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    Tatort Abschiebung: Wie routiniert Biografien brechen

    Das Schauspiel „Deportation Cast“ von dem Koblenzer Björn Bicker fächert am Theater Koblenz auf, wie ein Verwaltungsakt alles und jeden in Bewegung setzt.

    Ian McMillan ist nicht der einzige Antiheld auf der Bühne: In „Deportation Cast“ scheitern Existenzen. 
    Ian McMillan ist nicht der einzige Antiheld auf der Bühne: In „Deportation Cast“ scheitern Existenzen. 
    Foto: K. Dielenhein/Theater Koblenz

    Diese Bilder haben sich eingebrannt: Schüler in Nürnberg ringen mit der Polizei, um die Abschiebung ihres Mitschülers zu verhindern. Der Fall sorgte vor wenigen Monaten für Aufregung, weil der zivilgesellschaftliche Widerspruch gegen einen bürokratischen Verwaltungsakt plötzlich mehr als deutlich wurde. Den Koblenzer Björn Bicker inspirierte die Thematik Abschiebung bereits vor Jahren zu einem Theaterstück. 2012 wurde er für „Deportation Cast“ mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis ausgezeichnet. In der Regie von Olga Wildgruber ist das Schauspiel nun am Theater Koblenz zu sehen.

    Die Herausforderungen der Stückvorlage hat Wildgruber dabei treffsicher pariert: Vier Schauspieler geben zwölf Rollen – das kann zur Verwirrungsleistung reifen und angesichts des Rollenkonvoluts einer sublimen Lesart die Absage erteilen. Deutlich schält sich in gut zwei Stunden jedoch heraus: die emotionalen Verwerfungen, die Risse, die Lebenswege von jetzt auf gleich durchtrennen, setzen die Akzente inmitten hoher Dynamik.

    Schon das Bühnenbild von Franz Gronemeyer zeigt: Geht es um Abschiebung, ist alles in Bewegung. Jedes Kulissenbruchstück ist mobil – seien es ein Fahrrad, ein Betonmischer, Rollkoffer oder Tragetaschen, selbst der Drehstuhl im Büro des Anwalts. Und auch die Zuschauer sitzen in diesem Chaos etwa auf Klappstühlen, jederzeit im Begriff, die Spielfläche zu räumen.

    So wie Egzon, seine Schwester Elvira und deren Eltern. Die Roma-Familie lebt auf Basis einer Kettenduldung Jahre in Deutschland, bis die Ausländerbehörde sie in den Kosovo abschiebt. Nicht nur sie schildern, welches menschliche Drama ein Prozess gemäß der Vorschriften in Gang setzt – zu Wort kommen unter anderem auch der Anwalt der Familie, der Pilot, der die Maschine nach Pristina im Kosovo fliegt, die Lehrerin, die Sachbearbeiterin und der Arzt. Kenntlich werden die Figuren durch Requisiten, die die jeweilige Rolle transparent zeichnen. Ihr verbindendes Element: Alle sind ständig auf der Bühne, jede Figur ist immer Teil des Geschehens, auch wenn sie gerade nicht aktiv in Erscheinung tritt. So werden Abschiebungen zum mustergültigen Ablauf – solange alle Beteiligten funktionieren und ihre Rolle beherrschen. Nicht umsonst fällt ein Satz immer wieder: „Jeder spielt seine Rolle. So gut er kann.“ Die Bühne wird zum Tatort einer kollektiven Abschiebungszeremonie, deren Stränge ergründet werden, in der die Motive aller Handelnden wie unter dem Brennglas analysiert werden.

    Infos und Karten unter Tel. 0261/129 28 40 und online unter www.theater-koblenz.de

    Mit einer großartigen Ensembleleistung gelingt es Marcel Hoffmann, Dorothee Lochner, Ian McMillan und Laura Bleimund, die Spannung in diesem unausweichlichen Reigen der Rollenwechsel zu halten. Beachtlich, wie sie diesen Kraftakt gemeinsam meistern. Auch weil sie selbst auf ihren Nebenschauplätzen so gut wie nie zur Ruhe kommen. Momente des Stillstands kehren vor allem in der ersten Stückhälfte nur dann ein, wenn die Erzählung in emotionale Tiefenebenen kippt, der Vater etwa versucht zu ergründen, warum sein gerade einmal 14-jähriger Sohn mit einer posttraumatischen Belastung kämpft, die ihn auffrisst – eine gute Akzentuierung der Momente seelischer Zerrreisproben.

    In dieses Rollenschema fügt sich jeder. Manche sind obenauf, blicken auf einer Rampe stehend auf das Geschehen herab, die anderen unmittelbar Betroffenen werden hingegen immer unten bleiben. Ihrem Schicksal wird eine zusätzliche Kommentarebene eingeflochten – Hashtags aus sozialen Netzwerken betiteln die Szenen ironisch: Da prangt etwa „Aufschrei“, wenn vermutet wird, Tochter Elvira würde sich prostituieren, um etwas Geld für die Familie zu verdienen – das Schlagwort für den Austausch von Sexismuserfahrungen im Internet. Und Ironie scheint auch durch, wenn Angela Merkels Parole „Wir schaffen das“ den Tod des jungen Egzons überschreibt, gefolgt von „Kein Mensch ist illegal“. Selbst Details wie die T-Shirt-Aufschrift „Take Me to the Ocean“ erlaubt Bezüge – etwa zum Mittelmeer, das bereits Hoffnungen Tausender Menschen auf eine bessere Zukunft unter sich begraben hat. Deutlich wird: Bickers Stoff durchwirkt die Gesellschaft, spiegelt sie auch jetzt radikal – und als sehenswertes Jugendtheater am Koblenzer Haus. Melanie Schröder

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