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Frankfurt

"Hassprediger" Sadat predigt unbemerkt weiter

Knapp dreieinhalb Monate hat es gedauert, bis auch die Freien Wähler bemerkt haben, dass im November 2011 die Ausweisungsverfügung gegen den Vorbeter der Enkheimer Abu Hanifa-Moschee, Said Khobaib Sadat, aufgehoben wurde.

Sollte ausgewiesen werden: Said Khobaib Sadat.
Sollte ausgewiesen werden: Said Khobaib Sadat.

Frankfurt – Manche Nachrichten brauchen etwas länger, bis sie den Römer erreichen.

Knapp dreieinhalb Monate hat es gedauert, bis auch die Freien Wähler bemerkt haben, dass im November 2011 die Ausweisungsverfügung gegen den Vorbeter der Enkheimer Abu Hanifa-Moschee, Said Khobaib Sadat, aufgehoben wurde. "Derweil deutsche Soldaten und deutsches Geld in Afghanistan geopfert werden, [...] treibt in Frankfurt ein islamischer Hetzprediger aus Afghanistan sein Unwesen", heißt es in einer Pressemitteilung von Ende Januar.

Dass Said Khobaib Sadat seine Tätigkeit als Prediger in Enkheim wieder aufgenommen hat, bestätigt auch der Landesverfassungsschutz. Unmittelbar nach dem Urteil habe er begonnen, wieder vor den Gläubigen zu sprechen – bislang über rein religiöse Themen.

Die Nachricht überrascht wenig. Es war nie Sadats Taktik, die Füße stillzuhalten. Auch nicht in den vergangenen acht Jahren, in denen die Offenbacher Ausländerbehörde versuchte, den Afghanen abzuschieben. Sadat hat einen beeindruckend langen Weg durch die Gerichtsinstanzen hinter sich. 2004, als die erste Ausweisungsverfügung gegen Sadat und seine siebenköpfige Familie erging, wurde ihm noch vorgeworfen, er hätte in seinen Predigten zur Gewalt aufgerufen. Ein Verdacht, der sich weder in drei strafrechtlichen Ermittlungsverfahren noch im Verwaltungsverfahren klar belegen ließ. 2009 entlastete das Verwaltungsgericht Darmstadt ihn zwar vom Vorwurf des Gewaltaufrufs, urteilte jedoch, dass seine Predigten geeignet seien, zum Hass gegen Teile der Bevölkerung aufzustacheln – was der juristischen Definition von Volksverhetzung entspricht.

Zweifelhafte Ansichten am Nato-Einsatz in Afghanistan

Im Mittelpunkt dieses Urteils standen Sadats Ansichten zum Nato-Einsatz in Afghanistan und seine beständige Kritik an der Regierung Karsai. Sätze wie: "Ich wundere mich, dass man in unserem Zeitalter unschuldige Menschen umbringt und dann sagt, wir haben Taliban getötet. Diese Barbaren des Westens! Diese Mörder der Nato! Diese Feinde der Menschen und der Menschlichkeit!" Es war nicht das erste Mal, dass Sadat mit solchen Parolen aneckte.

1991 nach Deutschland eingereist, war er ab 2001 als Prediger in der afghanischen Ansar-Moschee im Riederwald tätig. 2003 trennte sich die Moscheegemeinde von ihm, weil den Verantwortlichen seine politischen Predigten zu weit gingen.

Sadat, dem selbst seine Gegner beeindruckende rhetorische Fähigkeiten und ein gewisses Charisma bescheinigen, predigte weiter. Ein Teil der afghanischen Gemeinde folgte ihm.

Erst durch Recherchen erfuhr die Öffentlichkeit Mitte 2010, dass Sadat zum afghanischen Kulturverein gehört, der in der Enkheimer Edisonstraße ein Gebäude zur Moschee umbaut. Kurz darauf trennte sich die Gemeinde offiziell von ihm, nur um ihn als Hausmeister weiter zu beschäftigen, wie neuerliche Recherchen zutage förderten.

Im November 2011 schließlich hob der VGH Kassel die Ausweisungsverfügung auf. Sadats Aussagen seien zwar "grob einseitig" und "stark verzerrend" , lägen jedoch unter der Schwelle zur Volksverhetzung, da sich seine Predigten meist gegen die aus seiner Sicht Verantwortlichen für die Misere in Afghanistan richteten, jedoch nicht gegen bestimmte Teile der Bevölkerung. Für alle weiteren Vorwürfe fehlten die "fundierten und belastbaren Tatsachengrundlagen".

Jetzt predigt er vor allem über das Satellitenfernsehen

Seitdem sprechen offizielle Stellen über Sadat vornehmlich im Konjunktiv. Seine Reden seien zwar nicht volksverhetzend, aber hetzerisch, urteilt nach wie vor der Landesverfassungsschutz. Junge Muslime könnten dadurch, auch ohne direkt zum Dschihad aufgerufen zu werden, radikalisiert werden. Nähere Auskünfte könnten aus Gründen des Informantenschutzes nicht gegeben werden. Eine Vorgehensweise, die schon vom Verwaltungsgericht gerügt wurde und ihren Teil zur Aufhebung der Ausweisungsverfügung beigetragen hat.

Welche Rolle Sadat genau im afghanischen Kulturverein inzwischen spielt, ist der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Neben ihm treten regelmäßig Gastprediger in der Moschee in Enkheim auf. Sadat selbst predigt vor allem über das afghanische Satellitenfernsehen und wirbt für Spenden. Wofür diese verwendet werden, steht ebenfalls nicht fest. Danijel Majic

Mainzer Rhein-Zeitung
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