiative „Kirchengemeinde vor Ort“, der vor allem Christen aus der Eifel und dem Saarland angehören, läuft dagegen Sturm. Der Rat der Pfarreiengemeinschaft Heilig Kreuz in Bad Kreuznach hatte für zwei Pfarreien der Zukunft plädiert. Doch Bischof Stephan Ackermann blieb hart.

Hardt weist darauf hin, „dass Kirche von Nähe lebt“. Bei einer Pfarrei dieses Zuschnitts werde es nicht einfach, die Balance zwischen der vorgegebenen Größe und der notwendigen Nähe zu finden. Die neue Pfarrei ist fast so groß wie das bisherige Dekanat – fehlen wird nur die Pfarreiengemeinschaft Kirn, die zukünftig zur „Pfarrei der Zukunft“ in Idar-Oberstein gehören soll. Möglicherweise wird auch Pfarrer Michael Kneib einen neuen Arbeitsplatz erhalten. Der 58-Jährige wurde vor rund zweieinhalb Jahren als Seelsorger für Heilig Kreuz in Bad Kreuznach und Maria Himmelfahrt in Norheim eingeführt.

Zwischen Hoffen und Bangen

„Ich hatte nicht vor, noch mal zu wechseln, sondern würde gern bleiben“, sagt er. Ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist ebenfalls noch unklar, weil im Raum steht, dass alle leitenden Pfarrer versetzt werden sollen. Auch Kneip kann fast alle Fragen, die an ihn herangetragen werden, noch nicht beantworten. Es kursieren Vermutungen und Gerüchte. „Die Basis braucht aber Fakten, die es zurzeit leider noch nicht gibt“, bedauert Kneip. Allzu vieles sei noch schwammig. „Das zieht sich schon zu lange hin.“ Die neuen Pfarreien sollen dem Vernehmen nach von einem Leitungsteam geführt werden, dem neben einem Priester zwei weitere hauptamtliche Mitarbeiter, einer davon als Pfarrverwalter, und zwei Ehrenamtliche angehören. Aber auch das ist noch nicht spruchreif.

Ungewiss ist auch noch, ob die Strukturreform wirklich schon Anfang 2020 umgesetzt werden kann. Der Zeitplan erscheint manchen arg ambitioniert. Aufklärung erhofft sich Dechant Hardt bei der Leitungskonferenz des Bistums am 19. Oktober. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Ende 2019 die Amtszeiten der Pfarrgemeinderäte enden.

Vielen, die das Gemeindeleben oft mit großem Zeitaufwand ehrenamtlich aufrechterhalten, geht es wie Edeltraud Maus: „Manchmal bin ich guten Mutes, manchmal frage ich mich: Kann das gut gehen?“ Einerseits findet sie den Prozess hin zur Kirche der Zukunft spannend, andererseits fällt ihr der Abschied von gewohnten Strukturen schwer. „Das tut mir auch weh.“ Doch die 75-Jährige, die sich seit 58 Jahren in der Kirche und seit 28 Jahren in deren Gremien engagiert, will sich trotz der „gewaltigen Umstellung“ und der damit verbundenen Skepsis ihre Zuversicht bewahren: „Es wird jetzt viel mehr noch auf uns Gläubige ankommen“, betont die Vorsitzende der Verbandsvertretung im Gemeindeverband Guldenbachtal- Langenlonsheim.

Ehrenamtliche stärker gefordert

„Ohne die Menschen vor Ort geht es nicht. Wenn die nicht mitziehen, bleibt die Kirche zu“, sehen auch Tine Harmuth, Vorsitzende des Pfarreienrats für die Gemeinden in Bad Kreuznach, Bad Münster, Norheim und Hüffelsheim, und ihre Stellvertreterin Maria Louen noch mehr Arbeit auf die Ehrenamtlichen zukommen. Bleiben auf Dauer alle Kirchen erhalten? Bleibt genug Zeit und Raum für die Seelsorge? Wie kann man weiterhin die Menschen erreichen und mitnehmen? Was geschieht mit dem Vermögen der bisherigen Pfarreien? Das sind vier von vielen Fragen, die ihnen und vielen anderen Helfern durch den Kopf gehen. „Es war klar, dass etwas passieren musste“, sagt Maria Louen. Aber auch sie fragt sich, ob bei dieser Größe nicht Nähe und Geborgenheit verloren gehen. In der neuen Struktur müsse man lernen, nicht nur auf den eigenen Kirchturm, sondern auch auf die weiter entfernten Dörfer zu blicken.

„Kirche ist mehr als nur die Sonntagsmesse“, betont Tine Harmuth. Jugendarbeit, Frauenarbeit, Caritas, Kolpingverein: Das alles und noch mehr gehöre dazu. „Gemeinschaft schweißt zusammen“, fasst Louen ihre eigenen Erfahrungen zusammen. Zurzeit sei man noch gut aufgestellt und arbeite mit den Hauptamtlichen auf Augenhöhe zusammen – eine Feststellung, bei der bei beiden Frauen die Frage mitschwingt, ob das in der neuen Struktur auch so bleibt. Die Nacht der offenen Kirchen, neue Formen des Gottesdienstes: Man habe gemeinsam vieles auf die Beine gestellt. Auch eine dreijährige Zeit ohne Pfarrer habe man mit vereinten Kräften gemeistert. Allerdings sei hier und da schon jetzt zu spüren, dass die Bereitschaft zur Mitarbeit nachlässt. Und jetzt also die Pfarrei der Zukunft: „Die Kirche mutet uns schon einiges zu“, sagen Tine Harmuth und Maria Louen. Kurt Knaudt

Kurt Knaudt kommentiert: "Pfarrei der Zukunft" ist ein Wagnis

Überalterung, immer weniger Mitglieder und immer weniger aktive Mitstreiter: Die Kirche hat mit ähnlichen Problemen wie die Vereine zu kämpfen. Das geht an die Substanz – so sehr, dass das Bistum Trier einen radikalen Schritt gewagt hat. Die „Pfarrei der Zukunft“ ist vor allem deswegen ein Wagnis, weil dabei die Nähe verloren zu gehen droht.

Mit der Gefahr, dass noch mehr Gläubige der Kirche den Rücken kehren und Gotteshäuser verwaisen. Die Kirchenführung allerdings setzt darauf, dass ehrenamtliche Kräfte das auffangen, was bei dieser Art der Globalisierung auf der Strecke bleibt – mit dem Risiko, dass die freiwilligen Helfer nicht nur stark gefordert, sondern überfordert werden. Denn auch da ist es ähnlich wie bei einem Ver- ein: Es gibt meist nur einen kleinen harten Kern, der die Hauptarbeit leistet.

Das hehre Ziel lautet nach Aussage des Bischofs, die Hauptamtlichen von Verwaltungsaufgaben zu entlasten, um besser den Glauben zu vermitteln. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Strukturreform, die von anderen Bistümern aufmerksam beobachtet wird, ein Spar- programm ist, um auf Dauer handlungsfähig zu bleiben. Die zentrale Frage, ob das in dieser extremen Form gut gehen kann, ist offen.

E-Mail: kurt.knaudt@rhein-zeitung.net

Erkundungsteam lädt zu zwei "Rendezvous im neuen Raum"

Aus dem Dekanat Bad Kreuznach, zu dem die Pfarreiengemeinschaften Bad Kreuznach, Bad Sobernheim, Guldenbachtal-Langenlonsheim, Kirn, Rupertsberg, Sponheimer Land und Wallhausen gehören, wird eine große „Pfarrei der Zukunft“, wobei Kirn nach Idar-Oberstein wechselt. Ein dreiköpfiges Erkundungsteam soll im Auftrag des Bischofs dabei helfen, den Übergang zu meistern. Bei zwei als „Rendezvous im neuen Raum“ überschriebenen Treffen am Donnerstag, 20.

September, im Bürgerhaus in Waldböckelheim und am Mittwoch, 17. Oktober, in der Mensa des Gymnasiums am Römerkastell in Bad Kreuznach, will das Trio herausfinden, „was die Menschen bewegt und wie in Zukunft ihre Anliegen wahrgenommen werden können“. Sie seien keineswegs „Spione aus Trier“, sondern wollen die Menschen auf ihrem Weg in die „Pfarrei der Zukunft“ motivieren und begleiten, betonen die drei. kuk
Bad Kreuznach
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