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    Koblenz

    Integration in der Schule: Die Flüchtlingsklasse

    Ob die Integration der Flüchtlinge gelingt, entscheidet sich auch in den Schulen. Zum Beispiel in der Goethe-Realschule plus in Koblenz. In der Klasse 9d sind von 30 Schülern 28 Flüchtlinge. Wie funktioniert das?

    Eine Klasse voller Flüchtlinge – das ist die 9d. Und ihre Klassenlehrerin Nicole Staehle ist mittendrin. Wie funktioniert der Unterricht, wenn erst mal kaum jemand Deutsch spricht?
    Eine Klasse voller Flüchtlinge – das ist die 9d. Und ihre Klassenlehrerin Nicole Staehle ist mittendrin. Wie funktioniert der Unterricht, wenn erst mal kaum jemand Deutsch spricht?
    Foto: Sascha Ditscher
    • „In fünf Jahren möchte ich ...  ein Automechatronikmeister werden“
    • „In fünf Jahren möchte ich ...  Fußballer werden.“
    • „Mein größter Traum ist es, ...  Polizist zu werden das ist mein groß Traum“
    • „Mein größter Traum ist es, ...  Das ich mein Führreichen hat. Das ich ein meister werden.“

    Eine Wäscheleine der Wünsche hängt quer durch den Klassenraum der 9d. Die Wünsche stehen auf gelben Zetteln geschrieben und baumeln neben Fotos lachender junger Menschen, die tanzen, die Fußball spielen, die sich in den Armen liegen. Fast alle von ihnen haben dunkle Haare, ein paar dunkle Haut. Die Schüler der 9d haben die Wünsche zu Beginn des Schuljahres auf die Zettel geschrieben. Viele von ihnen könnten sie heute, Monate später, ohne Fehler aufschreiben, einige auch nicht. Es sind ihre Wünsche an die Zukunft, an ein neues Land, an Deutschland. Es sind Wünsche wie der von Boubacar Barry, 17 Jahre alt, aus Guinea, der unbedingt Fußballprofi werden will. Oder wie der von Milad Zazai, 17 Jahre alt, aus Afghanistan, der nach der Schule als Koch arbeiten möchte. Für wen werden die Wünsche in Erfüllung gehen?

    Die 9d ist eine besondere Klasse an der ohnehin besonderen Goethe-Realschule plus im Koblenzer Stadtteil Lützel. Von den 400 Schülern haben 250 einen Migrationshintergrund. 100 von ihnen sind allein in den vergangenen zwei Jahren an die Schule gekommen – als Flüchtlinge. In der 9d sind sie beinahe unter sich, 28 der 30 Schüler hier sind Flüchtlinge. Die 23 Jungen tragen Namen wie Akram, Mahdi oder Sadou, die sieben Mädchen heißen Tsvetelina, Shrihan oder Zahra. Die meisten kommen aus Syrien und Afghanistan, einige aus dem Irak, aus Guinea, Bulgarien, Pakistan, andere sind staatenlos. Es gibt hier nur eine Anna-Marie, nur eine Schülerin, die in Deutschland geboren wurde.

    Die 9d ist nicht nur eine besondere Klasse, sie ist eine Ausnahmsweise-Klasse, eine Es-ging-nicht-anders-Klasse. An der Goethe-Realschule plus gibt es eigentlich keine reinen Flüchtlingsklassen, es sollte sie zumindest nicht geben. „Eigentlich sind gemischte Klassen besser für die Integration und das Deutschlernen“, sagt Nicole Staehle. Sie ist 45 Jahre alt, hat dunkelbraune, lange Haare, ein kleines Nasenpiercing, ist Konrektorin und einer der zwei Klassenlehrer der 9d. Sie sagt: „Uns blieb nichts anderes übrig.“

    In den vergangenen Sommerferien stand die Schulleitung der Goethe-Realschule plus nämlich vor einem Problem. Es gab so viele Schüler, die die neunte wiederholen mussten, dass sie nicht mehr auf die drei bestehenden neunten Klassen verteilt werden konnten, weil die sonst zu voll geworden wären. Das lag vor allem an den vielen Flüchtlingen. Denn weil viele von ihnen schon älter waren, als sie an die Schule kamen, nämlich 15, 16 oder 17 Jahre alt, sind besonders viele in den neunten Klassen gelandet. Und weil viele erst während des laufenden Schuljahres dazugestoßen sind und niemand Deutsch konnte, mussten die meisten die neunte Klasse wiederholen. Die Schulleitung stand also vor der Entscheidung, alle Neunten aufzulösen, also Klassenverbände, die seit der Fünften zusammengewachsen waren, und dann vier komplett neue neunte Klassen zusammenzuwürfeln, oder eine neue Klasse zu bilden aus denjenigen, die die Neunte wiederholen wollen. Die Schulleitung entschied sich für den zweiten Weg. Seitdem gibt es die 9d.

    Ohne Deutsch geht nichts. Deshalb lernen die Schüler der Goethe-Realschule plus die Sprache in speziellen Kursen – parallel zum normalen Unterricht. Jennifer Retz bringt der 9d gerade bei, was sie beim Arzt sagen müssen. 
    Ohne Deutsch geht nichts. Deshalb lernen die Schüler der Goethe-Realschule plus die Sprache in speziellen Kursen – parallel zum normalen Unterricht. Jennifer Retz bringt der 9d gerade bei, was sie beim Arzt sagen müssen. 
    Foto: Sascha Ditscher

    Ein Donnerstag im Februar, draußen ist es kalt, drinnen zeigt die Uhr 8.35, die erste Stunde hat vor fünf Minuten begonnen. Eigentlich. „Machen wir Einzelunterricht? Wo sind die anderen?“ Frau Retz, 25 Jahre alt, will mit dem Sprachförderunterricht in Deutsch für Schüler der 9d beginnen, aber die meisten fehlen noch. „Unten“, antwortet der Einzige, der da ist, am Eingang oder auf dem Schulhof. Also gehen sie sie holen, fünf Jungen und ein Mädchen sind es heute nur, die Grippewelle geht um, einige sind wohl krank. Das Thema der Stunde passt also: der Arztbesuch.

    Doch kaum angefangen, betritt um 8.48 Uhr noch ein Schüler den Raum. Genau wie um 9 Uhr. Frau Retz, leicht genervt: „Eine halbe Stunde zu spät. Guten Morgen.“ Und um 9.03 Uhr. „Leute, was ist denn hier los?“ Als um 9.10 Uhr noch jemand kommt, wird es Frau Retz zu bunt. „Mehr als eine halbe Stunde zu spät. Da grinst man nicht, sondern sagt was? Ich höre nichts?“ – „Tschuldigung.“ – „Genau.“ – „Ich hatte einen Termin.“ – „Im Bett? Ihr meldet euch nachher bei Frau Staehle.“

    Jennifer Retz ist Studentin, hat lange, dunkelblonde Haare, und wenn nicht gerade jemand zu spät kommt oder den Unterricht stört, lächelt sie fast immer. Sie studiert Englisch und Erdkunde auf Lehramt und ist nun fast fertig mit ihrer Masterarbeit, was ihr ermöglicht, an der Goethe-Realschule plus in Vollzeit Sprachförderunterricht für achte und neunte Klassen zu geben, in Deutsch und in Englisch. Schon seit 2013 hilft sie benachteiligten Kindern und Flüchtlingen beim Lernen. Damals gründete sie den Verein „Koblenz lernt“ mit, der unter anderem an Koblenzer Schulen den Sprachförderunterricht unterstützt.

    „Es ist eine schöne Arbeit, man kann ihnen so viel mitgeben“, sagt Frau Retz. „Wenn sie morgens mit einem Lächeln reinkommen, ist der Tag schon gerettet.“ Frau Retz sagt aber auch: „Das Zuspätkommen ist ein Problem, es ist schwer, ihnen das auszutreiben.“ Und: „Sie brauchen viel Aufmerksamkeit, viel Zuwendung. Weil viele Dinge sie belasten.“

    Frau Retz verteilt DIN-A4-Blätter auf dem Boden, auf die in großen Buchstaben Sätze gedruckt sind, ein Dialog, wie er beim Arzt stattfinden könnte. Jeder Schüler stellt sich hinter ein Blatt und liest es laut vor, wenn er dran ist. „Hallo, waas kann ich fo dich tohn“, fängt jemand an. Die Antwort, kurz zusammengefasst: Der Patient, den es nicht gibt, hat Kopfweh, Fieber und Halsweh und soll deshalb „ahhhhhh“ sagen, was offenbar von Menschen weltweit als Aufforderung zum Mundaufmachen verstanden wird, damit sich der Doktor den Hals anschauen kann. Der schreibt ein Rezept für Kopfschmerztabletten und für ein Antibiotikum, wobei vor allem Rezept und Antibiotikum schwierig sind, nicht für den Patienten, den es nicht gibt, sondern für die Schüler, die sich mit Aussprache und Bedeutung schwertun.

    Frau Retz hilft, sie erklärt Kopfweh, Fieber und Halsweh mit Händen und Füßen und Abbildungen, die sie an die Tafel hängt, sie zeigt ein Rezept herum und sagt, dass ein Antibiotikum ganz starke Tabletten gegen Entzündungen sind. Sie lässt alles ein paar Mal wiederholen, schreibt es an die Tafel, hängt weitere Beschwerden dazu und lässt die Schüler Sätze mit den Wörtern bilden. Als es irgendwann um das Wort Operation geht und darum, was das ist, zeigt jemand seine große Narbe. Nach der Stunde bleiben ein paar Schüler noch kurz da, gehen nach vorn zu Frau Retz und fragen sie etwas zu den Wörtern und Sätzen an der Tafel.

    Die Schüler an der Goethe-Realschule plus nehmen von Beginn an sowohl an der Sprachförderung als auch am normalen Unterricht teil. Auf diese Weise, so glaubt man, bleiben sie motivierter als wenn sie am Anfang den ganzen Tag nur Sprachförderung bekämen. Wer wie viele Stunden braucht, entscheiden die Lehrer immer wieder aufs Neue. Die Kurse laufen parallel zum normalen Unterricht, den sie in dieser Zeit nicht besuchen können. Oft zum Beispiel parallel zum Deutschunterricht, dem sie ohnehin noch nicht folgen könnten, während sie bei Kunst, Sport, aber auch Mathe von Beginn an mitmachen. Wer spätestens im siebten Schuljahr an die Schule kommt, der hat gute Chancen, nachher fast akzentfrei zu sprechen, beobachten einige Lehrer. Allerdings kommen eben viele später.

    Der Sprachkurs bei Frau Retz ist einer von zweien für die Schüler der 9d. Es ist der Kurs mit denjenigen, die noch nicht so weit sind, weil sie noch nicht so lange in Deutschland leben oder weil sie einfach nicht so schnell lernen. Auch Milad aus Afghanistan, der gern Koch werden möchte, ist in diesem Kurs. Der 17-Jährige kam vor sieben Monaten nach Deutschland und mitten im Schuljahr in die 9d. Aus Afghanistan musste er wegen der Taliban fliehen, erzählt er, die hatten seinen Vater bedroht, Geld erpresst, den Onkel getötet. Also geht es mit seinen Eltern zunächst nach Pakistan, dann in den Iran. Als Milad von dort in die Türkei weiterziehen will, sind seine Eltern plötzlich verschwunden, er findet sie nicht mehr, also muss er allein weiter, allein in die Türkei, allein mit dem Boot übers Meer, nach Griechenland, Europa. Milad ist ein zurückhaltender junger Mann, der gern Jogginghose zu seinen Sportschuhen trägt und der sich, wie alle hier im Kurs, noch etwas schwertut, wenn Frau Retz fragt, ob es der, die oder das Bauchschmerzen heißt.

    Es gibt Flüchtlinge, erzählen die Lehrer hier, die sprechen nach zwei, drei Monaten Deutsch, und es gibt welche, bei denen dauert es länger, viel länger mitunter. „Wir haben bei den Flüchtlingen eine Bandbreite von annähernd Analphabeten bis hin zu Schülern, die problemlos aufs Gymnasium gehen könnten“, sagt Ralf Marenbach. Wenn sie denn schon Deutsch sprechen würden.

    Ralf Marenbach ist der Schulleiter der Goethe-Realschule plus in Koblenz-Lützel.
    Ralf Marenbach ist der Schulleiter der Goethe-Realschule plus in Koblenz-Lützel.
    Foto: Sascha Ditscher

    Herr Marenbach ist der Schulleiter der Goethe-Realschule plus. Er ist 56 Jahre alt, trägt seine grauen Locken bis zu den Schultern und auf der Nase eine Brille mit ovalen Gläsern und dünnem schwarzen Rand. Sein Büro sieht nach Arbeit aus, volle Kisten stehen vor vollen Schränken, Dokumente bedecken den Schreibtisch. An einer Wand hängt ein großes abstraktes Gemälde, auf dem Grün dominiert, die Farbe der Hoffnung, an einer anderen Fotos von Schulfesten. Man kann den Raum von zwei Seiten betreten, vom Büro der Sekretärin und vom Büro der Konrektoren aus. Die Türen sind selten gleichzeitig geschlossen, meist kommt irgendjemand von irgendwoher rein und will irgendetwas. Und wenn nicht, dann klingelt das Telefon.

    Dabei ist es im Vergleich zu der Zeit von Herbst 2015 bis Ostern 2016 gerade ziemlich ruhig. Damals kamen teils 200.000 Flüchtlinge in einem Monat nach Deutschland, und bis zu acht davon klopften bei Herrn Marenbach an die Tür, um Schüler der Goethe-Realschule plus zu werden – pro Tag. Es war die Zeit des Improvisierens für ihn und sein Kollegium. Weil sich herumgesprochen hatte, dass das mit den Flüchtlingen an der Schule ganz gut klappt, kamen immer mehr. Die Klassen, die vorher mit rund 20 Schülern recht klein waren, wuchsen und wuchsen, in den meisten Jahrgangsstufen auf bis zu 30 Schüler, mehr geht nicht, sagt man. Und genauso wuchsen die Sprachförderkurse, wo maximal 13 Schüler Deutsch lernen sollten, waren es nun bis zu 25, viel zu viele.

    Dabei hatte die Goethe-Realschule plus in der Flüchtlingskrise einen Startvorteil, wenn man so will. Sie liegt im Koblenzer Stadtteil Lützel, wo überdurchschnittlich viele Arbeitslose leben und fast jeder zweite Bürger einen Migrationshintergrund hat. Ein sozialer Brennpunkt, sagen viele, mit der Goethe-Realschule plus als Brennpunktschule. Es gibt hier schon lange Kinder und Jugendliche, die kein Deutsch sprechen, wenn sie an die Schule kommen, und deshalb gibt es auch schon lange Sprachförderkurse. Man wusste also, wie es geht.

    Nur als die Flüchtlinge kamen, waren es eben schnell zu wenige Kurse, und es dauerte oft vier Monate vom Wunsch nach einem neuen bis dann wirklich die erste Stunde stattfinden konnte, weil das System Schule nun mal in Schuljahren organisiert ist. So erzählt es Herr Marenbach. Die Schülerzahlen werden eigentlich einmal im Jahr abgefragt, daran bemisst sich das Personal. Für eine Situation wie die damalige viel zu träge. „Zwischendurch war das schon sehr spannend“, sagt Herr Marenbach und lächelt. Inzwischen muss er monatlich melden, wie viele Schüler er hat, damit schneller reagiert werden kann. Doch als dieses neue Verfahren endlich installiert war, kamen schon längst nicht mehr so viele Flüchtlinge an die Schule. Heute sind es nur noch vereinzelte. Aber die, die damals kamen, sind eben immer noch da, in der 9d zum Beispiel.

    Kurz vor der Mittagspause geht es um Hitler. In Gesellschaftslehre bei Klassenlehrerin Frau Staehle lernt die 9d gerade, was in ihrer neuen Heimat zwischen 1933 und 1945 los war. Frau Staehle projiziert Fotos an die Wand, eines zeigt eine Rede Hitlers, ein anderes eine Judendeportation, ein drittes Auschwitz. Es geht darum, wie Hitler die Deutschen damals überzeugen konnte. Nämlich dadurch, dass er viel versprochen hat und gut reden konnte, sagt die 9d, auch wenn ihr der Fachbegriff Rhetorik nicht einfällt. Und es geht darum, mit welcher Einstellung die Deutschen in den Krieg gegangen sind. Nämlich in Erwartung, ihn klar zu gewinnen, sagt die 9d. Von wann bis wann der Krieg dauerte, ist in der Klasse kurz umstritten, weil jemand 33 bis 45 statt 39 bis 45 sagt, dafür sind sich aber alle schnell einig darüber, was Blitzkrieg bedeutet.

    Die 9d ist eine lebendige, manchmal laute Klasse. Wenn es Frau Staehle zu viel wird, formt sie mit ihren Händen ein T, das Zeichen für Time-out, Auszeit, es reicht, und nach einigen Sekunden wird es dann tatsächlich ruhiger. Oder sie ruft „Auf Deutsch!“, wenn die Schüler sich mal wieder in ihrer Muttersprache die Aufgaben auf den Arbeitsblättern erklären oder auch etwas ganz anderes. Man braucht an dieser Schule vor allem drei Dinge, heißt es unter den Lehrern: Gelassenheit, Humor und Strenge. Die Schüler haben Struktur nötig, sie brauchen Grenzen, Disziplin, das gilt für alle Klassen. Gerade bei der 9d kommt Fingerspitzengefühl hinzu, weil die jungen Menschen teils mit Kriegstraumata hergekommen sind, das ist etwas ganz Neues. Ansonsten? Eigentlich die gleichen Probleme wie in anderen Klassen auch, sagen die Lehrer, es sind eben Jugendliche. Hier wie dort gibt es Schüler, die sich gut verstehen, und welche, die sich streiten, hier wie dort gibt es die, die Lust haben aufs Lernen, die mitmachen, und es gibt andere, bei denen es gerade nicht so gut passt, die stören oder einfach still sind.

    Boubacar Barry aus Guinea will Fußballprofi werden. Hier ist er im Gespräch mit Anna-Marie, der Einzigen in der 9d, die in Deutschland geboren wurde.
    Boubacar Barry aus Guinea will Fußballprofi werden. Hier ist er im Gespräch mit Anna-Marie, der Einzigen in der 9d, die in Deutschland geboren wurde.
    Foto: Sascha Ditscher

    Boubacar Barry aus Guinea, der unbedingt Fußballprofi werden will und den hier alle nur Barry nennen, ist keiner von den Stillen. Der 17-Jährige könnte vom Körperbau her schon jetzt ein Fußballprofi sein, und auch die Frisur taugt dazu, seine kurz geschorenen schwarzen Locken trägt er an den Spitzen blondiert. Als die Schüler ein Arbeitsblatt bekommen, auf dem auf einer Karte die Überfälle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verzeichnet sind und die Schüler die Ländernamen ergänzen sollen, ist Barry einer der Ersten, die fertig sind. Mit Frau Staehle und einer Handvoll anderen Schülern steht er auf, geht herum und hilft, wem er helfen kann. Er erklärt, dass Jugoslawien früher ein einziger Staat war und es heute mehrere sind, das Gleiche bei der Sowjetunion. Wer alles richtig hat, wird abgeklatscht, High Five, gut gemacht.

    Dabei ist Barry erst seit April 2016 in Deutschland. Sein Heimatland Guinea in Westafrika gilt als eines der ärmsten Länder der Welt, die Vereinten Nationen beklagen immer wieder Menschenrechtsverletzungen, also macht sich Barry allein auf nach Europa, in eine bessere Zukunft. Er reist über Mali, Algerien und Marokko nach Spanien, dann weiter über Frankreich und Belgien nach Deutschland. Neun Monate hat er gebraucht, gar nicht so lange, findet er. Barry ist einer derjenigen, die besonders schnell lernen, ein Musterbeispiel der Integration, erzählt Frau Staehle. Barry selbst erzählt lieber, wie viele Tore er schon für TuS Rot-Weiß Koblenz geschossen hat und bei welchen Vereinen er ein Probetraining machen durfte, bei Mainz zum Beispiel, bei Bochum, Leipzig und Stuttgart.

    Den 23. Juni wird sich Barry wohl trotzdem für die Schule freihalten. Es ist ein besonderer Tag, gerade für die 9d, ein Tag, an dem sich Wünsche erfüllen oder auch nicht. Es ist der Tag der Entlassungsfeier an der Goethe-Realschule plus.

    Zwei Schüler der 9d werden dann nicht feiern können, sie verlassen die Schule ohne Abschluss. Einer von ihnen hat Probleme mit dem Lernen, tut sich schwer auch mit einfachen Aufgaben. Der andere könnte eigentlich besser sein, hat sich aber nicht eingelassen auf die Schule, auf Deutschland. So erzählt es Frau Staehle.

    Auch Milad wird die Entlassungsfeier nur als Zuschauer verfolgen, zumindest in diesem Jahr. Sein Wunsch, Koch zu werden, muss warten. Mit einem weiteren Afghanen, der wie Milad erst im laufenden Schuljahr in die Klasse kam, muss er die Neunte wiederholen, um besser Deutsch zu lernen und seinen Abschluss machen zu können.

    Für den Rest der 9d sieht es besser aus, sie werden den Abschluss schaffen. Fünf haben auch schon eine feste Lehrstelle, oft in dem Betrieb, in dem sie an einem Tag in der Woche ihr Praktikum absolviert haben, so wie es üblich ist an der Goethe-Realschule plus. Für elf Schüler ist der 23. Juni auch nur ein Zwischenstopp, sie werden an der Schule bleiben und mit der zehnten Klasse weitermachen.

    In welcher Rolle Barry den 23. Juni verfolgen wird, steht noch nicht fest. Frau Staehle würde sich freuen, wenn er auch die zehnte Klasse macht. Bei einem großen Autohaus, in dem er schon im Praktikum war, könnte er vielleicht eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beginnen. Barry selbst wäre es natürlich am liebsten, wenn ein Klub anruft und er Fußballprofi werden könnte. Möglich, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.

    Möglich ist aber auch: Das mit der Ausbildung platzt, und Barry darf nicht in Deutschland bleiben, so wie fast 85 Prozent der Asylbewerber aus Guinea im vergangenen Jahr. Er könnte keine zehnte Klasse besuchen und schon gar kein Fußballprofi werden. Sein Asylverfahren läuft noch, so ist es bei den meisten Schülern der 9d. Ihre Wünsche, die an der Wäscheleine in der Klasse über ihren Köpfen baumeln – sie können jederzeit unerreichbar werden.

    Johannes Bebermeier

    Hintergrund

    Das Problem Wie viele Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz die Schule besuchen, wird laut Ministerium in der Schulstatistik nicht erfasst. Erhoben wird nur die Zahl der Schüler mit Migrationshintergrund. Den haben 19 Prozent an allgemeinbildenden Schulen im Schuljahr 2016/2017. Dazu zählen aber unter anderem auch die aus dem EU-Ausland. Allerdings sind in diesem Schuljahr Syrien (6286 Schüler, plus 301 Prozent) und Afghanistan (1994, plus 325 Prozent) auf Platz eins und drei der Herkunftsländer aufgestiegen.
    Die Ballungszentren In den Städten gibt es die meisten Migranten an Schulen. Hinter Ludwigshafen und Mainz folgt Koblenz an dritter Stelle der Rangliste mit 2828 im Schuljahr 2016/2017. Zum Vergleich: 2013/2014, also vor der Flüchtlingswelle, waren es noch 2065.

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