40.000
  • Startseite
  • » Musik & Konzert
  • » Ein vielstimmiges Weihnachtsgeschenk im Advent
  • Aus unserem Archiv
    Koblenz

    Ein vielstimmiges Weihnachtsgeschenk im Advent

    Mit gelungenen Interpretationen des ersten Teild von Händels "Messiah" und Mozarts c-Moll-Messe gelang dem Chor des Musik-Instituts Koblenz gemeinsam mit der Rheinischen Philharmonie eines der besten Chor-Anrechtskonzerte seit Jahren.

    Dirigent eines großen Chorkonzertes: Mathias Breitschaft
    Dirigent eines großen Chorkonzertes: Mathias Breitschaft

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Händels "Messiah" - ganz passend zur Jahreszeit der erste, der weihnachtliche Teil, dazu Mozarts große c-Moll-Messe: ein opulentes Programm für ein Chorkonzert. Aber auch eine nicht risikolose Aufgabe für den Chor des Musik-Instituts, der im dritten Jahr von Mathias Breitschaft geleitet wird. Der langjährige Mainzer Domkapellmeister hat das Traditionsensemble, das die Keimzelle des seit 1808 bestehenden Musik-Instituts bildet, in keinem überragend guten Zustand übernommen - und seit 2014 beharrlich nicht nur an Konzertprogrammen, sondern auch an Grundlagen gearbeitet.

    Trotzdem: Gerade der erste "Messiah"-Teil mit seinen Fugen ist, wenn er denn gut gelingen soll, wirklich nicht vom Blatt zu singen - die doppelchörigen Problemzonen der Mozart-Messe mit ihren harmonischen Prüfsteinen und potenziellen Fallstricken schon gar nicht. Um einen Konzertbesucher in Sitznachbarschaft zu zitieren: "Wir hören uns den Messias mal an ..."

    Der erste Teil des Abends ist verklungen, und nicht nur für den abwartend zum Konzert gekommenen Nachbarn ist klar: "Wir bleiben auch zum Mozart!" Denn: Was der Chor des Musik-Instituts und die Rheinische Philharmonie da anzubieten haben, gehört zweifellos zum Besten, was man seit vielen Jahren an Chor-Anrechtskonzerten gehört hat.

    Zuerst die Rheinische Philharmonie: So, wie die regelmäßige Beteiligung vieler ihrer Mitglieder beim hauseigenen Jazzorchester, dem Rhine Phillis Orchestra, dem ganzen Staatsorchester seit Jahren einen leichtfüßigeren Zugang zu freieren Rhythmen, Jazz und modernen Tänzen aller Art beschert, macht sich auch die Vertrautheit vieler Orchestermitglieder mit Alter Musik im Gesamtorchester bezahlt. Kein trockenes Herunterbeten der Grundsätze einer historischen Aufführungspraxis, sondern ein lebendiges Phrasieren, hohe Flexibilität und eine ebensolche Durchhörbarkeit lassen das Orchester an diesem Abend sehr gut dastehen. Was auch dem Ersten Konzertmeister Kristian Schwertner zu verdanken ist, der souverän den Weg im Blick behält, wenn sich Dirigent Breitschaft gerade intensiver dem Chor widmet.

    Eine starke Leistung des Dirigenten - schon in der Probenarbeit

    Und wie er das tut bei diesem Konzert: Schlackenfrei, federnd leicht, ja vokal leichtfüßig bewegen sich die rund 50 Sänger durch die Koloraturen des "Messiah", ohne ins Schleppen zu geraten, hörbar bis in kleinste Details hinein präpariert, ohne aufdringlich auf diese hinzuweisen. Das gelingt ohne jede Anlaufschwierigkeit: Schon beim ersten Choreinsatz in "And The Glory of the Lord" wird die Glorie nicht lautstark ausgebreitet, sondern freudig besungen - die Stimmgruppen nicht auf Breitklang angesetzt, sondern elegant geführt. Das macht Lust auf mehr - und wird beim nächsten Choreinsatz gleich übertroffen: "And He Shall Purify" gehört zu den Chorstücken, die eine eingebaute Bremse zu besitzen scheinen. Denn sobald eine Stimmgruppe mit ihren Läufen beginnt, neigt sie meist einem Naturgesetz gleich zum Zurücknehmen des Tempos. Doch Mathias Breitschaft weiß das natürlich und hat es sehr gut geprobt: Alles bleibt im Tempo, klingt dabei nicht steif wie ein Uhrwerk, sondern ganz natürlich fließend - und das in einem beachtlichen Tempo. Wo der Dirigent die Punktierung des Anfangsthemas hergenommen hat: Das bleibt womöglich sein Geheimnis bei diesem Konzert.

    Die hohe Messlatte, die dieser Beginn vorgibt, wird im Chor und im Orchester auch nicht mehr gerissen: Der erste Teil des "Messiah" wird dermaßen organisch auserzählt, dass man es wirklich bedauert, nicht das ganze Werk an einem Stück zu hören - aber das wäre eben ein Konzert zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr.

    Bei den Solisten setzt Breitschaft für beide Teile des Abends auf Sänger, die ganz egal, wie groß ihre Stimme ist, diese leicht zu führen in der Lage sind. Da für Mozart ohnehin zwei Soprane gefordert sind, nutzt der erfahrene Dirigent den Luxus, schon im "Messiah" beide zum Einsatz zu bringen: So teilen sich Britta Stallmeister (mit vielbeschworen "engelgleichem" Einsatz, aber schon bald enorme Klangreserven aufzeigend) und Sabine Goetz (mit klar umrissener Tongebung und hochpräzisen Verzierungen) schon das erste Rezitativ - ein zauberhafter Moment. Goetz darf erwartungsgemäß mit der großen "Rejoce"-Arie brillieren, Stallmeister bringt Stimmgewicht und langen Atem im Duett "He shall feed his flock" mit Altistin Ruth Sandhoff ein, die die enormen Registerwechsel der Altpartie im "Messiah" ohne Schaltungsprobleme, mit exquisiten Trillervariationen und ausgeglichener Tongebung versieht. Christian Rathgeber verfügt ohnehin über den schlanken und unverbildeten Tenor, der diesem Stück gut ansteht, Bariton Florian Rosskopp kommt mit den Basstiefen seiner Partie besser zurecht als in der Höhe.

    "Et Incarnatus Est" wird zum Höhepunkt

    Vollständig kommen die beiden Solo-Soprane dann in Mozarts c-Moll-Messe zum Einsatz und auch zur Geltung, die aparten Unterschiede der Stimmen, die doch gut zusammen klingen, ist ein spannendes Erlebnis für sich. Letztlich ist es aber Sabine Goetz, der an diesem Abend die schwierigste Arie zufällt: Im "Et Incarnatus Est", der Schilderung der Geburt Christi, hat Mozart seiner als Solistin für die nie vollendete Messe vorgesehenen Gattin Constanze von Umfang und Schwierigkeiten her etwas wie eine veritable Konzertarie auf den Leib geschrieben. Da Mozart sich stets extrem genau an die Möglichkeiten der ihm zur Verfügung stehenden Künstler orientierte, wissen wir, dass Constanze Mozarts Stimme über einige beachtliche Möglichkeiten verfügt haben muss: Große Intervalle dürfen ihr nichts ausgemacht haben, der Umfang der Stimme war offenbar groß - und ihr Legato, das gebundene Singen über viele Töne hinweg auf einen Atem, scheint beachtlich gewesen sein. All das versieht Sabine Goetz in mit einer souveränen Meisterung all dieser Schwierigkeiten, noch dazu mit viel Gefühl und dem von Mathias Breitschaft exakt und liebevoll verwalteten gemeinsamen Konzertieren mit dem Orchester und den drei Bläsersolisten. Eine Interpretation für den Plattenschrank, wären nicht zwei gehaltene lange Töne der Solistin unter zuviel Druck in die Knie gegangen - doch das schmälert nicht die Ergriffenheit im Publikum, das hörbar mit sich ringt, ob nun ein Szenenapplaus angemessen ist.

    Der beinahe schon sportiven Transparenz des "Messiah" steht die c-Moll-Messe an diesem Abend mit raumfüllendem Klang gegenüber, beides von Chor und Orchester gleichermaßen überzeugend umgesetzt und interpretiert. Dass in den vertrackten mehrchörigen Stellen des "Gloria" die unterschiedlich große Besetzung der Stimmgruppen zum Thema wird - die Tenöre könnten fraglos einige Mitsänger mehr vertragen -, ist nicht zu überhören. Da dies allerdings ein Problem nahezu sämtlicher Chöre ist, hat man sich an dieses Klangbild beinahe schon gewöhnt - was aber als Dauerzustand kein Grund zur Freude wäre.

    Ein kräftiges, auch nach dem umfangreichen Konzert noch unvermindert klares "Osanna" beschließt die Messe dort, wo Mozart sie beendete: Das Publikum dankt mit kräftigem, sehr nachhaltigem Applaus. Und es erhält als Zugabe ein energetisch aufgeladenes, nicht mal ansatzweise verkitschtes "Halleluja", das das "Messiah"-Glück abrundet - und ein Konzert, das als ein wichtiges in der jüngeren Chorgeschichte des Musik-Instituts gelten darf.

    Nächstes Anrechtskonzert des Musik-Institut am 27. Januar mit Werken von Rachmaninow, Liszt und Berlioz, Informationen unter www.musik-institut.de

    Musik & Konzert regional
    Meistgelesene Artikel
    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
    Claus Ambrosius 

    Leiter Kultur

    Claus Ambrosius

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Anke Mersmann

     

    Kontakt per Mail

    Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

    Redakteurin Kultur

    Melanie Schröder

     

    Kontakt per Mail

    Event-Kalender
    Veranstaltungstipps

    Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!