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Koblenz

Vom Poetry-Slam im Circus zum "Süddeutsche"-Magazin: Nadja Schlüter zu Gast in Koblenz

Der Besucherandrang war groß zur Lesung von Nadja Schlüter – wohl auch, weil die nun in München lebendende Autorin aus der Nähe von Koblenz stammt. Die zeigte sich vom großen Interesse in der Buchhandlung Reuffel am Altlöhrtor beeindruckt und fühlte sich geehrt – denn das sei keineswegs selbstverständlich.

Die Autorin Nadja Schlüter ist sich nicht sicher: Vielleicht war ihr erstes Buch auch gleichzeitig ihr letztes Buch.
Die Autorin Nadja Schlüter ist sich nicht sicher: Vielleicht war ihr erstes Buch auch gleichzeitig ihr letztes Buch.
Foto: Buchhandlung Reuffel

Als sie beispielsweise in Chemnitz las, räumt sie pointiert ein, kam niemand. In Koblenz wurden die Autorin (Jahrgang 1986) und ihr Publikum allerdings zum Gutteil Opfer mangelhafter technischer Verstärkung. So stellte Schlüter ihr erstes Buch vor allem den Besuchern der vorderen Reihen vor: „Einer hätte gereicht“ – ein Band mit zehn Erzählungen, in denen Geschwister die Hauptrolle spielen. Ganz nah ans Mikro gerückt, war die Stimme Schlüters in den hinteren Reihen nur schwach zu vernehmen, und auch die Alternative des Lippenlesens entfiel, da die nicht erhöht sitzende Autorin für viele Zuschauer geradezu unsichtbar blieb – flache Hierarchien sind nicht immer gut.

Das aber, was doch zu hören oder später im Buch nachzulesen war, ist eine interessante Mischung aus Alltagssprache und Judith-Hermann-Prosa. Schlüter, die inzwischen als Journalistin für „jetzt“, das junge Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt, begann ihre schriftstellerische Laufbahn nicht im stillen Kämmerlein, sondern auf der Bühne des Circus Maximus, wo sie den Poetry-Slam mitorganisierte. Dieser Hintergrund ist auch in ihren Erzählungen erkennbar: Die meisten Sätze wollen laut gelesen werden, haben einen flotten Rhythmus. Gerade die Situationskomik der Dialoge stellt sich weniger durch die Sprache als durch die Betonung ein. Das ist auch trotz der schlechten akustischen Verhältnisse hörbar.

Nadja Schlüter: „Einer hätte gereicht“, Voland & Quist Verlag, 192 Seiten, 18 Euro

Die Geschichten kreisen vorwiegend um Alltägliches, um Familienzwistigkeiten, kleinere und größere Missverständnisse. In der Erzählung „Die Schweiz“ etwa, die auch den Band eröffnet, vergleicht sich eine Schwester mit drei Brüdern wie die neutrale Schweiz, während sich ihre Brüder permanent gegenseitig bekriegen. Schlüter pflegt einen lakonischen, spröden Stil, der bei ihrem temporeichen Vorlesen eine hübsche Beiläufigkeit erhält. Wenngleich mitunter die Gefahr gegeben ist, dass das Alltägliche ins Belanglose münden kann.

Im Anschluss an die einstündige Lesung kann das Publikum Fragen stellen. Natürlich darf die nach dem autobiografischen Hintergrund der Erzählungen – Schlüter hat schließlich selbst Geschwister – nicht fehlen. Die Autorin lächelt, sie hört die Frage nicht zum ersten Mal. Nein, ein Schlüsselbuch ist „Einer hätte gereicht“ nicht, die Figuren ihrer Erzählungen sind frei erfunden. Schlüter kokettiert dann, dass dies ihr erstes, vielleicht aber auch ihr letztes Buch sein könnte.

Einen guten Grund für die Fortsetzung ihrer schriftstellerischen Tätigkeit liefert ihr ein Mitarbeiter der gastgebenden Buchhandlung. Wenn sie ihr zweites Buch in Koblenz vorstellt, verspricht er, werde der Ton besser sein.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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