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VG Nastätten

Kanal-Check: Baumwurzeln sind der größte Feind

Thorsten Stötzer

Entlang hellgrauer Betonwände arbeitet sich die Kamera weiter durch das Abwasser-rohr, gerade rückt ein einmündender Hausanschluss mit in den Fokus. Besonders inspiziert werden die als Muffen bezeichneten Übergänge zwischen den Rohren, dann schwenkt das Objektiv in einem Bogen umher. Mit einer zusätzlich aufmontierten zweiten Kamera lassen sich die Hausanschlüsse beleuchten. Alle Daten und Beobachtungen werden akribisch protokolliert bei der Befahrung.

Mit einem Spezialfahrzeug rückt die Firma Wambach an, um den Kanal in der Hochstraße in Oberwallmenach zu spülen. Zudem wird der Zustand des Kanals mit einer Kamera überprüft. Etwa 20 Kilometer Kanalnetz in der VG Nastätten werden jedes Jahr unter die Lupe genommen.  Foto: Thorsten Stötzer
Mit einem Spezialfahrzeug rückt die Firma Wambach an, um den Kanal in der Hochstraße in Oberwallmenach zu spülen. Zudem wird der Zustand des Kanals mit einer Kamera überprüft. Etwa 20 Kilometer Kanalnetz in der VG Nastätten werden jedes Jahr unter die Lupe genommen.
Foto: Thorsten Stötzer

Dazu sitzt Dieter Schonschek von der Firma Kanal Wambach aus Neuwied in einem Transporter vor gleich mehreren Bildschirmen. Die Hochstraße in Oberwallmenach ist an diesem regnerischen Vormittag das Arbeitsgebiet für ihn, seine Kollegen und die Mitarbeiter der Werke der Verbandsgemeinde Nastätten. Abwässer zu sammeln und es den Kläranlagen zuzuleiten sind für sie alle Kernaufgaben.

Die bei der Kamerafahrt im Kanal gewonnenen Informationen gehen in eine Datenbank ein. In der Hauptsache dienen sie jedoch dazu, den Zustand der Rohre bewerten zu können. Dafür arbeiten die Werke mit René Görg vom Ingenieurbüro Sven Kämpfer in Allendorf zusammen. In fünf Kategorien ordnet er die Kanalleitungen ein, mit der Ziffer Null wird die schlechteste Beschaffenheit klassifiziert.

Das ist wiederum die Basis für Sanierungskonzepte. Die reichen von der Reparatur über die Renovation bis zur Erneuerung. Technisch und wirtschaftlich interessant erscheint vor allem die Renovation, bei der Glasfaserkunststoff mit Harz als „neues Rohr im alten“ eingebracht und mit UV-Licht gehärtet wird, erläutern René Görg und der Technische Werkleiter der Verbandsgemeinde Ralf Solinski.

Rund 100.000 Euro geben die Werke jährlich für Reparaturen an Kanälen aus und 250.000 Euro für Renovationen. Dazu kommen Investitionen zwischen 1 Million und 1,5 Millionen Euro für Erneuerung: Die schlage gegenüber der Renovation bei den Kosten mit dem Faktor 3,5 zu Buche. Bei der Arbeitszeit sei sogar mit dem fünffachen Aufwand zu rechnen, sagt Görg über den Nutzen moderner Inliner-Verfahren, die zudem die Anwohner weniger mit Baugruben konfrontieren.

Insgesamt besitzt das Kanalnetz in der Verbandsgemeinde eine Länge von 260 Kilometern. Jährlich werden ungefähr 20 Kilometer davon begutachtet – so wie eben in der Oberwallmenacher Hochstraße. Im Hintergrund stehen gesetzliche Vorschriften, die diese Maßnahme mindestens alle zehn Jahre verlangen. Für den Hauptkanal haben die Werke diese Untersuchung bereits einmal komplett abgeschlossen. Bei der zweiten Befahrung rücken auch die Hausanschlüsse in den Blickpunkt.

Zwischen 30 und 50 Zentimeter beträgt der Umfang der Rohre, durch die die Kamera rollt. Von Steinzeug über Beton, PVC und Polypropylen reichen die Materialien, die ältesten Abschnitte stammen aus den 1950er-Jahren. Wesentlich neuer, nämlich erst knapp 25 Jahre alt, sind die Abwasserleitungen in der Hochstraße im Oberwallmenacher Neubaugebiet, wo zunächst eine Spülung ansteht.

Diese Spülungen erfolgen regelmäßig – mancherorts zweimal im Jahr – und vor jedem Kamera-Einsatz. Ein grüner Schlauch senkt sich in den Schacht, er kann bis auf 500 Meter Länge abgewickelt werden. Ein sechs Meter langer Ausleger erweitert die Flexibilität und die Erreichbarkeit der Gullys. Bis zu 205 Bar beträgt der Druck, ein dickes schwarzes Rohr saugt den Schmutz ab. Eine halbe Million Euro koste das Spezialfahrzeug in etwa. Es verbraucht übrigens kein Trinkwasser und besitzt eine eigene Rückgewinnungsanlage.

In der Hochstraße wird bald deutlich: Schäden drohen hier noch nicht. Ansonsten sind Baumwurzeln der Feind schlechthin für die Abwasserfachleute. Mit Robotern werden sie zum Beispiel weggefräst, wenn sie in die Rohre hineinwachsen.

Scherben und Risse sind andere Alarmzeichen. Durch Starkregen lagert sich oft Erdreich ab. „Im Jahr 2016 hat das zusätzliche Kosten von 50 000 Euro verursacht“, erinnert Abwassermeister Sascha Velte an die Unwetter des vergangenen Jahres. Nicht mehr wundern kann er sich über das, was die Leute alles in den Abfluss werfen. Fahrradschläuche, Unterhemden und ein Wintermantel kamen schon zu Tage.

„Der Kanal wird immer mehr zur Abfallentsorgung benutzt“, bedauert Solinski. Feuchttücher, die sich schlecht zersetzen, machen ebenso Probleme wie Wattestäbchen, Kondome und Damenbinden. Essensreste locken außerdem Ratten an. Womöglich ahnt auch mancher nicht, welches Vermögen sich inklusive etlicher Regenrückhaltebecken und zweier Pumpwerke in Holzhausen und Marienfels im Untergrund befindet.

Nimmt man die Kläranlagen hinzu, so macht die Abwassertechnik circa die Hälfte des Vermögens der Verbandsgemeinde Nastätten aus, erläutert Solinski. In Zahlen und Euro ausgedrückt handelt es sich dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag, der in der Bilanz auftaucht.

Von unserem Mitarbeiter Thorsten Stötzer

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