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Wien

Tatort-Kritik: Gegen den Rausch der Wörter

Um mit etwas Positivem zu beginnen: Da ist diese Szene nach knapp einer Stunde des neuen „Tatorts“ aus Wien, in der sich das Potenzial erahnen lässt, das die ORF-Krimis mit Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) haben. Eine Vernehmung ist Eisner zu nahe gekommen, er versteht die Welt nicht mehr. Und Fellner? Hört zu, guckt, und bringt ihn wieder in die Spur.

Moritz Eisner und Bibi Fellner bekommen im neuen „Tatort“ eine Menge zu hören.  Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican
Moritz Eisner und Bibi Fellner bekommen im neuen „Tatort“ eine Menge zu hören.
Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Ein dahin geworfener Kommentar, eine neckende Geste, und dann stehen die beiden Händchen haltend beieinander – zwei, die wissen, was sie aneinander haben, und aufeinander aufpassen, ohne dass sie groß Worte darum machen müssten.

Hilko Röttgers
Hilko Röttgers

Unser Redakteur Hilko Röttgers hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: Der Worte sind zu viel gewechselt, da hätt’ ich lieber Taten gesehen.

Der Rest des „Tatorts“ neigt dafür umso mehr zum Dozieren. Das liegt unter anderem daran, dass die Handlung im Umfeld der Universität spielt. Der Student David Frank hat seine Eltern entführt und droht per Livestream im Internet, zuerst sie und dann sich selbst an einem geheimen Ort zu töten. Wortreich erklärt er seine Motivation. Ein Hinweis führt die Ermittler zu Sarah Adler, die an der Uni Seminare zur Frage hält, warum junge Menschen zu Amokläufern werden. Möglich, dass es an dem Druck liegt, unter dem die junge Generation steht, jedenfalls wird darüber ausführlich debattiert – mit Sarah Adler, mit den Kriminalpsychologen, die die Ermittler unterstützen, mit Eisners Tochter Claudia, die in diesem „Tatort“ (Buch/Regie: Rupert Henning) einen Nebenplot bekommt.

Foto: frei

Außerdem schaltet sich der Verfassungsschutz in die Ermittlungen ein – vielleicht hat David Frank Kontakt zu radikalen Aktivisten –, und dessen Mitarbeiter sagt Sätze wie: „Ist die Frage gestattet, wozu im Ministerium über Jahre Richtlinien für die organisationsübergreifende Lagebewältigung erarbeitet werden, wenn der Leiter der BAO dann im Ernstfall die systemimmanente Anwendung der Führungsgrundsätze boykottiert?“ BAO steht übrigens für Besondere Aufbauorganisation, aber das war dem Verfassungsschützer wohl zu sperrig. Am Ende werden dann noch Berthold Brecht und Albert Einstein zitiert, das hilft dann auch nicht mehr.

Was nach dem Abspann bleibt, ist die vage Ahnung, dass dieser „Tatort“ vielleicht sogar etwas zu sagen hatte. Schade, dass er einem das Zuhören so schwer macht.

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