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Betzdorf

Blütenweiße Kittel und ein Sofa im Labor: Rosemarie Seifer erinnert an Arbeit im alten St.-Josef-Krankenhaus

Claudia Geimer

Dort, wo heute die Stadthalle zu Kulturveranstaltungen einlädt, stand einst das alte Betzdorfer Krankenhaus. Es fiel 1981 dem Neubau zum Opfer. „Der Abriss war damals furchtbar für mich“, sagt Rosemarie Seifer aus Dauersberg.

Rosemarie Seifer aus Dauersberg freut sich, dass sie hin und wieder ein altes Foto des Krankenhauses entdecken und über ihren „alten“ Arbeitsplatz lesen kann. 1953, vor 65 Jahren, hat die heute 79-Jährige dort als Laborgehilfin angefangen.  Foto: Claudia Geimer
Rosemarie Seifer aus Dauersberg freut sich, dass sie hin und wieder ein altes Foto des Krankenhauses entdecken und über ihren „alten“ Arbeitsplatz lesen kann. 1953, vor 65 Jahren, hat die heute 79-Jährige dort als Laborgehilfin angefangen.
Foto: Claudia Geimer

Denn das Krankenhaus, benannt nach dem Heiligen Josef, war für die heute 79-Jährige ihr Arbeitsplatz und viel mehr: „Es war wie ein zweites Zuhause.“ Sie freut sich, dass der Betzdorfer Geschichtsverein das Krankenhaus in einer seiner Schriftenreihen aufgenommen hat. Für Rosemarie Seifer war es ein Anlass, nach alten Aufnahmen zu suchen. Fotos von dem alten, schmucken Backsteingebäude gibt es viele. Doch genauso wichtig und interessant sind die Menschen, die dort gearbeitet und sich um das Wohl der Patienten gekümmert haben. Rosemarie Seifer hat alte Fotos des Personals gefunden: Die jungen Frauen arbeiteten auf Station, in der Küche, in der Wäscherei oder im angeschlossenen Kindergarten. „Für viele war es eine Möglichkeit, 20 Mark im Monat zu verdienen. Es waren ja andere Zeiten.“

Lange ist das her. Rosemarie Seifer selbst hat vor 65 Jahren das erste Mal das Eingangsportal durchschritten. „Ich habe am 7. Mai 1953 angefangen, das weiß ich noch ganz genau“, erzählt die Seniorin. Gerade einmal 14 Jahre war sie alt. „Meine Mutter ist noch mitgekommen.“ Die ältere Schwester Christel, heute 80 Jahre alt, hatte damals in der Küche gearbeitet und Rosemarie eine Stelle besorgt. Allerdings nicht in der Küche, sondern im Labor. „Die Laborschwester brauchte Hilfe.“ Da stand sie nun, ein junger Backfisch, ohne Erfahrungen: „Ich wusste nicht, was mich erwartete.“ Die Laborschwester nahm sie in Empfang: Schwester Augustilla von den Armen Franziskanerinnen aus Olpe. Mit bürgerlichen Namen hieß sie Maria Baldus und stammte aus Katzenbach. Die junge Rosemarie wurde angelernt – so nannte sich das damals. Nach einem halben Jahr durfte sie selbstständig Blut abnehmen, untersuchen, Blutbilder erstellen, Befunde schreiben. Die Aufgabe faszinierte die junge Dauersbergerin. „Es hat mich unheimlich interessiert, was wir da machten. Es war ja alles neu für mich.“

Das Labor war vor dem Umzug in den späteren Anbau nur ein kleines Zimmerchen – „von der Ausstattung her natürlich nicht mit heute zu vergleichen.“ Aber Schwester Augustilla und ihr Schützling hatten alles – vom Reagenzglas bis zum Mikroskop – was sie für ihre Arbeit so brauchten. Durch ihre Stelle hatte Rosemarie Seifer engen Kontakt zu den Ärzten und den Schwestern auf den drei Stationen, verteilt auf drei Stockwerke. Unterscheidungen wie Innere Medizin oder Chirurgie gab es nicht: „Es war alles zusammen.“ Die Krankenzimmer waren eher Krankensäle – das Haus verfügte insgesamt über 45 Betten. Privatpatienten lagen auch damals schon in Einzel- oder Zweibettzimmern.

Die junge Frau hatte schnell einen guten Kontakt zu ihren Kolleginnen und kannte auch deren Arbeitsalltag. Die Krankenschwestern waren Nonnen. Ihnen zur Hand gingen die „Stationsmädchen“: Sie wechselten die Bettwäsche, putzten und brachten den Patienten das Essen. In den ersten Jahren nach dem Krieg kam der Verpflegung noch eine ganz andere Bedeutung zu. „Es war eine arme Zeit, und viele waren froh, dass sie sich bei uns im Krankenhaus satt essen konnten.“ Nicht nur das: An Feiertagen hatten die Küchenmädchen alle Hände voll zu tun, um Kuchen und Torten für die Patienten zu backen. Das Krankenhaus war Selbstversorger, bezog Gemüse und Küchenkräuter aus dem eigenen Nutz- und Ziergarten.

„Das Krankenhaus hatte einen wunderschönen Garten.“ Den auch Rosemarie und ihre Kolleginnen zur Mittagspause nutzten. Damals wurde geholfen, wo Not am Mann war. „Ich habe auch schon die Böden mit Schmierseife geschrubbt“, erinnert sich die Seniorin. Es wurde mit Koks geheizt, welches der Krankenwärter von draußen mit dem Karren herein und somit auch Dreck ins Haus holte. Die Arbeit war anstrengend – „aber es war eine schöne Zeit. Wir waren wie eine große Familie“, sagt die Seniorin. Auch die Ärzte, wie Dr. Wurm, Dr. Witzenrath oder Dr. Wahl, hätten keinen Standesdünkel an den Tag gelegt. So manches Patientenschicksal, das sie in 17 Jahren bis zur Rente, 1970, mitbekommen hat, geht der 79-Jährigen noch heute nahe. Doch Rosemarie Seifer und ihre Chefin, Schwester Augustilla, haben auch nette Geschichten mit den Kranken erlebt, über die beide gelacht haben: „Da war ein Metzger, der kein Blut sehen konnte. Für solche Fälle hatten wir ein Sofa im Labor stehen.“

Von unserer Mitarbeiterin Claudia Geimer

Altenkirchen Betzdorf
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