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Friesenhagen

Hilfe für Kleinbauern: Friesenhagen stellt sich gegen das Baugesetz

Die Familie von Marlene und Johannes Orthen betreibt schon seit Generationen im Wippetal, an der Kreisstraße 77, ihren Bauernhof. Mit inzwischen nur noch rund 30 Rindern auf rund 25 Hektar Land ist aber längst nur noch ein Nebenerwerbshof geblieben. Doch die Orthens, Eltern und die beiden erwachsene Söhne Tim (22) und Florian (28), haben alle ihre Berufe in der Region – und wollen auch hier bleiben. „Wir sind hier verwurzelt“, sagen sie, „und natürlich hängt man auch an so einem Familiensitz.“ Deswegen will die Familie nur einen Steinwurf vom Bauernhaus entfernt ein kleines Wohnhaus errichten, als Altenteil für die Eltern. Florian will dann im Haupthaus mit seiner Frau Carina bleiben und eine Familie gründen.

Im Bildvordergrund, wo die drei Obstbäume stehen, möchten sich der Landwirt Johannes Orthen und seine Frau Marlene ein kleines Haus als Alterswohnsitz bauen – also nicht weit entfernt vom Bauernhof ihrer Vorfahren (hinten), wo einer der Söhne mit seiner Familie wohnen bleiben möchte. Gegen die Einwände von Landwirtschaftskammer, Unterer Naturschutzbehörde und VG Kirchen ist der Rat Friesenhagen dafür, dies dem Landwirt zu erlauben.  Foto: Peter Seel
Im Bildvordergrund, wo die drei Obstbäume stehen, möchten sich der Landwirt Johannes Orthen und seine Frau Marlene ein kleines Haus als Alterswohnsitz bauen – also nicht weit entfernt vom Bauernhof ihrer Vorfahren (hinten), wo einer der Söhne mit seiner Familie wohnen bleiben möchte. Gegen die Einwände von Landwirtschaftskammer, Unterer Naturschutzbehörde und VG Kirchen ist der Rat Friesenhagen dafür, dies dem Landwirt zu erlauben.
Foto: Peter Seel

Doch bei der VG-Verwaltung in Kirchen weicht man von den Buchstaben des Baugesetzbuches um kein Jota ab: Das Tal gilt als „Außenbereich“; das Projekt widerspricht dem Flächennutzungsplan, weil der Hof nicht als „privilegiert“ gilt. Daher hatte ausgerechnet die Landwirtschaftskammer den Bau abgelehnt; bei einem Vollerwerbsbauern wäre es anders gewesen. Zudem hat wegen dreier stattlicher Obstbäume die Untere Naturschutzbehörde beim Kreis ihr Veto eingelegt. Der Rat Friesenhagen sollte am Mittwoch die aus alldem hervorgehende Ablehnung bestätigen. Tat er aber nicht: Einstimmig ist man der Meinung, dass man die Menschen im Wildenburger Land halten – und nicht vertreiben will.

Ortsbürgermeister Norbert Klaes hatte seine Stellungnahme sorgsam schriftlich fixiert. „Hier muss sich eine Gemeinde mal verabschieden von den reinen Gesetzestexten“, sagte er. Tatsächlich wundert sich der Laie, wenn er durchs Wippetal fährt: Da umgibt einen überall wild-romantische Natur, kilometerlang kein Haus; und die Orthens würden ja sogar auf ihrer eigenen Wiese bleiben, nicht das Landschaftsbild antasten. Und die Obstbäume, erklärte Klaes, werde man gerne per Neupflanzung anderswo ersetzen. Die Nebenerwerbslandwirte „tun unserer Landschaft auch gut“, fuhr er fort – was Tim Orthen im RZ-Gespräch bestätigte: Wenn ein Bauer verschwindet, wer hält dann das Tal, die Straße (die auch Radweg ist!) frei? „Das wächst dann ja alles zu.“ Wie die anderen Landwirte, auch wenn die meisten nebenher arbeiten müssen, sorgen auch die Orthens für ein gepflegtes Talbild.

Klaes sprach von einer zu befürchtenden „Versteppung und Verbuschung“, wenn Leute wie die Orthens wegziehen. Zudem bekomme die Gemeinde die Instandhaltung ihrer Wirtschaftswege nur bezuschusst, wenn diese auch von den Bauern genutzt würden. Nicht nur die Vollerwerbslandwirte, so Klaes, auch die Nebenerwerbslandwirte sollten auf die „volle Unterstützung“ durch den Rat setzen dürfen: „Eine Ablehnung ist nicht die richtige Vorgehensweise für unsere Gemeinde – Baugesetzbuch hin oder her.“

Das Bauprojekt habe auch nichts mit Landschaftszersiedelung zu tun, der Rat müsse ein Signal setzen, um der „Abwärtsspirale der landwirtschaftlichen Betriebe Einhalt zu gebieten“ und die auch von Mainz aus viel beschworene Stärkung des ländlichen Raums sichern helfen. Zugleich müsse eine solche Ausnahme nicht zum Präzedenzfall werden.

Die Ratsmitglieder äußerten sich ähnlich, etwa Christoph Strahlenbach (CDU), selbst Bauer: „Ich sehe das vollkommen anders als die Landwirtschaftskammer. Die klein-bäuerliche Bewirtschaftung wird nicht ausreichend gewürdigt.“ Auch seinem Parteikollegen Michael Schüttler fehlte eine ausreichende Begründung der Kammer. Angelika Buske nannte die Sache „nicht nachvollziehbar“, und Horst Reimann (beide SPD) meinte, man fasse sich wegen der Beurteilung der Kammer nur an den Kopf, während man die Naturschutzbehörde ja noch verstehen könnte. Inge Giershausen sprach allen aus der Seele: Wenn man nicht mal eine Ausnahme von der Regel zulasse, werde der Landstrich aussterben.

Am Ende stimmte der Rat zu, das Einvernehmen für den Bauantrag herzustellen und die Verwaltung in Kirchen aufzufordern, „eine Baugenehmigung auch gegen die Stellungnahmen der Fachbehörden auszustellen“ und ihre Entscheidungsspielräume zu nutzen.

Von unserem Redakteur Peter Seel

Altenkirchen Betzdorf
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