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    Packende Geschichte: Der letzte kalte Krieger

    Er arbeitete für westliche Geheimdienste, spitzelte für die CIA, spionierte für den MI6 – und war einer von Zigtausenden politischen Häftlingen in der ehemaligen DDR. Heute lebt Günter Lorkiewicz (76) am Mittelrhein und fühlt sich bedroht – von einem Staat, den es seit 27 Jahren nicht mehr gibt.

    Günter Lorkiewicz (76) in seiner Wohnung. 
Bis heute fühlt sich der ehemalige DDR-Häftling von der Stasi verfolgt. Zu seinem Schutz hängte er ein Luftdruckgewehr an die Wand.
    Günter Lorkiewicz (76) in seiner Wohnung. 
Bis heute fühlt sich der ehemalige DDR-Häftling von der Stasi verfolgt. Zu seinem Schutz hängte er ein Luftdruckgewehr an die Wand.
    Foto: Sascha Ditscher

    Es war ein harmloser Plausch, aber der Beginn eines Martyriums. Aus der Musikbox dröhnte Schlagerstar Peter Alexander, im „Paule“, einer Spelunke in Berlin-Wedding, die DDR nur eine S-Bahn-Station entfernt. Dort sprach Günter Lorkiewicz ihn an, den 18-Jährigen in Niethose und Lederjacke, der am Tresen stand und den Fuß zum Takt wippte. Sie hörten Westmusik, die Jungs aus dem Osten, unterhielten sich über Geld, schwärmten von Armbanduhren, die sie sich nicht leisten konnten. Was dann geschah, ist bis heute unklar. Doch vier Tage später musste Lorkiewicz wegen des Verdachts auf Militärspionage hinter Gitter, in eine fensterlose Zelle ins „U-Boot“, bekannt als Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen, berüchtigt als Folterknast der Stasi.

    Heute, in Zeiten, in denen der syrische Bürgerkrieg Hunderttausende in die Flucht treibt, Terroristen in Paris Konzertbesucher niedermetzeln und mit einem Lkw in einen Berliner Weihnachtsmarkt rasen, wirken die Verbrechen aus Zeiten des Kalten Krieges wie kalter Kaffee. Doch die Opfer von damals haben nicht vergessen – weil sie nicht vergessen können. Günter Lorkiewicz (76) aus Bad Breisig, dem beschaulichen Kurort am Rhein, ist einer von vielen, die das DDR-Regime gebrochen und bis heute geschädigt hat. Und einer der wenigen, die bereit sind, offen darüber zu sprechen. Er ist das Opfer einer Zeit, in der Geheimdienste aus West und Ost ein Bespitzelungsnetz über das geteilte Deutschland spannten. Wo die einen perspektivlose Jugendliche anwarben und die anderen sie wegsperrten.

    Lorkiewicz überlebte drei Schlaganfälle, besiegte den Krebs, hat einen Herzschrittmacher in der Brust und eine Metallplatte im Rücken. Seit zehn Jahren verbringt er mehr Zeit im Krankenhaus als in seiner Wohnung. Aber seine Gesundheit beschäftigt ihn kaum. Was den Rentner umtreibt, sind durchgeschnittene Bremskabel. Morddrohungen. Eine Rohrbombe, die in seinem Briefkasten detonierte.

    Er kann nichts beweisen – weder die Vorfälle noch seine Vermutung, dass hinter alldem die Stasi steckt. Doch der Mann im Rollstuhl sieht sich bis heute als Staatsfeind der DDR – eines Staates, der seit 27 Jahren nicht mehr existiert. „Vielleicht hab ick ne Macke“, sagt Lorkiewicz in Berliner Dialekt. Doch für den Fall, dass er nicht irre ist, sondern in Gefahr, ist der Rentner vorbereitet: In seiner Wohnung hängt neben dem Fernseher eine Schreckschusspistole, neben dem Bett ein Luftdruckgewehr, neben dem Sofa ein als Taschenlampe getarnter Elektroschocker.

    Paranoia ist seit seiner Festnahme ein elementarer Teil seines Lebens. Fünf Monate nach dem Treffen im „Paule“ saß Lorkiewicz am 23. Januar 1961 auf der Anklagebank am Bezirksgericht in Frankfurt (Oder). Vor ihm ein Wachtmeister, der auf und ab lief wie ein Puma im Käfig, seinen Schlagstock auf den Tisch hämmerte wie Lehrer das Lineal auf die Finger unartiger Schüler. Es war ein Montag, drei Tage nachdem John F. Kennedy sein Amt als 35. US-Präsident antrat, drei Monate, bevor Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum flog, knapp ein halbes Jahr, bevor Walter Ulbricht eine Mauer durch Berlin bauen ließ und die Welt spaltete. Um 17.10 Uhr verurteilte das Gericht Lorkiewicz wegen Militärspionage zu einer fünfjährigen Haftstrafe. So erzählt er es selbst. Und so dokumentieren es auch die Akten der Berliner Stasi-Unterlagen-Behörde. Im Urteil heißt es über ihn: „Die Feinde der Arbeiter- und Bauernmacht hatten ein leichtes Spiel mit ihm. Der Angeklagte Lorkiewicz ist moralisch so tief gesunken, dass er freiwillig zum englischen Geheimdienst ging. Er war bereit, für ein paar Mark alles zu tun, was die Agenten der verbrecherischen Organisation von ihm verlangten.“ Damit ist Günter Lorkiewicz laut Schätzungen des Bundesjustizministeriums einer von 180.000 Menschen, die das DDR-Regime in ihrem 40-jährigen Bestehen aus politischen Gründen einbuchtete.

    Durch Günter Lorkiewiczs Wohnzimmer hallt das Knistern von brennendem Holz. Er sitzt auf seinem roten Sofa, starrt auf sein Kaminfeuer, das keine Wärme spendet, weil es nur ein flackerndes Bild in seinem Fernseher ist. Es hilft ihm zu entspannen, zur Ruhe zu kommen, ihn von seinen Gedanken abzulenken. Seit Jahren leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, ist immer wieder in psychiatrischer Behandlung. Noch heute kämpft er mit Panikattacken und Angstzuständen. Besonders schlimm, sagt er, sind seine Träume: Mal steht er nackt in einer Gummizelle, ein Gefängniswärter rammt ihm die Faust in den Anus, das Blut läuft ihm die Beine herunter. Mal sitzt er in einem fensterlosen Verhörraum, ein Stasi-Leutnant drückt ihm eine Pistole an die Schläfe und brüllt: „Du Nazischwein, sprich! Deine Mutter liegt im Sterben.“ Wenn er schweißgebadet aufwacht, weiß er: Er hat nicht nur geträumt. Er hat sich erinnert.

    Im Arbeiter- und Bauernstaat, der sich auf die Fahne schrieb, die Wurzeln von Krieg und Faschismus beseitigt zu haben, galten politische Häftlinge als Abschaum, als Feinde, die die sozialistische Gesellschaft gefährden. Folter gehörte zu ihren Haftbedingungen wie der Hammer zum Zirkel. Laut einer Studie der Universitäten in Dresden und Zürich litt 2012 noch jeder dritte ehemalige politische Gefangene der DDR unter den Folgen der Haftzeit. 77 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, Opfer von Gewalt gewesen zu sein. 33 Prozent erfüllten die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung.

    In Günter Lorkiewiczs Zelle im „U-Boot“ roch es nach Exkrementen. Sie war im Keller, hatte kein Fenster. Tagsüber durfte er weder sitzen noch liegen. Alle 14 Tage wurde er für zehn Minuten in den Freigangkäfig geschickt. Die Gefängniswärter beschimpften ihn als Nazischwein. Einer von ihnen steckte ihn nach dem Duschen in eine Gummizelle und vergewaltigte ihn. „Die Schmerzen waren unerträglich. Und sie sind bis heute geblieben“, sagt der 76-Jährige.

    Günter Lorkiewiczs Lebensgeschichte war schon früh die eines Sonderlings, lange vor seiner Festnahme, lange bevor er im Gefängnis schikaniert und gefoltert wurde. Als Kind spielte er mit Puppen und schlüpfte heimlich in die Kleider seiner Mutter. Seine Art eckte bei Gleichaltrigen an. Sein Gesundheitszustand katapultierte ihn ins Abseits. Andere Kinder flitzten nach der Schule unbeschwert durch die Straßen, er musste aufgrund einer Herzmuskelschwäche immer wieder ins Krankenhaus. Manchmal für Wochen, manchmal für Monate. Ein Grund, warum er nach der sechsten Klasse die Schule ohne Abschluss verließ.

    Der andere Grund: das Verhältnis zu seinem Stiefvater. 1950 heiratete seine Mutter den Ostdeutschen. Die Familie zog von Berlin ins brandenburgische Melchow – von der Stadt aufs Land, vom Westen in die DDR. Sein Stiefvater akzeptierte ihn nicht als Sohn, Günter Lorkiewicz ihn nicht als Vater. So zog er mit 14 von zu Hause aus, wohnte und arbeitete auf Bauernhöfen, träumte davon, Fleischer zu werden. Doch die Suche nach einer Lehrstelle blieb erfolglos. Den Sündenbock für sein Scheitern fand der Junge im System der DDR. Die Folge: Hass. Hass auf den Stiefvater, wegen dem er im Osten landete. Hass auf seine Mitschüler, wegen denen er nicht mehr zur Schule wollte. Hass auf das SED-Regime, das Jungs wie ihm keine Chance gab.

    Dieser Hass war es, der ihn in die Fänge westlicher Geheimdienste trieb. Über das Wann und Wie gibt es zwei Versionen. Eine davon erzählt der 76-Jährige so: Er ist 17, da arbeitet sein Onkel für ein amerikanisches Textilunternehmen in Westberlin. Als ein CIA-Agent die Angestellten nach ihren Verwandten in der DDR befragt, erzählt der Onkel von seinem Neffen, Günter Lorkiewicz. Der CIA-Agent möchte ihn kennenlernen. Also arrangiert der Onkel ein Treffen.

    Kurz darauf sitzen Lorkiewicz und der Amerikaner mittleren Alters in einem Café an der Berliner Clayallee an einem Tisch. Bei Limonade und Kuchen quatschen sie über Schule, Pferde und Musik. Eine Stunde lang. Danach sieht Lorkiewicz den Amerikaner nie wieder. Doch einen Tag später schenkt ihm sein Onkel einen Fotoapparat und versorgt ihn nahezu wöchentlich mit Aufträgen: Der 17-Jährige soll Kasernen, Wachtposten und Militärfahrzeuge in der brandenburgischen Provinz fotografieren und die Bilder anschließend seinem Onkel übergeben. Der wiederum reicht das Material an den CIA-Agenten weiter.

    Der Junge ist dankbar für diese Aufgabe, dieses Abenteuer, von dem er glaubt, es sei seine Bestimmung. Für die Fotos bekommt er keinen Pfennig. Doch er tut es nicht des Geldes wegen. Er tut es aus Überzeugung: „Ick war der Meinung: Die DDR ist kaputt – sie muss vernichtet werden.“

    Dass er sich mit 18 bei der Nationalen Volksarmee (NVA) bewirbt, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn dadurch erhofft er sich, einfacher Fotos für die CIA machen zu können. Als er als Zivilangestellter im zentralen Armeelager Spechthausen eingestellt wird, ist das ein Hauptgewinn für den Hobbyagenten: „Ick liebte diesen Nervenkitzel.“

    Doch aus Nervenkitzel wird Angst. Nach nur drei Monaten bei der NVA fürchtet er aufzufliegen, flieht deshalb als Flüchtling nach Westdeutschland. Er lässt sich in Bayern nieder, jobbt zunächst als Melker in Neu-Ulm, später als Hilfsarbeiter in Weinried. Doch er vermisst das Abenteuer, den Kampf gegen die DDR. So kehrt er im August 1960 nach Berlin zurück. Dort organisiert sein Onkel im Auftrag des britischen Geheimdienstes ein Treffen mit einem Jugendlichen, der als Reichsbahnangestellter in Ostberlin tätig ist. Lorkiewicz und er sollen künftig zusammen spionieren. Sie lernen sich im „Paule“ kennen, der Spelunke in Wedding. Am 22. August 1960 fährt Lorkiewicz zu der Wohnung des Reichsbahnangestellten – und wird dort von zwei Stasi-Mitarbeitern festgenommen. Er ist bis heute überzeugt davon, dass der Jugendliche kalte Füße bekommen hat und ihn bei der Stasi verriet, um seinen eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

    Bei der Stasi-Unterlagen-Behörde sind seit 1990 mehr als sieben Millionen Anträge zur Akteneinsicht eingegangen, davon 3,2 Millionen von Bürgern. Die Behörde archiviert in Berlin und zwölf Außenstellen mehr als 111 Kilometer Schriftgut. Günter Lorkiewiczs Stasiakten umfassen 804 Seiten. Wiegen sechs Kilogramm. Füllen einen Schuhkarton. Sie dokumentieren 15 Jahre seines Lebens, sind ein Zeugnis deutscher Nachkriegsgeschichte. Für den 76-Jährigen aber sind sie vor allem eine große Lüge. All die Vernehmungsprotokolle, die Anklageschrift, die Urteilsbegründung, die Führungsberichte aus seiner Zeit im Gefängnis, all die Informationen, die das Spitzelorgan des SED-Regimes über ihn gesammelt hat, wecken bei ihm nur Hass. Denn die Akten erzählen eine andere Geschichte von Lorkiewiczs Agentenlaufbahn.

    Demnach prügelt er sich am Abend des 31. August 1959 mit einem Sowjetsoldaten. Aus Angst vor einer Strafe reist er am nächsten Tag nach Westberlin – und begeht damit Republikflucht. Darin sieht die Stasi vorerst keine Gefahr. In einem internen Schreiben heißt es: „Aufgrund seines beschränkten geistigen Niveaus wird er nicht in der Lage sein, eine umfassende Einschätzung der Dienststelle bei feindlichen Zentralen zu geben.“ Wie sich später herausstellt, haben sie Lorkiewicz unterschätzt.

    Denn laut Urteil des Bezirksgerichts Frankfurt (Oder) quartiert er sich im Flüchtlingslager Marienfelde ein und verrät dort den amerikanischen und britischen Geheimdiensten folgende Informationen: Lage des zentralen Armeelagers Spechthausen; Anzahl und Art der Gebäude; Sicherung und Bewachung des Objektes; Anzahl der Wachposten und deren Bewaffnung; die im Objekt untergebrachten Reservelager; einen Teil der medizinischen Instrumente und Geräte; Namen, Dienstränge und Dienststellungen von vier Offizieren.

    Im Sommer 1960 entschließt sich Lorkiewicz laut Stasiakte dazu, zu seiner Familie nach Melchow zurückzukehren. Doch vorher trifft er sich noch einmal am Berliner Olympiastadion mit einem Agenten des britischen Geheimdienstes. Der macht ihm ein Jobangebot, beauftragt Lorkiewicz dazu, Jugendliche aus dem Osten im Ortsteil Gesundbrunnen zu überzeugen, für „den Engländer zu arbeiten“. Das tut Lorkiewicz.

    Anfangs erfolglos. Dann trifft er den 18-jährigen Reichsbahnangestellten im „Paule“. Er fragt ihn, ob er für 400 Westmark im Monat Militärobjekte fotografieren will. Der 18-Jährige willigt ein. Für die erfolgreiche Anwerbung gibt der Agent Lorkiewicz 15 Westmark. Als er vier Tage später versucht, in den Osten einzureisen, wird er festgenommen. Laut der Vernehmungsprotokolle der Stasi, der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft und des Gerichtsurteils hat Lorkiewicz diese Version der Geschichte selbst erzählt – und seine Straftaten gestanden.

    Doch wenn der 76-Jährige das heute hört, schüttelt er den Kopf. Er habe nie gestanden, nichts davon – weil es nicht stimmt. Man habe ihn in den Verhören nie aussagen lassen, ihn stattdessen mit Psychospielchen schikaniert. Er beteuert: „So wie ick’s erlebt hab, ist es wahr.“

    Letztlich spielt es keine Rolle, was Günter Lorkiewicz tatsächlich getan hat. Vielleicht hat die Stasi von ihm ein falsches Geständnis erzwungen. Vielleicht hat er die Stasi belogen, um eine geringere Haftzeit zu erwirken. Vielleicht lügt er jetzt, weil er seinen Beitrag im Kampf gegen das SED-Regime überhöhen will. Fakt ist: Er war fünf Jahre lang inhaftiert.

    Für die Haftzeit erhielt Lorkiewicz 2007 eine Entschädigungsleistung in Höhe von 15 000 Euro. Zusätzlich bekommt er eine Opferrente von 300 Euro im Monat. Seine Wunden heilen kann das Geld nicht.

    Als Günter Lorkiewicz 1964 das Gefängnis verließ, folgten Jahre der Einsamkeit. Zurück in Melchow, galt er als Verräter, als Nazi. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, trank ab und an ein Bier in einer Kneipe. Die meiste Zeit aber war er allein. Heute erzählt er, dass er auch nach seiner Haftzeit immer wieder für den britischen Geheimdienst Aufträge ausführte. Belegen kann er das nicht. Auch in den Stasi-Unterlagen ist davon nichts zu lesen.

    Schwer krank, doch mit den Gedanken in der Vergangenheit – Günter Lorkiewicz (76) in seinem elektrischen Rollstuhl in Bad Breisig.
    Schwer krank, doch mit den Gedanken in der Vergangenheit – Günter Lorkiewicz (76) in seinem elektrischen Rollstuhl in Bad Breisig.
    Foto: Sascha Ditscher

    1984 heiratete er, nicht aus Liebe, wie er sagt, sondern um jemanden an seiner Seite zu haben. Bis heute ist er das, was er sein ganzes Leben lang war – allein. Das Verhältnis zu seiner Frau ist kühl und distanziert. Der Rentner sagt, die Klinikaufenthalte seien für ihn wie Urlaub. Sein Stiefsohn zog 2005 aus beruflichen Gründen nach Bad Breisig, Lorkiewicz und seine Frau folgten ihm. Wirklich wohl fühlt er sich am Mittelrhein nicht. Er vermisst Berlin. Doch ob er will oder nicht, er wird wohl in Bad Breisig bleiben – bis zu seinem Tod.

    Jedes Jahr, wenn sich der Fall der Mauer jährt, gedenken die Deutschen der Opfer des DDR-Regimes. Politiker halten Reden, Medien porträtieren Menschen, die unter der Diktatur gelitten haben. Am Tag darauf aber verblassen die Erinnerungen an die Schrecken der deutschen Nachkriegsgeschichte. Nicht für Günter Lorkiewicz. Er lebt in seinen Erinnerungen.

    Der Rentner erzählt seinen Ärzten bis heute von seiner Zeit als CIA-Agent, berichtet der Polizei von angeblichen Anschlägen und glaubt, die Beamten würden nicht ermitteln, weil ihnen die Sache zu heiß ist. Er sagt Wildfremden, dass er bereut, Walter Ulbricht nicht getötet zu haben, und schimpft am Rande von Wahlkampfveranstaltungen der AfD über die Stasi. Er schrieb per Hand eine Biografie mit dem Titel „Hört auf, mich zu suchen“, weil er glaubt, dass die Stasi noch hinter ihm her ist. Dabei ist er derjenige, der noch immer nach den Namen ehemaliger Offiziere sucht, nach dem Wärter, der ihn vergewaltigte, recherchiert. Ab und an erröten seine blauen Augen und füllen sich mit Tränen. Dann, wenn ihm klar wird, dass er sich in etwas verrannt hat. Er weiß, dass er endlich loslassen müsste. Aber: „Ick kann nicht anders. Was soll ick machen?“

    Eugen Lambrecht

    Das "U-Boot"

    Die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen war eins der wichtigsten Gefängnisse des DDR-Regimes – und zugleich eins mit den grausamsten Praktiken. Die Häftlinge bezeichneten das Gefängnis als „U-Boot“ – weil in den Zellen Tag und Nacht Licht brannte, ständig das Geräusch der Belüftungsanlage hörbar war und die Häftlinge sich „abgetaucht“ fühlten. Dort peinigten Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes in 38 Jahren mehr als 10 000 Häftlinge – die meisten von ihnen wurden aus politischen Gründen eingepfercht.
    Zu den Foltermethoden der Stasi gehörten nächtliche Verhöre, Schlafentzug und Schläge. Im Winter 1946 mussten Gefangene in dem unterirdisch gelegenen Lager- und Kühlraum der ehemaligen Großküche 60 fensterlose Zellen schaffen – und so das Kellergefängnis errichten. Die Kammern waren feucht, unbeheizt und nur mit einer Holzpritsche und einem Kübel für Fäkalien ausgestattet. Heute fungiert die ehemalige Untersuchungshaftanstalt als Gedenkstätte.

    Ein endloser Gang, verrostete Türen, feucht und unter Tage: der Zellentrakt der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Foto: dpa
    Ein endloser Gang, verrostete Türen, feucht und unter Tage: der Zellentrakt der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen.
    Foto: dpa

     

    Die Mauern des „U-Boots“. Die Umgebung des Gefängnisses war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und in Stadtplänen verschleiert dargestellt. Foto: dpa
    Die Mauern des „U-Boots“. Die Umgebung des Gefängnisses war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und in Stadtplänen verschleiert dargestellt.
    Foto: dpa

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