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    Eine Stehauffrau findet in den Job zurück

    Wer die Geschichte von Evelyn Münch erzählen will, der muss zunächst ein Wort erfinden. Es lautet Stehauffrau. Wie der kleine Bruder Stehaufmännchen ist die 60-Jährige ein Mensch, der in ein tiefes Loch gefallen ist und sich dort mit der Kraft ihres eigenen Willens wieder herausgezogen hat.

    Foto: offen

    Diez - Wer die Geschichte von Evelyn Münch erzählen will, der muss zunächst ein Wort erfinden. Es lautet Stehauffrau. Wie der kleine Bruder Stehaufmännchen ist die 60-Jährige ein Mensch, der in ein tiefes Loch gefallen ist und sich dort mit der Kraft ihres eigenen Willens wieder herausgezogen hat.

    Doch die gebürtige Hunsrückerin hat es als Frau geschafft, die in den Statistiken der Arbeitsagentur auch noch als ungelernt, als schwer vermittelbar geführt wird. Wenn so jemand es schafft, dann muss es eine Stehauffrau sein.

    An den Tag, als sie in dieses tiefe, traurige Loch der Arbeitslosigkeit fiel, kann sich Evelyn Münch noch genau erinnern. Vor zwei Jahren wollte sie noch einmal von vorn anfangen, kündigte bei ihrem Arbeitgeber, einer Schule für Erwachsenenbildung, und heuerte bei einer neu gegründeten Firma an. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Noch bevor sie die neue Stelle antreten konnte, wurde ihr gekündigt. "Ich bin der Umstrukturierung zum Opfer gefallen", sagt sie nüchtern. Aber in ihr brodelte es: "Ich war traurig, nicht wütend. Ich habe darüber nachgedacht, warum Menschen so handeln können. Es hilft aber nicht, die Schuld bei anderen zu suchen." Selbst an diesem Tiefpunkt blieb die damals 58-Jährige Optimistin: "Irgendwo in Deutschland wird jemand auf mich aufmerksam werden", sagte sie selbstbewusst zu sich. Es sollte lange dauern: 18 Arbeitslosengeld-Monate und 3 mit Hartz IV.

    20 Jahre auf der Überholspur

    Bis zu diesem Tag vor zwei Jahren ist Evelyn Münch eine Aufsteigerin aus einfachen Verhältnissen. Die Eltern schicken sie zur Hauswirtschaftsschule. Eine Lehre macht sie nicht. Sie punktet nicht mit Abschlüssen. Sie hat eine positive Einstellung, einen festen Glauben an ihr Können. Und sie trifft immer wieder die richtigen Leute, die sie von ihren Fähigkeiten überzeugt. Wie die Tochter eines Juristen, die Evelyn Münch kennenlernt, als die damals 24-Jährige als Buchhalterin in einem Industrieunternehmen arbeitet. So wechselt sie in die Kanzlei des Vaters. Zehn Jahre später lernt sie wieder jemanden kennen. Fortan arbeitet sie bei einer Versicherung. Evelyn Münch lebt mehr als 20 Jahre auf der Überholspur - bis sie arbeitslos wird.

    Als sie ganz tief im Loch saß, da fasste sie einen Entschluss. Sie sagte sich: "Das Arbeitsamt ist mein neuer Arbeitgeber. Dass das Arbeitsamt schlimm ist, stimmt nicht. Es liegt an einem selbst." Doch Optimismus half ihr zuerst wenig. Mehr als 90 Bewerbungen verschickte sie, bundesweit. "Ich wollte einen Job haben, nicht irgendeinen, sondern den einen." Aber nur neunmal bekam sie die Chance, einen Arbeitgeber persönlich von ihren Qualitäten zu überzeugen. Als Evelyn Münch nachfragte, warum sie nicht eingeladen wurde, hörte sie Ausflüchte wie: "Sie passen nicht genau in das Profil." Oder: "Sie können zu viel." Die Langzeitarbeitslose wusste, dass es an ihrem Geburtsjahr lag - 1951. "In 80 Prozent der Fälle war das der Grund, da bin ich mir sicher."

    An der Körpersprache gearbeitet

    Es schockiert sie nicht, es motiviert sie. In Fortbildungen lernt sie, Bewerbungen zu schreiben. "Die hatte ich ja nie gebraucht." Sie arbeitet an ihrer Körpersprache, wird ruhiger. "Man kann etwas dafür tun, dass man strahlt, dass man zufrieden mit sich ist." Ihre Freunde geben ihr Halt. Wie früher ihre Arbeit, organisiert sie sich jetzt ihren Tag. So fällt sie nicht zu tief. Wieder trifft sie auf Förderer, diesmal beim Arbeitsagentur, ihrem neuen Arbeitgeber, dem sie sehr dankbar ist.

    Dann darf sie sich vorstellen als Sachbearbeiterin bei der Schule für Augenoptik und Optometrie in Diez. Die Anzeige liest sie bei Kalaydo.de. Nur eine Teilzeitstelle? Nur eine Schwangerschaftsvertretung? Evelyn Münch ist es egal. Sie fährt nach Diez.

    Die Geschäftsführerin Heidrun Hausen fragt sie, was sie als Erstes täte, wenn sie den Job bekäme. "Das könnte ich am Anfang nur aus meiner Erfahrung bei meiner alten Schule beurteilen. Hier müsste ich ihren Betrieb erst kennenlernen", entgegnet sie schlagfertig. Das selbstbewusste Auftreten der Bewerberin macht Eindruck. Kurz darauf bekommt sie ein zweites Gespräch. Als sie zu früh zu dem Termin kommt, sagt sie zu einer Mitarbeiterin: "Pünktlichkeit hat etwas mit Respekt zu tun." Das bleibt nicht ungehört. Wenig später sagt die Chefin zu ihr: "Sie haben den Job." Sie weint.

    Ein Jahr später: Evelyn Münch, 60 Jahre alt, ungelernt, ehemalige Hartz-IV-Empfängerin, hat mittlerweile eine unbefristete Vollzeitstelle. Ihre Chefin Heidrun Hausen und der Schulleiter Ottmar Hofmann sagen heute über sie: "Für uns war sie ein Glücksfall. Ihre Erfahrung, ihre Ruhe und ihre Leidenschaft für den Beruf waren genau das, was wir gebraucht haben. Nach nur wenigen Wochen hat sie zart die Zügel in die Hand genommen und mittlerweile die Organisation in festem Griff. Qualität ist wichtiger als Alter. Nicht nur beim Wein, sondern auch bei den Mitarbeitern."

    Als Evelyn Münch zu ihrem zweiten Gespräch nach Diez reiste, da hatte sie noch zwei Mitbewerberinnen. Zehn weitere Frauen warteten auf eine zweite Chance. Doch an diesem Tag gab es nur eine Stehauffrau.

    Von unserem Redakteur Christian Kunst

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