40.000
Aus unserem Archiv
Horhausen/Neuwied

Der Leben eines Horhauseners liegt in Trümmern

Dirk Eberl aus Horhausen ist ein Kerl wie ein Baum. Doch in seinem Innern sieht es anders aus. "Da bin ich wohl eher klein wie eine Maus", meint er selbst: "Panikattacken, Antriebslosigkeit. Ich krieg' mein Leben nicht mehr in den Griff", sagt er. Doch das war nicht immer so: Eberl ist eigentlich "gut im Geschäft", wie man so sagt. Als Filialleiter des Rewe in Neuwied-Irlich steht er seinen Mann, ist für 44 Mitarbeiter zuständig. Dann kommt der 22. September 2012.

Von unserem Redakteur Ulf Steffenfauseweh

Der verspricht ein schöner Tag zu werden. Eberl hat frei, seine Partnerin wird 50. Die beiden gehen essen. Anschließend, gegen 21.30 Uhr, schauen sie doch noch einmal im Markt vorbei. Eberls Chef hat ihn gebeten, vor Feierabend kurz nach dem Rechten zu sehen und die Alarmanlage scharf zu stellen. Kein Problem, die beiden wollen eh noch einen Sekt holen.

Doch während sie an der Kasse steht und er beim Bäcker, stürmen maskierte Männer in den Markt. "Ich hab' erst einen Witz daraus gemacht und gesagt, dass noch gar kein Karneval ist", erzählt Eberl. Dann schlagen ihm die Täter zwei Mal in den Nacken, er stolpert Richtung Kasse. Jetzt ist ihm klar, dass es ernst ist. Er will sich wehren, dreht sich um, die Täter schießen. Sie treffen seine Freundin. Alle Kunden müssen sich auf den Boden legen. "Wir konnten nichts machen", erinnert sich Eberl. Seine Partnerin muss sich nach dem Überfall einer Not-OP unterziehen, wird aber wieder fit. Er selbst nimmt nach einer Woche Pause die Arbeit wieder auf. Das Leben muss ja weitergehen – auch als sich das Paar trennt. "Das war vorher klar und hatte nichts mit dem Überfall zu tun", erklärt er. Doch jetzt ist Eberl abends allein, unkontrolliert. Er trinkt. "Um mich ruhigzustellen", sagt er und gibt zu: "Kein Bier, sondern Jack Daniels."

Dann stürmen plötzlich wieder Männer in den Markt, schwarz und bewaffnet. Dieses Mal sind es jedoch keine Kriminellen. Es sind SEK-Leute, die einen Kriminellen verhaften: Eberls Stellvertreter. Der war Komplize der Räuber, hat den ganzen Überfall initiiert. "Ein super Kerl, der mir geholfen hat, das Haus zu klinkern, und mit dem ich zusammen gefeiert habe", findet er noch heute und ist überzeugt: "Der muss da irgendwie hereingerutscht sein." Auch Eberl selbst steht zwischenzeitlich in Verdacht, doch der erhärtet sich im Verhör nicht. Er geht weiter arbeiten, er trinkt weiter. Dann, Anfang Februar 2013, wird er eines morgens wach und erschreckt sich. "Da standen eineinhalb leere Flaschen Schnaps in der Küche, und ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann." Er läuft zum Hausarzt. "Sperr mich weg, sonst geh ich kaputt", bittet er diesen und wird denn auch in eine Klinik eingewiesen.

Der Alkoholkonsum, den er selbst als "Missbrauch" einstuft, hat seine eigentlichen Probleme aber nur überdeckt. Es folgen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte, psychologische Behandlungen. Posttraumatische Belastungsstörung und Depression lauten die Diagnosen. Er sagt selbst, dass er ständig Durchfall hat, schnell gereizt ist und vor allem sehr schreckhaft ist. Eberl hat seitdem nicht mehr gearbeitet, sich dafür viel mit Kassen und Behörden gestritten. Weil er fahrig geworden ist, Fristen verpasst hat. Weil sein Status schwammig ist: Er gilt als arbeitsfähig, aber mit Einschränkungen: höchstens drei Stunden am Tag, nicht nachts, nicht mit vielen Leuten. Was passt da schon?

Hinzu kommt Antriebslosigkeit. "Wenn ich allein bin, hab' ich einen riesigen Kloß im Magen, lieg' nur auf der Couch und schaue Unterschichten-TV", sagt er. "Kein Elan, null Antrieb. Früher hab ich Dinge sofort erledigt, jetzt alles nur noch auf den letzten Drücker."

Wenn er doch mal seinen "sicheren Ort" – das Haus in Horhausen – verlässt, plagen ihn Panikattacken. Er schläft nur noch bei Licht und eingeschaltetem Fernseher, macht keine Rollläden herunter. Hinter der Haustür steht ein Baseballschläger.

Halt und Hoffnung geben nur Sohn, Hund und neue Freundin. Die hat er bei einem seiner wenigen Ausflüge (zu einem Dorffest in Horhausen) kennengelernt hat. Weil sie in Frankfurt lebt, ist sie jedoch selten bei ihm.

Die Täter sind zu langen Haftstrafen verurteilt worden, der Anführer zu zehn Jahren plus Sicherungsverwahrung (wir berichteten). Dirk Eberl hat bisher 5000 Euro Schmerzensgeld und 134 Euro Rente bekommen. Seine Ersparnisse neigen sich dem Ende zu. Er ist 48 Jahre alt. Er hat Existenzängste.

Altenkirchen Betzdorf
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Ihre Ansprechpartner in der Redaktion
Markus Kratzer (kra)
Redaktionsleiter
Tel 02681/9543-21
E-Mail
Volker Held (vh)
stv. Redaktionsleiter
VG Altenkirchen
Tel 02681/9543-33
E-Mail
Elmar Hering (elm)
Redakteur
VG Wissen & Hamm
Tel 02681/9543-13
E-Mail
Andreas Neuser (an)
Redakteur
VG Betzdorf, Gebhardshain
Tel 02741/9200-68
E-Mail
Daniel Weber (daw)
Redakteur  
VG Daaden, Gebhardshain, Stadt Herdorf
Tel 02741/9200-67
E-Mail
Peter Seel (sel)
Redakteur VG Kirchen
Tel 02741/9200-65
E-Mail
Sonja Roos (sr)
Redakteurin VG Hamm
Tel 02681/9543-19
E-Mail
Beate Christ (bc)
Reporterin VG Flammersfeld
Tel 0170/2110166
E-Mail
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach