40.000
Aus unserem Archiv
Koblenz

Theater Koblenz: Gesellschaftliche Verantwortung als roter Faden für den neuen Spieplan

Claus Ambrosius

Eigentlich ist Markus Dietze keiner jener Theaterintendanten, die Spielzeiten ein Motto voranstellen. Oder besser: ganz und gar nicht. „Ich bin ein erklärter Gegner von Motto-Spielplänen“, betont der Koblenzer Theaterchef im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es ist tatsächlich unsere Aufgabe als städtisches Theater, nicht einem Motto nachzujagen, sondern die Vielfältigkeit, in der sich unsere Gesellschaft zeigt, widerzuspiegeln und aufzufächern.“

Foto: frei/Matthias Ba

Was aber, wenn sich die Gesellschaft mit Vielfältigkeit gerade schwerzutun scheint? Dann kann es passieren, dass ein Spielplan teils wie von allein, dann aber doch auch bewusst so etwas wie einen roten Faden bekommt – wie es in der kommenden Saison 2018/19 am Theater Koblenz der Fall ist. Denn da geht es eindeutig immer wieder um das Thema Verantwortung.

Fragen von Schuld und Moral

Ob in John Adams' Oper „Dr. Atomic“, die rund um die Zündung der ersten Atombombe spielt und die Frage stellt, ob es so etwas wie einen „sauberen Start“ in das Atomzeitalter hätte geben können – und inwieweit der Wissenschaftler, der eine bahnbrechende Erfindung für Massenvernichtungswaffen nutzbar macht, moralisch anfechtbar wird. Und Verantwortung ist natürlich das Kernthema, das ganz exemplarisch in William Shakespeares Schauspiel „Maß für Maß“ sprichwörtlich und auf vielen Ebenen verhandelt wird.

Eigentlich hatten Markus Dietze und sein Team für die anstehende neue Saison ein anderes Stück Shakespeares im Auge gehabt: „Aufgrund der aktuellen gesellschaftspolitischen Situation haben wir uns für ,Maß für Maß' entschieden. Die Verhandlung von Moral als Kriterium für politisches Handeln: Das ist einfach topaktuell.“

Das Hinterfragen von individueller und der gesamtgesellschaftlicher Verantwortung ist in vielen Stücken des Spielplans zentral: „Das hat sich logisch ergeben, wir stehen als Theater ja nicht außerhalb der Welt. Es ist ein Spielplan, der etwas mit der Frage zu tun hat: In welchem Maße ist der Einzelne verantwortlich für das, was in der Gesellschaft geschieht. Gerade in der heutigen Zeit, in der viele das Gefühl haben – und teilweise ist das ja auch so –, übergeordneten Entwicklungen ausgeliefert zu sein, stellt sich oft die Frage: Sind wir dadurch der Verantwortung für die Gesellschaft entbunden? Und dazu sagt das Theater schon immer: Nein! Dass es trotzdem Verantwortung jedes Einzelnen bleibt, einen Beitrag zu leisten, kommt in sehr vielen Stücken der neuen Spielzeit vor – sogar in der ,Kleinen Hexe'“.

Dazu passt auch ein Schauspiel, das so neu ist, dass es noch gar nicht ins Deutsche übersetzt ist – „Moskitos“, ein Stück der jungen englischen Autorin Lucy Kirkwood, das in diesem Jahr einen großen Erfolg in London feierte. Eine Geschichte rund um eine Physikerin am Kernforschungszentrum Cern und ihre Familie – und letzten Endes die Frage danach, was die Welt zusammenhält. Dietze ist stolz darauf, die deutschen Aufführungsrechte für Koblenz bekommen zu haben – und mit Tobias Wellemeyer, derzeit noch Intendant am Hans-Otto-Theater Potsdam, dafür auch einen prominenten Gastregisseur begeistert zu haben.

Verdis „Troubadour“ Open Air

Für die Musical-Sparte kehrt die Regisseurin Anja Nicklich nach Koblenz zurück, die dort zuletzt mit denkbar unterschiedlichen Stücken wie „My Fair Lady“ und „Tosca“ im Großen Haus sowie „Carmen“ auf der Festung erfolgreich war. In der kommenden Spielzeit wird sie „The Black Rider“, die berühmte „Freischütz“-Adaption von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs, auf die Bühne bringen. Und es zieht die Regisseurin auch wieder unter den freien Himmel: Nachdem die Produktion von Georges Bizets „Carmen“ auf der Festung Ehrenbreitstein in diesem Jahr bewies, dass dort auch eine Oper reges Zuschauerinteresse finden kann, nimmt sich Nicklich im Sommer 2018/2019 – im kommenden Jahr wird das Musical „Chess“ gezeigt – in den Festungsmauern den „Troubadour“ Giuseppe Verdis vor. Eine von „vielleicht fünf Werken“ der Opernliteratur, so Dietze, die sich für die besondere Atmosphäre auf der Festung ganz besonders eignen.

Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

Weitere Infos zum Spielplan der kommenden Saison unter www.theater-koblenz.de

Oper: Tanz auf dem Atompilz

Foto: Matthias Baus

Anders als Schauspiel und Tanz ist das Musiktheater bei der Saisonplanung allein schon wegen des meist Aufwands überwiegend ans Große Haus gebunden. Während sich die anderen Sparten also leichter auf kleineren Spielstätten vielseitig zeigen können, ist die Anzahl von Opernproduktionen pro Saison endlich – und gerade in dieser Hinsicht zeigt das Theater Koblenz 2018/19 eine besonders glückliche Hand in der Auswahl. „Für jeden etwas dabei“ klingt schnell nach „buntem Blumenstrauß“ oder gar „Kraut und Rüben“ – deswegen eher: Das Leitungsteam mit Intendant Dietze, Chefdirigent Enrico Delamboye und Operndirektor Rüdiger Schillig deckt viele Epochen ab, und das mit Repertoire-Evergreens wie auch Überraschungen. Den Start mit Rossinis Aschenbrödel-Oper „La Cenerentola“ inszeniert Alfonso Romero Mora, der von seiner Sicht auf Mozarts „Figaro“ in Koblenz in bester Erinnerung ist.
Ein Repertoireschlachtross, wohl aber trotzdem handfeste Überraschung ist Kálmáns „Csárdásfürstin“ – immerhin gilt der Koblenzer Intendant nicht gerade als Operettenfanatiker. Vom Tanz auf dem Vulkan – die Csárdásfürstin schmetterte ihr „Hurra, wir leben nur einmal“ mitten im Ersten Weltkrieg – geht es wie in der Vorsaison mit Marschners „Vampyr“ wieder auf Ausgrabungsexpedition zur deutschen romantischen Oper, diesmal mit Louis Spohrs „Faust“, einer Variante des bekannten Stoffs ohne Gretchen, dafür mit reichlich entdeckenswerter Musik. An John Adams' spannende Oper über den Erfinder der Atombombe, „Dr. Atomic“, von 2005 wagt sich Koblenz als gerade mal drittes deutsches Theater, und nach der Beschäftigung mit dem in jeder Hinsicht großformatigen „Peter Grimes“ in der vorigen Spielzeit widmet sich die Oper dann erneut Benjamin Britten, diesmal der für ein Kammerensemble und eine Schar spielfreudiger Sänger geschriebenen Komödie „Albert Herring“ (in deutscher Sprache).

Schauspiel: Checkliste Stückauswahl

Foto: Matthias Baus

„Woyzeck“ als Klassiker der Dramenliteratur, Goldonis „Diener zweier Herren“ als ebenso klassischer Vertreter der Gattung Komödie, „The Black Rider“ als – neuer – Klassiker des hintergründigen Musicals, „Moskitos“ schließlich als Neuentdeckung aus der Londoner Theaterszene: Klingt nach, wie es schon der Titel des ebenfalls für diese Spielzeit ausgewählten Shakespeare-Stückes verrät, einer Saisonplanung der Marke „Maß für Maß“. Dabei ergibt sich die Auswahl aber keineswegs aus einer Formel, sondern aus einer ganzen Reihe von Faktoren – betrachten wir einige davon am Beispiel der Schauspiel-Saisoneröffnung.
Als Markus Dietze mit Beginn der Saison 2009/10 sein Amt als Koblenzer Intendant antrat, tat er es in der Opernsparte mit dem sprichwörtlichen Paukenschlag: „Wozzeck“ von Alban Berg zeigte auf der Bühne – und im Orchestergraben unter Leitung des neuen Chefdirigenten Enrico Delamboye – auf, wo die Reise unter seiner Leitung hingehen könnte. Im September 2018 startet die Schauspielsparte mit dem Dramenfragment „Woyzeck“ von Georg Büchner. Musste da eine Schamfrist verstreichen?
Keineswegs, so Dietze: „Das ist nicht der Grund. Obwohl man gerade in einer länger andauernden Intendanz nicht möchte, dass sich Sachen im Wege stehen.“ Die Zeit ist eher grundsätzlich wieder reif für „Woyzeck“: „Einmal wollen wir gern Stücke zeigen, die im Schullehrplan eine wesentliche Rolle spielen.“ Dies trifft auf „Woyzeck“ vollends zu.
Zudem sagt Dietze: „Die Auswahl von Stücken dreht sich immer auch darum, dass die Zeit stimmen muss – und die ist nun leider wieder so, dass wir uns fragen: Was ist mit den Ausgegrenzten in unserer Gesellschaft, wie steht es um Machtverhältnisse?“ Und ein weiterer Faktor für die Auswahl ist: „Es kann ein Grund sein, zu sagen: Jetzt habe ich genau die passende Besetzung. Oder einen Regisseur oder eine Regisseurin, die darauf richtig Lust hat.“ Beides dürfte zutreffen.

Ballet: Näher am "Nussknacker"

Foto: Matthias Baus

Wenn das allzeit beliebte „Nussknacker“-Ballett bisher auf der Liste der Wunschwerke des Koblenzer Ballettchefs nicht gerade oben stand, hat das keineswegs mit der wunderbaren Musik Tschaikowskys zu tun, sondern eher damit, dass das Ballett in der Erzählung der Bearbeitung folgt, die Alexandre Dumas zu E.T.A. Hoffmanns Märchen „Nussknacker und Mäusekönig“ verfasst hat. „Da bleiben immer viele Fragen offen“, erklärt Steffen Fuchs: „Deswegen wollen wir uns an mehr an das ursprüngliche Märchen halten, das beispielsweise erklärt, wie der Nussknacker eigentlich zum Nussknacker wurde.“
Dabei ist klar: Natürlich werden die großen beliebten Musiknummern sämtlich zu erleben sein, auch die Handlung erzählt mit märchenhaften Anteilen eine Geschichte für die ganze Familie – es soll eben mehr „Nussknacker und Mäusekönig“ enthalten sein als gewohnt.
Als zweite große Produktion der Spielzeit 2018/19 widmet sich das Ballett in einem Abend ohne übergeordnete Erzähltstruktur zwei großen Meistern der sakralen Musik: „Wir haben auf der einen Seite Musik von Arvo Pärt“, kündigt Steffen Fuchs an. Dabei hat er sich bewusst nicht für die Werke wie „Tabula Rasa“ oder „Spiegel im Spiegel“ entschieden, die schon mehrfach von Choreografen verwendet wurden, sondern für das „Miserere“, das „Salve Regina“ und für die Motette „Es sang vor langen Jahren“. Fuchs freut sich schon sehr darauf, für diesen Abend auch wieder mit der Rheinischen Philharmonie samt dem Opernchor zusammenarbeiten zu können.
Und mit Johann Sebastian Bachs berühmter Chaconne, für Klavier bearbeitet von Ferruccio Busoni, und einer Orchestrierung der sechsstimmigen Fuge aus dem „Musikalischen Opfer“ Bachs durch Anton Webern kehrt Fuchs zu einem Komponisten zurück, mit dem er sich in den vergangenen Jahren immer wieder ertragreich auseinandergesetzt hat.

Kultur
Meistgelesene Artikel
Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik
Claus Ambrosius 

Leiter Kultur

Claus Ambrosius

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Anke Mersmann

 

Kontakt per Mail

Ihre Fragen, Hinweise oder Kritik

Redakteurin Kultur

Melanie Schröder

 

Kontakt per Mail

Anzeige
Event-Kalender
Veranstaltungstipps

Sie haben einen Veranstaltungstipp für uns? Hier geht's zum Formular!