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    Vor dem Absprung: Ausländer fürchten das neuen Großbritannien

    Nachdem der erste schwere Schock verdaut ist, beschäftigen sich die Briten vor allem mit der Ungewissheit. Während die Folgen des Brexit für das gesamteuropäische Gefüge unabschätzbar sind, machen sich viele Briten Sorgen, wie es nun weitergehen soll. Der Austritt aus der EU hinterlässt viel mehr als nur eine Bevölkerung, durch die ein Riss geht.

    Großbritannien nach dem Referendum. 
    Großbritannien nach dem Referendum. 
    Foto: Boch

    Von unserem Chefreporter Volker Boch

    Nach der überaus knappen Abstimmung ist nicht viel mehr als ein gutes Bauchgefühl oder etwas geschulte Küchenpsychologie nötig, um eine tiefe Verunsicherung unter den Menschen auszumachen. Gerade die Auswärtigen, die besonders zahlreich in der britischen Hauptstadt leben, sind bis ins Mark getroffen von dieser Entscheidung. Laut dem letzten offiziellen Zensus aus dem Jahr 2011 waren von den damals gut 8,1 Millionen Einwohnern der Stadt rund 37 Prozent nicht in Großbritannien geboren, ein extrem hoher Anteil im Vergleich zum Wert von 13 Prozent für England und Wales insgesamt. Der Zensus zeigte auch, dass mehr als die Hälfte der ins Land gekommenen Bürger innerhalb von zehn Jahren eingereist war. Aus Sicht vieler EU-Gegner hat dies in London unter anderem dazu geführt, dass ausländische Immobilienspekulanten den Wohnungsmarkt zur Explosion gebracht haben.

    In der als Multikultimetropole geliebten Hauptstadt klingt aus den Gesprächen mit Nichtbriten nun heraus, dass viele das Votum gegen die EU auch als Entscheidung gegen die ausländischen Arbeitnehmer und Migranten empfinden. Sie fühlen sich als Londoner, sie leben gern hier, sie lieben die Stadt und ihre weltläufige Offenheit. London ist mehr als eine Millionenstadt, es ist ein kulturelles, politisches, sprachliches und emotionales Epizentrum, in dem sich jetzt die fulminante Wirkung eines wütenden Ausbruchs verbreitet. "Ich weiß nicht, ob viele von uns noch hierbleiben wollen", sagt eine Deutsche, die seit Jahren in London lebt.

    Millionen für das "Raus"

    Es ist ein Schock. 17 Millionen, 410 Tausend und 742 britische Staatsbürger haben für "Leave" gestimmt, für das "Raus" aus der EU. Sie sind damit auch der von vielen als propagandistische Hetze empfundenen Kampagne eines Nigel Farage gefolgt. Eines Mannes, der schon am Tag nach der Abstimmung bei seiner Aussage zurückrudert, dass Hunderte Millionen Pfund, die bisher in die EU geflossen seien, in das Gesundheitssystem eingespeist würden. Auch wenn sie ihren Namen niemals in der Zeitung lesen wollen, haben ausländische Bürger in London schon vor der Bekanntgabe des Ergebnisses erzählt, dass sie in dieser Stadt eigentlich nicht mehr bleiben möchten, falls sich das "Leave"-Lager durchsetzt. Dafür haben sie die weitgehend auf Finanzen und Zuwanderung reduzierte Kampagne der vergangenen Wochen bereits als zu bedrückend empfunden.

    Schottland will in der EU bleiben - und plant ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. 
    Schottland will in der EU bleiben - und plant ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. 
    Foto: AFP

    Von einem spürbaren Rechtsruck ist die Rede, der allzu oft über die Beschreibung konservativ hinausgegangen sei. Die Bewegung gegen die EU hat vielen Angst gemacht. Wie es Deutschland zuletzt bei den Landtagswahlen und in vielen teils erschreckenden Debatten erlebte, hat auch Großbritannien einen Wandel der Diskussionen gespürt. Eine größere Härte könnte mit dem Ergebnis der Abstimmung parkettfähige politische Realität geworden sein.

    Vergiftete Atmosphäre

    "Wenn sie jetzt wirklich aus der EU rausgehen, können wir hier nicht bleiben", sagt eine Rumänin ganz aufgeregt im Bus. Sie ist in ein emotionales Gespräch mit ihrer Sitznachbarin vertieft und erzählt, dass sie längst nicht allein so denkt. Dass sie Sorge vor einer vergifteten Atmosphäre hat. Gerade Arbeitnehmer aus Osteuropa fühlen sich offensichtlich unwohl, obwohl viele Briten betonen, dass gerade die Arbeiter im niedrigen Lohnsektor dringend von außen kommen müssen, weil das System sonst nicht mehr funktioniert.

    Es gibt wohl zwei Lesarten zum Arbeitsmarkt: Die einen denken, dass Ausländer wesentlicher Bestandteil einer funktionsfähigen Wirtschaft sind, die anderen glauben, dass die Auswärtigen den Briten Jobs wegnehmen. Letztere hatten mit der "Leave"-Kampagne eine optimale Chance, ihren Frust zu platzieren. Einen Groll, der eher wenig mit der EU zu tun hat. Auch in den Reihen der hoch bezahlten Londoner Arbeitnehmer gibt es nach dem Referendum große Sorgen. Auswärtige Firmen nutzen beispielsweise weidlich das System des sogenannten Passporting aus, das es im europäischen Wirtschaftsraum problemlos möglich macht, Geschäfte zu tätigen, wenn im Heimatland des Unternehmens dafür bereits Konzessionen bestehen. Gerade in der Londoner City mit ihren unzähligen Unternehmen, Banken und Versicherungen würde ein Wegfall dieser Erlaubnis nicht nur bedingen, dass die Firmen neue britische Erlaubnisse zum Betreiben ihrer (Bank-)Geschäfte bräuchten, sondern diese möglicherweise künftig für ausländische Antragsteller auch restriktiv gehandhabt werden könnten.

    Mancher denkt an Abschied

    In London denkt mancher, der nicht abhängig davon ist, in Großbritannien zu leben, offensichtlich an den Abschied, wie die Deutsche aus dem Süden der Stadt. Mit Familie und Kindern in die Metropole gezogen, gibt der Brexit nicht nur ihr Anlass zur Frage, wie und vor allem wo die familiäre Zukunft sein soll. Das Ergebnis wird vor allem auch deshalb als erschreckend empfunden, weil die Metropole sich so ganz anders präsentiert hat in der Abstimmung als der Rest des Landes. Nur in fünf von 33 Londoner Wahlbezirken haben mehr Bürger für "Leave" als für "Remain" gestimmt. In Islington, dem Stadtteil im Londoner Norden, in dem der schillernde "Leave"-Protagonist Boris Johnson lebt, haben mehr als 75 Prozent für den Verbleib in der EU gestimmt. Ob der mögliche nächste britische Premier vor der Wahl im Oktober aus Gründen der Missstimmung seiner Nachbarn noch einmal umziehen muss? Der Brexit lässt viele Fragen offen.

     

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