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    Die Terror-WG: Wie die RAF-Häftlinge die Justizbeamten schikanieren

    Florian Wujec hat die Türen bis zum siebten Stock nie gezählt. Fünf oder sieben? Der Justizvollzugsbeamte zuckt mit den Schultern. Können auch zehn sein. Hochsicherheitstrakt eben. Stammheim. Zielsicher tasten seine Finger nach seinem Schlüsselbund, der um seine Hüfte klappert. Der Korridor, der sich vor uns öffnet, atmet noch immer den Geist der 70er. So, als sei die Zeit stehen geblieben. Düster, kalt. Linoleumboden. Der Geruch nach Bohnerwachs. Wenn Wujec spricht, hallt seine Stimme von den Wänden wider. Zeitgeschichte aus Stahlbeton.

    Hochsicherheitstrakt Stammheim: Auf diesem düsteren Korridor verbüßen die RAF-Terroristen...
    Hochsicherheitstrakt Stammheim: Auf diesem düsteren Korridor verbüßen die RAF-Terroristen...
    Foto: Leif-Hendrik Piechowski

    Die Glasbausteine am Ende des Ganges sperren selbst die Herbstsonne aus. Zelle 720. Ganz hinten rechts. Kaum mehr etwas erinnert an das Drama, das sich hier vor 40 Jahren abgespielt hat. Da war Wujec ein Kleinkind. Und so wirklich interessiert es den Beamten auch heute noch nicht, was sich hinter der rostbraunen Zellentür am 18. Oktober 1977 zugetragen hat. Das blutige Finale des Deutschen Herbsts. Wujec greift wieder zum Schlüsselbund. „Ich spüre schon, welche die passenden sind“, sagt er. Der Justizvollzugsbeamte muss gleich mehrere Schlösser öffnen, bis die Stahltür aufgeht. Besucher mögen bei dem metallischen Geräusch erschaudern. Ein Mix aus Alcatraz und deutscher Profanarchitektur. Essensklappe inklusive. Für Wujec ist es Routine.

    In der Mitte der Zelle sind Stühle auf einen großen Tisch gestellt. „Unser Schulungsraum“, sagt Wujec. Heute. Vor 40 Jahren sitzt auf den knapp 20 Quadratmetern die Staatsfeindin Nummer eins der Bonner Republik ein. Gudrun Ensslin. Die Gegensprechanlage links neben der Tür ist noch original. Der direkte Draht zur Wachkabine. Wujec drückt mal auf den Knopf: „Zwei Kopfschmerztabletten bitte.“ Klappt noch. Auch wenn die Häftlinge selten so höflich fragen. Rechts neben der Tür frisst sich der Rost durch den Edelstahl des Waschbeckens. Darüber hängt ein schmutziger Spiegel. Auch aus den 70ern. Zwei Leuchtstoffröhren tauchen Zelle 720 in ein milchiges Licht. Die beiden Fenster sind doppelt vergittert. In den Zwischenspalt hat jemand Zigarettenkippen geschnippt. Und sicher nicht daran gedacht, dass sich Ensslin an diesem Gitter mit einem Lautsprecherkabel erhängt hat. 18. Oktober 1977. Die Nacht, in der die Lufthansamaschine „Landshut“ von der GSG 9 in Mogadischu befreit wird.

    Gegenüber liegt Zelle 719. Irgendwann haben sie die Entfernung mal genau ausgemessen. Exakt 4,12 Meter. Rufweite. Wujec öffnet die Tür. Noch ein Schulungsraum. Das gleiche Waschbecken, der gleiche Spiegel, die gleichen Fenster. Auf dem Boden hat Andreas Baader vor 40 Jahren in einer Blutlache sein Leben ausgehaucht. Kopfschuss. Selbstmord. Die Waffe ist im Plattenspieler versteckt. In dieser schicksalhaften Nacht wird sich auch Jan-Carl Raspe erschießen. Zelle 716. Nur Irmgard Möller, die sich mit einem Messer umbringen will, überlebt.

    ...die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl-Raspe (von links) und Irmgard Möller ihre Strafen. Am 18. Oktober 1977 spielt sich im siebten Stock das blutige Finale des Deutschen Herbsts ab...
    ...die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl-Raspe (von links) und Irmgard Möller ihre Strafen. Am 18. Oktober 1977 spielt sich im siebten Stock das blutige Finale des Deutschen Herbsts ab...
    Foto: picture alliance

    Horst Bubeck hat den kollektiven Selbstmord der Stammheimer RAF-Terroristen rechtschaffen verschlafen. Zu Hause im Bett. Schließlich muss er morgens früh raus. Seine Schicht beginnt um 6 Uhr. Es wird der wohl dramatischste Arbeitstag seines Lebens. Ab 7.40 Uhr gehen bei dem stellvertretenden Vollzugsdienstleiter praktisch im Minutentakt die Todesnachrichten aus dem siebten Stock ein. „Du, der Baader hat sich erschossen“, meldet sich der Diensthabende von oben. „Die Ensslin hat sich aufgehängt.“ Auch Raspe stirbt, Möller ist schwer verletzt. „Dass das ein historischer Moment war, ist mir damals gar nicht klar gewesen“, erinnert er sich. Ihn treibt eine ganz andere Sorge um: Wo kommen die Waffen her? „Ist ein Kollege beteiligt?“, fragt er sich. Wie sich später rausstellt, sind sie von einem Anwalt hereingeschmuggelt worden.

    ...Der Justizvollzugsbeamte Florian Wujec öffnet für unsere Zeitung Zelle 720, in der sich Ensslin am Fenster erhängt. Gegenüber in Zelle 719 erschießt sich Baader... 
    ...Der Justizvollzugsbeamte Florian Wujec öffnet für unsere Zeitung Zelle 720, in der sich Ensslin am Fenster erhängt. Gegenüber in Zelle 719 erschießt sich Baader... 
    Foto: Leif-Hendrik Piechowski

    Bubeck ist der Chef der knapp 15 Mitarbeiter, die die RAF-Gruppe bewacht. Und jetzt muss der 44-Jährige handeln, bevor die Nachricht an die Presse durchsickert. Mehr als 20 Anrufe wird er an diesem Morgen erledigen. Anstaltsleiter, Ministerialdirektor, Staatsanwalt. „Der einzige, der ganz ruhig am Telefon blieb, war der zuständige Richter“, sagt Bubeck und lächelt. „Der schrieb gerade an seinem Urteil.“ Das hat sich jetzt erledigt, ein Fall für die Akten.

    Als Bubeck in den Hochsicherheitstrakt eilt, werden gerade die Toten aus den Zellen geschleppt. Die Särge stehen da schon bereit. Sogar drei zu viel. „In der Aufregung wurden die doppelt bestellt.“ Der Chef bleibt hingegen gelassen. „Ich bin nicht gerade in Freude ausgebrochen“, sagt der heute 84-Jährige. Von tiefer Trauer erfüllt ist er allerdings auch nicht. Eher verwundert. „Dem Baader hätte ich keinen Selbstmord zugetraut“, sagt er. „Dazu gehört Mut. Baader war in meinen Augen immer feige.“ Nur Raspe, den er fast schon liebevoll „Raschbe“ nennt, der tut ihm etwas leid. „Unter anderen Umständen hätte ich mit dem vielleicht auch mal in der Kneipe ein Bier getrunken.“ Die übrigen Terroristen hingegen haben sich in den zurückliegenden drei Jahren eher wenig bemüht, Bubecks Mitgefühl zu erwecken. Dessen erster Eindruck von den Häftlingen ist ein Tritt in den Unterleib. „Ulrike Meinhof war darüber verärgert, dass sie gefilmt wurde“, blickt Bubeck an den Tag im Jahr 1974 zurück, als die ersten RAF-Terroristen im Hubschrauber in Stammheim eingeflogen werden. Nicht unbedingt eine vertrauensbildende Aktion. Aber für den erfahrenen Beamten auch nicht wirklich überraschend. „Die meisten Gefangenen kamen nicht gut gelaunt zu uns“, sagt Bubeck schmunzelnd. Berufsrisiko. „Und gegen das, was später kam, war das eigentlich gar nichts.“

    ...Auch Raspe begeht in der Stammheimer Todesnacht in seiner Zelle Selbstmord. Die Waffe hat er in der Fußleiste versteckt.
    ...Auch Raspe begeht in der Stammheimer Todesnacht in seiner Zelle Selbstmord. Die Waffe hat er in der Fußleiste versteckt.
    Foto: picture alliance

    Der Job als Justizvollzugsbeamter im siebten Stock ist ohne jeden Zweifel nicht vergnügungssteuerpflichtig. „Einige waren zuerst stolz darauf, nach harter Auswahl dort arbeiten zu dürfen“, erinnert sich Bubeck. Die Euphorie wird schnell verfliegen. Denn Beleidigungen sind praktisch an der Tagesordnung. Baader ist da der kreativste Kotzbrocken, wenn er, von heftigem Raucherhusten geschüttelt, aus der Zelle schlurft. Bei jeder Gelegenheit wird das Wachpersonal verhöhnt, gedemütigt, beschimpft. Du Arschloch, du blödes. Du Penner. Du Schwein. Ein Kollege, der gerade braun gebrannt aus dem Urlaub zurückkehrt, wird gleich standesgemäß empfangen: „Du glänzt ja wie eine Speckschwarte.“ Da muss selbst Bubeck grinsen. Und Baader schreckt auch nicht vor Drohungen zurück. Einen Beamten blafft er an: „Sei vorsichtig. Ich weiß, du wohnst im Parterre.“ Ein anderes Mal klatscht er einen Teller mit Reis und Tomatensoße aus Wut an die Wand. Die Beamten gehen rechtzeitig in Deckung.

    An der Hierarchie in der Terror-WG besteht kein Zweifel. „Die Unterwerfung ging fast schon ins Perverse“, sagt Bubeck. Baader steht ganz oben in der Nahrungskette – und das im wahrsten Sinne des Wortes. „Der hat als erstes sein Essen ausgesucht, hat sich das beste Stück Fleisch genommen“, erinnert sich der 84-Jährige. „Und erst dann durften sie anderen ran.“ Selbst bei Hungerstreiks wird die Hackordnung eingehalten. „Da war viel Show dabei“, betont Bubeck. „Beim Baader haben wir oft Nahrungsmittel gefunden. Und er hat sich packungsweise Hustensaft bestellt. Da sind ja viele Kalorien drin.“ Das Hungern der anderen. Gudrun Ensslin etwa nimmt die Streiks ernster. Wenn sie per Schlauch zwangsernährt wird, muss sie auf der Trage fixiert werden. „Das war unangenehm“, sagt Bubeck. „Die hat sich wie ein Tier gewehrt.“ Einem Beamten tritt sie mal mitten ins Gesicht. Bubeck versucht zu vermitteln. Meist vergeblich. „Die war die Intelligenteste“, sagt er. „Aber mit der konnten sie kein persönliches Wort reden.“ Und wenn, dann spricht die Frau für Bubeck meist in Rätseln. „Die hat immer so viele Fremdwörter benutzt“, erinnert er sich – nicht ohne Selbstironie. Dann sagt er immer: „Frau Ensslin, zu Deutsch bitte!“

    „Herr Bubeck“ ist er für die Häftlinge nur, wenn sie was von ihm wollen. Und das wollen sie oft. Einmal besorgt er für sie einen Farbfernseher, dann Pflaumenkuchen. Ein anderes Mal fordern sie eine Tischtennisplatte. Wird genehmigt. „Aber wir sollten sie hochtragen“, sagt Bubeck. Als sich das Personal weigert, hat sich das Thema erledigt. Ein Baader schleppt nicht. Die prominenten Häftlinge genießen aber ohnehin jede Menge Privilegien, wie Bubeck aufzählt: Größere Zellen, Fitnesszimmer, Speiseraum, längere Duschzeiten. Dazu Bücher und täglich mehrere Zeitungen. Die Rechnungen zahlen Sympathisanten von draußen. „Die durften sich sogar ihre eigene Fleischbrühe kochen“, empört sich der Pensionär kopfschüttelnd. Und sie sind pro Tag bis zu acht Stunden zusammen.

    Acht Stunden? Und dann auch noch Männer und Frauen? „Das ist bei uns undenkbar“, sagt Florian Wujec. „Wer nicht arbeitet, sitzt 23 Stunden in der Zelle.“ Der Justizvollzugsbeamte schließt eine auf. Ebenfalls siebter Stock. Zehn Quadratmeter Knastalltag, dessen einziger Luxus sich auf einen uralten Fernsehschirm reduziert. Es gibt in Stammheim auch noch Viererzellen. „Da gibt's dann nur eine Schamwand zum Klo“, sagt Wujec. Eigentlich sollte der ganze Komplex längst abgerissen sein. Der Neubau nebenan steht schon. „Aber wir platzen aus allen Nähten.“ Und so wird der Baader-Meinhof-Trakt eben weiter genutzt. Vor der Wachkabine wird die Zeit noch immer digital auf einer großen Tafel angezeigt. Gelb auf Schwarz. Wie in den 70ern.

    Wujec führt uns nach oben. Wir müssen warten. „Da hat gerade ein gefährlicher Gefangener Hofgang“, erklärt Wujec die Pause. Eine Stunde darf er Luft schnappen. „Bei uns sitzt alles vom Dieb bis zum Mörder.“ Dann öffnet sich die Tür nach draußen doch noch. Die Terrasse ist überdacht. Beton oben, Beton unten. Dazwischen Stacheldraht, Kameras und Gitter, an denen schon die RAF-Gefangenen rütteln und sich die Seele aus dem Leib brüllen. Schön ist eigentlich nur die Aussicht. Wissen die heutigen Insassen, wer hier früher seine Runden gedreht hat? „Bei unserer Klientel ist das eher unwahrscheinlich“, sagt Wujec. Nicht nur, weil die Häftlinge in der Regel nur ein eher mäßiges Interesse für Zeitgeschichte aufbringen. „Die Mehrzahl sind Ausländer“, erklärt der Beamte. „Viele verstehen noch nicht mal Deutsch.“

    In Stammheim selbst ist der Mythos also tot. Draußen lebt er hingegen weiter. Isolationsfolter. Abhöranlagen in der Zelle. „Das ist alles eine Mär“, ärgert sich Bubeck. „Die RAF hat da eine sehr gute PR gemacht.“ Und die Anwälte natürlich. Otto Schily hat Bubeck dabei ganz besonders gefressen. „Das war der schlimmste von allen.“ Als ausgerechnet der RAF-Verteidiger Innenminister wird, dreht sich Bubeck der Magen um. „Ich werfe ihm vor, dass er die These der Isolationshaft aufrechterhalten hat.“

    Wenn überhaupt treffe das nur auf die Wochen nach der Entführung Hanns Martin Schleyers am 5. September 1977 zu. Danach werden Dämmplatten vor die Zellen geschoben, um die Kommunikation zwischen den Gefangenen zu unterbinden. „Aber die Zellen sind nicht abgehört worden.“ Den kollektiven Selbstmord habe man also nicht verhindern können, beteuert Bubeck, obwohl sich das Mitleid mit den Toten in Grenzen hält. Auch bei den Kollegen fließen keine Tränen. „Die fühlten sich befreit.“ Mission erfüllt.

    1991 verlässt Bubeck Stammheim – und kehrt nie wieder zurück. Das Kapitel ist abgeschlossen. Und holt ihn doch immer wieder ein. Lange hat er akribisch Akten und Unterlagen zu der Zeit im siebten Stock zusammengetragen. Hat mit einem Autoren ein Buch verfasst. Jetzt hat er alle Dokumente an ein Museum abgegeben. Und er will auch kein Foto mehr von sich in der Zeitung sehen. Im Stuttgarter Norden lebt er aber immer noch. Nicht weit vom Gefängnis. Siebter Stock übrigens. Aber das ist keine Reminiszenz an Stammheim, sondern reiner Zufall.

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