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    Grüne Apotheke: Die heilende Kraft der Pflanzen

    Pflanzen sind der Ursprung der Medizin. Sie stehen in dieser Folge unserer Serie „Heilen mit der Natur“ im Mittelpunkt. Seit Jahrtausenden greifen Menschen auf heilende Kräuter zurück – bis in die heutige moderne Medizin hinein. Doch die sogenannte Phytotherapie hat trotz jahrhundertealter Tradition einen schweren Stand. Warum ist das so?

    Bauchdrücken, Halsweh, Schlafstörungen: Für die kleinen und großen Wehwehchen greifen viele Menschen zur guten, alten Hausapotheke. Ob Fencheltee, Salbeisaft oder Johanniskraut – die Pflanzenheilkunde gehört zu unserem Alltag. Die Lehre von der Heilkraft der Natur ist dabei schon jahrtausendealt. Bereits die Ägypter kurierten mit Salben und Tinkturen Verletzungen und Krankheiten, die Römer brachten einst ihr Wissen über die Kräuterheilkunde über die Alpen nach Deutschland. Und Karl der Große stellte im Jahr 812 die Weichen für eine organisierte Versorgung der Bevölkerung – auch medizinisch.

    Neben Vorschriften zu Dreifelderwirtschaft, Weinbau, Viehzucht und Obstpflege findet sich in dem „Capitulare de villis“, einer Landgüterverordnung, auch eine Liste von Pflanzen einschließlich Heilkräutern und ihrer Nutzung. So sicherte der König eine Ansiedlung der wichtigsten Nutzpflanzen im gesamten Reich. Klöstern kam dabei die Aufgabe zu, das Wissen über die Pflanzen zu sammeln und zu erhalten. Der „Hortulus“, ein Lehrgedicht des Benediktiners Walahfrid Strabo aus dem 9. Jahrhundert, beschreibt in 444 Versen die Zucht und Pflege von 24 Heilkräutern, Küchen- und Zierpflanzen. Aus dieser Tradition erwuchs eine Kultur des Gartenbaus, die bis heute anhält.

    Annähernd jedes Kloster verfügt über einen Nutzgarten – so auch das Kloster Maria Laach (Kreis Ahrweiler). Mehrere Hundert Pflanzen umsorgt das Team der Klostergärtnerei. Matthias Alter, Gärtner und Pflanzendoktor der Abtei, kümmert sich dort mit Herzblut um die Nutz- und Heilkräuter. „In unserem Garten haben wir natürlich die Klassiker, von Salbei über Rosmarin und Thymian bis hin zu Dutzenden Sorten Minze. Aber auch Exoten wie das Afrikanische Basilikum gedeihen bei uns wunderbar“, führt Alter durch sein Reich der Vielfalt. Mediterrane Düfte steigen einem in die Nase, der Anblick sattgrüner Kräuter beruhigt. Viele klassische Küchenkräuter sind auch bewährte Heilkräuter. „Sie wirken auf alle Sinne. Allein das kann heilsam sein“, erklärt Alter, warnt aber zugleich: „Die Dosis macht das Gift, das wusste schon Paracelsus. Schon Minztee kann, wenn er über Wochen literweise getrunken wird, ungesund sein.“ Für den Pflanzenkenner gehören Heilkräuter, wenn sie zur Therapie angewendet werden, in die Hände von Profis.

    In der modernen Medizinlandschaft hat die Phytotherapie zwar einen kleinen, aber festen Platz. Im Jahr 2015 betrug der Arzneimittelumsatz der Apotheken laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes rund 50 Millionen Euro. Pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) sind bei den Deutschen vor allem zur Selbstmedikation bei leichten Erkrankungen wie Erkältungen oder Magen-Darm-Problemen beliebt. „Und die Zahlen der Selbstmedikation werden weiter zunehmen“, prognostiziert Prof. Karin Kraft. Die Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie hat an der Universitätsmedizin in Rostock einen Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde. „Der Arbeitsalltag der Menschen erlaubt keine Krankheitsausfälle. Da behelfen sie sich lieber zunächst mit pflanzlichen Arzneimitteln“, beobachtet die Forscherin. Der Vorteil für die Patienten liegt darin, dass die allermeisten Phytopharmaka nur apothekenpflichtig, aber nicht verschreibungspflichtig seien, also für die Patienten leicht erreichbar, und das liegt laut Kraft daran, dass Phytopharmaka nur sehr wenige und leichte Nebenwirkungen haben.

    Für die Patienten bedeutet das jedoch auch, dass die Kosten für die Medikamente nicht von den Kassen erstattet werden. Das hat der Gesetzgeber 2004 so beschlossen. Manche gesetzlichen Krankenkassen bieten als besonderen Service die Erstattung der Kosten für Naturheilmittel bis zu einem bestimmten Betrag pro Jahr an, doch Mediziner sehen das skeptisch. „Für die Kassen ist das eine Möglichkeit, für sich zu werben. Doch der Entwicklung der Phytotherapie nützt das nichts“, wendet Prof. Kraft ein. „Ab 2004, als die Erstattungsfähigkeit nicht rezeptpflichtiger Arzneimittel, also auch von Phytopharmaka, per Gesetz aufgehoben wurde, haben die Kenntnisse der Ärzte und Therapeuten in diesem Bereich stark nachgelassen“, sagt Kraft. Viele pflanzliche Arzneimittel mussten deshalb vom Markt genommen werden. Die Arzneimittelforschung und klinische Studien seien zudem sehr teuer, das könnten sich die meisten Phytopharmakahersteller nicht mehr leisten. Es gibt in Deutschland kaum Lehrstühle in diesem Bereich, und die meisten sind Stiftungslehrstühle, die um ihre Fortführung kämpfen müssen. „Doch wir brauchen die Forschung, um die über Jahrhunderte tradierte Phytotherapie im Sinne der Patienten weiterzuentwickeln“, beklagt die Medizinerin. Angesichts dieser Lage ärgert es sie, dass Deutschland zwar Mitunterzeichner eines internationalen Strategiepapiers der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2014 ist, das traditionelle Medizin fördern soll, bisher seien aber seitens der Politik keine Maßnahmen zur Umsetzung erkennbar. „Stattdessen gibt es immer mehr Nahrungsergänzungsmittel, die weder Qualität noch Wirksamkeit noch Unverträglichkeit belegen müssen, da sie nicht dem Arzneimittelgesetz unterliegen.“

    Mit diesem Ärger steht Prof. Kraft nicht allein. Dr. Achim Lauer ist Oberarzt an der Hufeland-Klinik in Bad Ems. Die Klinik beherbergt eine von sieben Abteilungen in Deutschland, die Naturheilverfahren auf Kassenkosten anwenden können. Auch er bedauert, dass die Phytotherapie nur einen so geringen Anteil an der gesamten Medizin hat und um ihren Platz kämpfen muss, obwohl er in der Hufeland-Klinik deutliche Erfolge sieht. Zu ihm kommen Menschen, die offiziell „schulmedizinisch austherapiert“ sind: chronisch Kranke, denen die moderne Medizin allein nicht mehr helfen kann – darunter Schmerzpatienten, Menschen mit starken Darm-, Haut- und Atemwegsleiden oder Lymphödemen, aber auch immer mehr Krebskranke. Im Vordergrund steht dabei die nachhaltige Behandlung des Patienten. „Wir reparieren nicht nur, was kaputt ist, wir wollen dauerhaft zur Besserung beitragen“, erklärt Lauer. Auch er wünscht sich, dass die Phytotherapie mehr in den Fokus rückt.

    Dass diese Disziplin immer noch belächelt wird, hat laut Forscherin Kraft auch mit der Historie der Phytotherapie zu tun. Entstanden aus einer Laienbewegung, herrschen auch heute noch viele Vorurteile gegenüber dem Fachbereich. Auch das große Feld der naturheilkundlichen Ausbildung sei voller Lücken. Während die phytotherapeutische Weiterbildung bei Ärzten gesetzlich geregelt ist, wird es bei den Heilpraktikern deutlich unübersichtlicher. Hunderte pflanzenheilkundliche Kurse werden zu Preisen zwischen 500 und 3000 Euro deutschlandweit angeboten, die Kurse dauern von mehreren Stunden bis zu mehreren Monaten mit unterschiedlichsten Abschlüssen von Teilnahmebestätigung bis zur schriftlichen und praktischen Prüfung. Für den Patienten ist es schier unmöglich herauszufinden, ob der Therapeut seiner Wahl ausreichend qualifiziert ist. „Man kann Heilpraktiker nicht per se verteufeln. Es gibt viele, die gute Arbeit leisten. Letztlich werden die Patienten mit den Füßen entscheiden. Der Markt wird sich selbst regulieren“, ist Lauer sicher. Prof. Kraft hingegen sieht es als Aufgabe der Heilpraktiker, den Ruf ihres Arbeitsfeldes zu verteidigen, und fordert sie auf, selbst Standards in Ausbildung und Praxis zur Qualitätssicherung einzuführen. Letztlich entscheidet auch ihrer Meinung nach der Patient. Doch vorweg sieht sie den Gesetzgeber gefordert: mit stringenten Regelungen und einer staatlich finanzierten Aufklärung, die Menschen zu mündigen Patienten macht.

    Marta Fröhlich

     

    In der Phytotherapie kommen Pflanzen zum Einsatz, aus denen Öle, Tinkturen oder Presssäfte, aber auch Fertigarzneimittel zubereitet werden.
    In der Phytotherapie kommen Pflanzen zum Einsatz, aus denen Öle, Tinkturen oder Presssäfte, aber auch Fertigarzneimittel zubereitet werden.
    Foto: Fotolia

    Pflanzenheilkunde

    Phytotherapie gehört zu den traditionellen Heilverfahren, grenzt sich jedoch von Disziplinen wie Homöopathie und Anthroposophischer Medizin ab. In der Phytotherapie geht es um Heilung, Linderung und Vorbeugung von Krankheiten und Beschwerden durch Arzneipflanzen.

    Phytopharmaka werden in zwei Klassen unterschieden: rationale Phytopharmaka, zu deren Anwendung wissenschaftlich überprüfbare Daten wie klinische Studien vorliegen, sowie traditionelle Phytopharmaka, deren Verwendung auf langjähriger Erfahrung basiert. Aktuell sind in Deutschland 1321 Phytopharmaka zugelassen.

    Eine Datenbank zu Heilpflanzen und deren Wirkung finden Sie im Internet unter  www.heilpflanzen-katalog.de
    Phytotherapie

    Wirksamkeit:
    Viele Studien belegen die Wirksamkeit von Pflanzen. Die meisten Erkenntnisse jedoch basieren auf traditioneller Erfahrung.
    Kosten: Der Gesetzgeber sieht keine Kostenübernahme vor. Viele Krankenkassen bieten die Erstattung als Service an.
    Ausbildung: Die ärztliche Ausbildung ist geregelt, der Begriff des Phytotherapeuten ist nicht geschützt. Mehr Infos gibt es auf der Internetseite der Gesellschaft für Phytotherapie unter  www.phytotherapy.org

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