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    Koblenz

    Trauma durch Einbruch: Koblenzer Ehepaar wurde gleich zweimal Opfer

    Alle zwei Minuten wird irgendwo in Deutschland eingebrochen. Schmuck, Geld und kleine technische Geräte sind die bevorzugte Beute von Einbrechern. Zurück bleiben häufig traumatisierte Opfer. Ein Koblenzer Ehepaar wurde gleich zweimal in einer Woche heimgesucht.

    Foto: DPA

    Ein ganz normaler Tag liegt hinter dem alteingesessenen Koblenzer Gastronomen-Ehepaar. Der Pfingstsonntag 2012 ist ein warmer Tag, ein schöner Tag für Beate und Klaus Müller (Namen von der Redaktion geändert). Bis kurz vor Mitternacht. Denn dann beginnt für die beiden Wirtsleute der Albtraum schlechthin. Ein Albtraum, der bis heute anhält. Nichts im Leben der beiden ist noch, wie es war. Von einer Sekunde auf die andere ändert sich alles.

    Gegen 23.30 Uhr kommen beide nach Hause. Alles ist wie immer. So wie schon Tausende Male zuvor schließt Müller die Haustür seines schmucken Einfamilienhauses am Koblenzer Stadtrand auf. "Hast du die beiden Taschen, die auf der Kommode standen, weggeräumt?", fragt Müller seine Frau. "Ich dachte noch, der macht einen Scherz", sagt Beate Müller später. Von einer ersten Ahnung getrieben, läuft sie ins Esszimmer. Zwei Schubladen sind herausgezogen. Dann der Blick in die Küche, ein Fenster ist geöffnet ... Beate Müller erzählt: "In diesem Moment war uns beiden blitzartig klar: Einbrecher. Mein Mann hat geschrien: Raus, raus ... Wir wussten ja schließlich nicht, ob die noch im Haus sind. Und dann hat er die Polizei angerufen."

    Es müssen Profis gewesen sein

    "Gefühlt unendlich lange" hat es gedauert. Dann kommt die Polizei mit drei Streifenwagen, die Straße vor dem Haus wird abgesperrt. Die Beamten suchen alles ab: den ersten Stock, den Garten. Schließlich die Entwarnung: Sie sind weg. Klaus Müller, sieht es Monate später so: "Meine große Sorge in diesem Augenblick war, dass es oben aussieht wie auf einem Schlachtfeld. Alles durchwühlt, alles zerstört. Aber dem war nicht so." Der oder die Einbrecher "müssen sehr systematisch vorgegangen sein", glaubt er. Und ist überzeugt, dass es sich um echte Profis gehandelt haben muss. Das Paar ist wohl Opfer einer osteuropäischen Bande geworden. Eine Einschätzung, die noch am Abend von den Polizisten bestätigt wird.

    Gestohlen wurden eine wertvolle Uhrensammlung, Bargeld, teure Handtaschen, Schmuck. Darunter allerdings auch "viele unwiederbringliche Erinnerungsstücke" an die Eltern. Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund 150 000 Euro. Abtransportiert wurde die Beute mit einer am Tatort vorgefundenen Reisetasche.

    Klaus Müller versetzt sich gedanklich zurück in den Abend: "Man steht einfach unter Schock, ist wie paralysiert. Wir haben aufgeräumt." Damals außerordentlich wichtig für ihn: Die Einbrecher haben eine kleine Schachtel mit wertvollem Schmuck seiner Mutter übersehen. Er suchte nach beruhigenden Elementen in dieser chaotischen Situation. "Vielleicht aber", so mutmaßt er jetzt weiter, "haben wir sie auch gestört, und sie mussten fluchtartig das Haus verlassen." Eine seiner wertvollen Uhren war beim Uhrmacher: "Gott sei Dank!" Und: "Wir waren so durcheinander, dass wir uns an diesem Abend sogar noch einen Fernsehkrimi angesehen haben. Dann haben wir in aller Seelenruhe in unserem Haus geschlafen." Beate Müller ergänzt: "Die Polizisten haben uns noch an diesem Abend geraten: Tun Sie sich den Gefallen, und denken Sie nicht dauernd über die Sache nach. Aber: Wir haben Wochen - wenn nicht Monate - nur über diese Sache geredet. Du hast einfach eine ungeheure Ohnmacht in dir. Du ziehst dich wie eine Schnecke zurück. Wie konnte das passieren? Warum wir?" Und weiter: "Dich drückt eine ohnmächtige Wut gegen etwas, vom dem du nicht weißt, wie es aussieht. Das macht dich fertig."

    Viele Opfer ziehen um

    "Ja, dieses Phänomen dauert eine ganze Weile, manchmal sogar Monate. Das ist normal", sagt Christine Telser, Diplom-Psychologin an der rheinland-pfälzischen Polizeischule: "Viele Opfer fühlen sich nach einem Einbruch in ihrer Wohnung nicht mehr so geborgen wie vorher. Viele haben Angst, nach Hause zu fahren. Es könnte ja wieder jemand da sein." Häufig ziehen Opfer auch nach einem Einbruch um "und fühlen sich besser". Bei anderen sei eine psychologische Beratung oder sogar eine Therapie erforderlich, ergänzt die Wissenschaftlerin. Vermittelt wird eine solche Hilfe von den Polizeipräsidien im Land, erläutert Joachim Hunsänger, Kommissariatsleiter Eigentumsdelikte im Koblenzer Präsidium.

    Mehr als der materielle Schaden wiegt bei den Einbruchsopfern sehr häufig der tiefe Eingriff in ihre Intimsphäre. Christine Telser erläutert: "Da hat jemand in meinen privaten Sachen gewühlt, das verstärkt die emotionale Belastung." Klaus Müller bestätigt: "Dass jemand in unserem Schlafzimmer und in unserem Bad herumgewühlt hat, das war mir schon sehr widerlich."

    Müller ist sich sicher - und dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Polizei - : "Man muss uns vorher beobachtet haben." Mehrfach aufgefallen ist ihm in den Tagen und Wochen vor der Tat ein Sprinter mit bulgarischem Kennzeichen: "Mindestens fünf- bis sechsmal ist der an unserem Haus vorbeigefahren." Einmal, so glaubt er, hat er einem "dieser Baldowerer" direkt ins Gesicht geschaut. Zwei Männer saßen in einem parkenden Auto unmittelbar vor dem Anwesen der Müllers. "Als ich versucht habe, an das Autokennzeichen zu kommen, sind die blitzartig verschwunden."

    Aufgefallen ist dem Gastronomen, dass diese Fahrzeuge meist Funkantennen auf dem Dach und schwarz getönte Scheiben haben. Müller vermutet: "Die kommunizieren untereinander und hören den Polizeifunk ab." Christine Telser hält eine solche erhöhte Aufmerksamkeit für einen richtigen präventiven Ansatz: "Wenn man jemanden, der andere beobachtet, direkt anspricht, so kann das abschreckend wirken."

    Ein zweiter Einbruch

    Im Fall der Müllers hat diese Abschreckung aber offenbar nicht gewirkt. Auch eine zweite Beobachtung des Gastronomen hat den Einbruch letztlich nicht verhindert. "Es gab in der Zeit vor Pfingsten häufiger Anrufe bei uns mit Rufnummerunterdrückung. Und ohne dass sich jemand gemeldet hat, wurde stets sofort aufgelegt." Der Gastronom ist überzeugt, dass dies Testanrufe waren: "Man wollte herausfinden, wann wir üblicherweise nicht zu Hause sind."

    Kurios? Reiner Zufall? Oder doch nicht ganz zufällig? Genau eine Woche nach dem Einbruch im heimischen Domizil wurde das Lokal der Müllers von einem nächtlichen Einbrecher heimgesucht. Die Beute hier: Eine einzigartige Champagnerflaschen-Sammlung im Wert von 4500 Euro.

    Müller glaubt, dass er auch hier vor der Tat ausspioniert worden ist und dass es sich um eine Auftragsarbeit gehandelt hat. Einen Zusammenhang zur ersten Tat möchte er jedoch nicht herstellen. Zur Beruhigung des Gastronomen-Ehepaars hat dieser zweite Einbruch aber sicherlich nicht beigetragen: "Alles wurde wieder hochgespült." Müller sagt: "Ich finde, dass diese Menschen unverantwortlich handeln. Man ist entsetzt darüber, dass diese Typen einfach daherkommen und alles mit Füßen treten, was einem lieb und wert ist. Die Wut, die man hat, die verallgemeinert man. Man wird insgesamt misstrauischer. Das ist natürlich Unsinn, aber man erwischt sich immer wieder dabei."

    Die Müllers haben sich ihrer Ohnmacht nicht ergeben, sie haben auch gehandelt. Sie haben sich von einem Fachmann im Zentrum Polizeiliche Prävention im Koblenzer Polizeipräsidium beraten lassen. Alle möglichen Schwachstellen am Haus wurden aufgespürt. Es wurde nachgerüstet, eine moderne Alarmanlage installiert. "Die Versicherung hat uns bestätigt, Sie haben das Äußerste getan, was man tun kann", sagt der Gastwirt. Aber die Angst, die Unsicherheit, sie sind weiter präsent: "Das Gefühl bleibt. Es könnte wieder passieren."

    Beide Täter oder Tätergruppen sind bisher nicht ermittelt worden. Wäre das wichtig für die Verarbeitung des traumatischen Erlebnisses? Beate Müller findet: "Ja, es wäre eines meiner schönsten Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr."

    Von unserem Redakteur Edgar Konrath

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