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    Grenada – eine Insel mit vielen Gesichtern

    12–21 heißt die Formel, die man sich für Grenada merken muss: 12 Meilen breit, 21 Meilen lang, ein 120 Quadratmeilen kleiner Sandhaufen, der 12 Grad nördlich des Äquators liegt. Wenig los, dafür fliegen Menschen um die halbe Welt hierher. Obgleich es auf der kleinen Antilleninsel im Süden der Karibik viel zu erleben gibt.

    Absolute Ruhe lässt sich beim Schnorcheln im Unterwasserskulpturenpark genießen.
    Absolute Ruhe lässt sich beim Schnorcheln im Unterwasserskulpturenpark genießen.
    Foto: Grenada Tourism Authority

    „Was tut der hier? Parken?“ Mag sein, dass die Menschen in der Karibik Zeit haben. Aber Edwin muss die deutschen Touristen pünktlich von der Schokoladenfabrik zum Schiffsanleger in der Marina bringen. Und der Mann im Wagen vor ihm macht unseren Fahrer nervös. „Der fährt wie eine Schnecke“ schimpft unser Fahrer in Richtung Windschutzscheibe. Termine machen ihn irgendwie nervös. Genau wie die Abneigung seiner Gäste gegen die Klimaanlage – heruntergekurbelte Scheiben sind ihm ein Gräuel. Die blanke Vorstellung treibt Edwin den Angstschweiß auf die Stirn. „Oh, hier: Schon der erste Moskito“, ruft er alarmiert und warnt seine Gäste vor den bewaffneten Angreifern. „Einer bleibt nie allein, die fressen uns auf!“ Irgendwo muss es die sprichwörtliche Gelassenheit der Karibikbewohner geben. Aber nicht hier und heute. „Wir haben schließlich einen Zeitplan“, lispelt Edwin, der seine deutschen Gäste an Pünktlichkeit lässig übertrifft. Okay, lässig vielleicht nicht. Aber fünf Minuten vor der geplanten Ankunftszeit ist der Hafen in Sicht. „Na bitte, wir sind da“, ruft Edwin mit einer Mischung aus Erleichterung und Triumph. Nun hat er auch sein Umfeld wieder im Blick. „Schaut mal“, sagt er kopfschüttelnd, als er durchs Fenster einen klapprigen alten Jeep sieht, der schwerfällig eine schmale Steilstraße emporkriecht. „Es gibt Menschen, die machen sich das Leben wirklich kompliziert.“

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    Stille und Sonnenuntergang lassen sich bestens beim Sundowner auf einem Segelboot einfangen.
    Stille und Sonnenuntergang lassen sich bestens beim Sundowner auf einem Segelboot einfangen.
    Foto: Nicole Mieding

    Ein bisschen froh sind wir schon, dass die Fahrt jetzt ein Ende hat. Flauer als auf der Serpentinentour durchs Landesinnere kann der Magen auch bei Seegang im karibischen Meer nicht werden. Garnet Williams entschuldigt sich vorsorglich, als er uns in der Port Louis Marina die Taschen abnimmt und an Bord hilft. Auf einem Katamaran wollen wir segelnd die Inselwelt erkunden. Schade bloß, dass flüssiger Sonnenschein („liquid sunshine“, die hiesige Umschreibung für Regen) ausgerechnet heute das karibische Postkartenidyll trübt. Das inseluntypische Übermaß an Wind und Regen bereiten unserem Kapitän offenkundig Sorge. Er ist 62 Jahre alt und segelt fast genauso lang. Am liebsten traditionelle kleine Holzboote, die auf der Nachbarinsel Carriacou gebaut werden – superschnelle Nussschalen, mit denen Garnet sogar auf Walfang geht, wie er erzählt. Allerdings bei Schönwetterbedingungen, sonst bleiben die Boote drin. Aber gebucht ist gebucht. Also segelt Garnet uns zur Molinère Bay, wo der weltweit erste Unterwasserskulpturenpark liegt. Wir schnorcheln los, um die künstlerischen Installationen am Meeresgrund auszumachen. Das aufgewühlte Wasser erschwert die Suche, doch irgendwann tauchen tatsächlich schemenhaft Gestalten auf. Eine Knieende, die die Hände zum Himmel reckt. Eine Gruppe von Männern und Frauen, die im Kreis stehen, sich an den Händen halten und bang ihr Schicksal erwarten, wie es scheint. Auf ihren Körpern siedeln Muscheln und Korallen, Fische umkreisen die steinernen Gestalten wie eine Aufforderung zum Mitschwimmen. „Und?“, erkundigt sich Garnet beim Auftauchen. Wir berichten von der traurigen Untergangsstimmung, die die Figuren am Meeresboden verbreiten. Merkwürdig, findet er. Tiefer sinken können sie schließlich nicht.

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    Unterm Mandelbaum am Strand von Grenada entstehen Thierry Pascal Palmblattkunstwerke.
    Unterm Mandelbaum am Strand von Grenada entstehen Thierry Pascal Palmblattkunstwerke.
    Foto: Nicole Mieding

    Am Strand treffen wir Thierry Pascal, der uns das schönste Büro der Insel zeigen will. „Nenn mich ruhig Thierry“, raunt er vertraulich, während er zu „seinem“ Mandelbaum führt. Darunter steht eine Holzbank samt Tisch, an dem Thierry sitzt und Hüte, Körbe und kleine Figuren herstellt.

    Thierrys Geschenk hat den Flug über den Atlantik gut überstanden: Nutmag Nelly.
    Thierrys Geschenk hat den Flug über den Atlantik gut überstanden: Nutmag Nelly.
    Foto: Nicole Mieding

    Die Palmblätter, die er dafür braucht, muss der Souvenirhändler kaufen. „Ich hab eine Lizenz von der Tourismusbehörde, die verhaften dich sonst“, sagt er. „Ich arbeite selbstständig, total unabhängig, bin sogar krankenversichert“, erzählt Thierry stolz, während er die spitzen Blätter der Länge nach spleißt, knickt und dann mit den einzelnen Streifen zu weben beginnt. Sein Handwerk hat Thierry vor 35 Jahren von seinem Onkel gelernt. Heute verdient er sein Geld mit Kreuzfahrttouristen und ist auf die Freizeitindustrie bestens eingestellt. „Meine Hüte lassen sich platt drücken, und wenn du sie daheim auspackst, stehen sie von allein wieder auf“, wirbt er und zeigt ein paar Zahnlücken beim Grinsen. Die Hotelmanager dulden Thierry an ihrem Strand. Vielleicht auch, weil es dank ihm einen kostenlosen Service gibt: Thierry passt auf Taschen und Mobiltelefone auf, während die Touristen schwimmen und er im Schatten sitzt und flicht. Eine andere Arbeit als diese käme Thierry gar nicht in den Sinn. „Gott hat mir dieses Talent gegeben – da muss ich es doch nutzen“, betont er, als er den fertigen Vogel mit langen Flügeln und prächtigem Schwanzgefieder präsentiert. „Schenk ich dir“, sagt er und bittet, ich solle von seinem Geschäft erzählen, das jeden Tag zwischen 10 Uhr und Sonnenuntergang geöffnet ist. Der Versuch, Thierry am nächsten Morgen mit Kamera noch einmal zu treffen, schlägt fehl: Sein Platz unterm Mandelbaum ist leer. Die Kreuzfahrer, die gerade auf die Insel zutreiben, werden unbehütet bleiben. Es ist Sonntag. Da geht der Besuch des Gottesdienstes vor.

    ***

    Der Gottesdienst der Baptisten ist Konzert, Gruppentherapie und öffentliche Beichte.
    Der Gottesdienst der Baptisten ist Konzert, Gruppentherapie und öffentliche Beichte.
    Foto: Nicole Mieding

    In der Grande Anse Baptiste Church fällt die Begrüßung herzlich aus: freundliches Lachen, Handschlag, Vorstellungsrunde mit Handschlag. Es dauert kaum, bis daraus eine Umarmung wird. Zwischen den regulären Besuchern im Sonntagsstatt fallen die Fremden in ihren kurzen Hosen und Flatterkleidchen deutlich auf. Die Frauen tragen Kostüm oder Cocktailrobe, dazu Hüte, die Haare aufwendig frisiert. „Lobet den Herrn!“ – „Halleluja“ schallt es wechselseitig von Kanzel und aus Kirchenbänken, als der Wind durch die geöffneten Fenster und Türen fährt und die azurblauen Vorhänge wie Segel aufbläht. An den Wänden hängen Bildschirme, über die werden nach Bedarf Gebets- und Liedverse eingeblendet: Statt Gesangbüchern gibt es hier eine Karaokemaschine. Eine Band mit Schlagzeuger spielt, und der Gesang der Gemeinde ist derart inbrünstig und von einer Qualität, dass man sich fürs eigene Unvermögen in Grund und Boden schämt. Könnte man doch so hoch singen, so tief glauben! wünscht man sich, während man sich verstohlen eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel wischt und der Pastor an seiner Wasserflasche nippt. Dann fängt er an, sich in Rage zu predigen. Ermahnt erst die Ehemänner, ihre Frauen nicht zu schlagen. Nächster Adressat sind Jugendliche, denen er in einer flammenden Rede versucht, ihre vermeintliche Homosexualität, die des Teufels sei, auszutreiben. Es folgt eine autoritäre Aufforderung an die versammelten Ehefrauen, ihren Männern gehorsame Untertaninnen zu sein. Himmel hilf – wir suchen schnell das Weite. Nicht dass uns nach dem gerade erst erhaltenen Segen doch noch ein Fluch von der Kanzel trifft.

    Nicole Mieding

    Wissenswertes für Reisende

    Anreise: Direktflüge von Frankfurt nach Grenada bietet derzeit nur Condor im Zeitraum von November bis April mit Zwischenstopp auf den Bahamas. British Airways und Virgin fliegen über London, Delta und American Airlines über Atlanta und Miami, wo neben dem Umsteigen oft auch eine zusätzliche Übernachtung fällig wird.

    Reiseziel und Reisezeit: Grenada gehört zu den kleinen Antillen, es herrschen das ganze Jahr über tropische Temperaturen. Am heißesten ist es von Juni bis August. In der Regenzeit von Juni bis Dezember dauern Niederschläge schon mal länger. Auskunft im Internet unter www.puregrenada.com

    Zielgruppe: Grenada liegt außerhalb der karibischen Hurrikanzone, deshalb ist es als Segelrevier besonders beliebt.

    Unsere Autorin ist mit Condor gereist und hat im Maca Bana Villas Luxury Boutique Resort übernachtet. Diese Reise wurde unterstützt von Condor, Dream Yacht Charter und der Grenada Tourism Authority.

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