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    Birnbach/Mehren

    Gedenken an die Pogromnacht: Lieder als Mahnmal gegen das Vergessen

    Brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, rund 400 ermordete oder in den Suizid getriebene Juden. Am 9. November jährt sich zum 79. Mal die Pogromnacht, jene Gräuel der Nationalsozialisten, die den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden zur systematischen Verfolgung markierte. Auch im Kreis Altenkirchen wird in verschiedenen Veranstaltungen der Opfer von 1938 gedacht. Und einer tut dies auf eine ganz besondere Weise – mit Gedichten und Liedvorträgen um 19 Uhr in der evangelischen Kirche in Mehren.

    In seinem gemütlichen Zuhause in Birnbach kann der Sänger, Rezitator und Gitarrist Dr. Peter Thomas in Ruhe „Lieder sammeln“ und an seinen Konzertprogrammen arbeiten.  Foto: Julia Hilgeroth-Buchner
    In seinem gemütlichen Zuhause in Birnbach kann der Sänger, Rezitator und Gitarrist Dr. Peter Thomas in Ruhe „Lieder sammeln“ und an seinen Konzertprogrammen arbeiten.
    Foto: Julia Hilgeroth-Buchner

    Wenn sich Dr. Peter Thomas an seine erste Begegnung mit Musik erinnert, dann hört er wieder die Stimme seiner Mutter, die ihr einziges Kind mit dem Lied „Heidschi bumbeidschi“ in den Schlaf singt. „Meine Mutter hat mir immer vorgesungen, wenn sie auch sonst nicht viel von mir hatte. Mein Vater war im Krieg gefallen, sie musste immer arbeiten, um uns durchzubringen. Wenn unsere große Familie aber zusammenkam, dann wurde viel Musik gemacht“, erzählt Thomas.

    Im sonnendurchfluteten Wohnzimmer seines Birnbacher Hauses, in dem an diesem Herbstmorgen das Gespräch mit der RZ stattfindet, blickt der Chirurg im Ruhestand auf sein Leben mit „seinen Liedern“ zurück, schaut aber auch in die Zukunft. Zunächst jedoch intoniert er in kräftigem Bariton eine Ballade des Komponisten Carl Loewe, der in der Verwandtschaft hoch geschätzt wurde – natürlich auswendig, wie so viele Texte, Verse und Lieder, die Thomas in seinem Herzen trägt.

    „Ich habe die schreckliche Zeit erlebt, in der sich die Menschen von Kriegstraumata erholen mussten. Die späte Bombardierung von Altenkirchen legte alles in Schutt und Asche. Diese Bilder kann ich nicht vergessen. Mein Onkel, der Architekt Erich Thomas, kam als Pazifist aus dem Krieg. Diese Haltung wurde auch für mich ein klares Thema.“ 1962 trifft Thomas auf den Liedermacher Siegfried Behrend und seine Mitstreiterin Belina, eine junge Jüdin. Deren Live-Konzert „Es brennt“ setzt sich in seinem Kopf fest.

    Seine musikalische Heimat findet der junge Stationsarzt aber vorerst in der Koblenzer Altstadtkneipe „Armer Josef“, damals eine legendäre Adresse. Bei Spießbraten und Meerrettich-Soße treffen hier freitags „die unterschiedlichsten Milieus“ aufeinander, und sofern Thomas keinen Dienst hat, ist er mitten unter „Bündischen“ und „Falken“, unter Anhängern von Reinhard Mey, Franz Josef Degenhardt und Hannes Wader. „Wir haben mit Begeisterung zusammen gesungen“, schwärmt er. Er trägt viele Lieder zusammen, pilgert zur Sänger-Burg Waldeck und übt sich im Gitarrenspiel, wenn es die Zeit erlaubt.

    „Es war damals gar nicht so einfach, an Liedtexte zu kommen. Man konnte ja nicht einfach mal im Internet stöbern“, schmunzelt er. Das praktische Wirken muss der langjährige Chefarzt der Chirurgischen Abteilung des Altenkirchener Krankenhauses immer wieder zurückstellen, doch das Feuer brennt. Als er im Jahr 2013 das emsländische Börgermoor und die KZ-Gedenkstätte Esterwegen besucht, da reift in ihm ein Plan. „Esterwegen hat mir das Tor geöffnet. Ich war tief beeindruckt, dass dort trotz des ständigen Überlebenskampfes Kultur bewahrt wurde.“

    Im Januar 2014 findet ein erstes Konzert in der Birnbacher Kirche statt, am 9. November des gleichen Jahres singt Thomas zum Gedenken an die Pogromnacht in Altenkirchen. Es folgen weitere Einladungen, unter anderem nach Hamm und Bendorf. In Kürze steht eine Veranstaltung in der Altenkirchener August-Sander-Schule bevor.

    „Wenn man davon erzählt, dann entwickeln die jungen Leute Emotionen“, stellt Thomas fest. Er hat erkannt, dass Lieder „viel Soziologie und Psychologie spiegeln“. Das möchte er nutzen. Die Texte der sehr jung verstorbenen Jüdin Selma Meerbaum-Eisinger sind ein wichtiger Bestandteil seiner Konzerte. Zum Abschluss des Gespräches deklamiert Thomas deren Gedicht „Stille“. „Wir haben eine solche Kultur hemmungslos vernichtet“, schließt der Liedersammler. Das Leid kann er nicht ungeschehen machen. Doch Dr. Peter Thomas wird auch in Zukunft nicht müde werden, gegen das Vergessen anzusingen.

    Von unserer Mitarbeiterin Julia Hilgeroth-Buchner

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